Proteste gegen Mohammed-Karikaturen

Keine Denktabus

Von Wolfgang Günter Lerch

Als vor Jahren der britische Autor Salman Rushdie seinen Roman „Die Satanischen Verse“ publizierte, erregte dies zunächst kaum Aufsehen. Erst als man dem damaligen iranischen Revolutionsführer Chomeini von diesem „blasphemischen Werk“ berichtete, erließ dieser seine Todesfatwa, in deren bedrohlichem Schatten der Schriftsteller jahrelang leben mußte.

Zeichnungen des Propheten Mohammed aus dem vergangenen Herbst erregten in Dänemark ein Grummeln unter Muslimen, doch zu aggressiven, panislamischen Protesten und Drohungen gegen diese „Herabwürdigung“ kommt es erst jetzt. Hat diesmal Saudi-Arabien die Hand im Spiel, das seit dem „11. September“ im Westen häufig an den Pranger gestellt worden ist? Will es jetzt dadurch, daß es die Muslime aufrüttelt und vor aller Augen skandinavische Waren boykottiert, den so kritischen Westen in Schwierigkeiten bringen?

Die Europäer müssen standhaft bleiben

Unter dem Eindruck der Terrorismusdrohung sind manche jetzt offenbar leichter als zu Zeiten Rushdies geneigt, sich rasch zu entschuldigen und damit den Prinzipien der (auch satirischen) Meinungsäußerungsfreiheit und der Autonomie der Kunst Schaden zuzufügen. Ganz verheerend wäre es, wenn unter dem Vorwand der „politischen Korrektheit“ so etwas entworfen würde wie eine spezielle Schutzpflicht gegenüber den oder einzelnen Religionen: „de religionibus nihil nisi bene“. Sie würde - über die Religion hinaus - das Ende eines wirklich kritischen Nachdenkens gerade über all jene Fragen bedeuten, welche die Menschheit seit alters am meisten bewegen.

In einer weltlichen Zivilgesellschaft darf es, etwa für die Philosophie, keine Denktabus geben; Grenzen setzt der Ton, der auch hier die Musik macht; auch gibt es Gerichte, die man im Zweifel anrufen kann. Bedrohen darf man niemanden.

Die islamische Welt hat, im Unterschied zu den Europäern, die Grundlagen ihrer Kultur niemals im Sinne einer Fundamentalkritik durchforstet. Dies ist, zugegeben, ein schwieriger Prozeß, der vor Zweifel und Skepsis nicht zurückschrecken darf, allerdings auch befreiend wirken kann - für Gläubige wie Nichtgläubige. Schon seit vielen Jahren flüchten kritische Muslime nach Europa, um hier frei von Bedrohung forschen, denken oder dichten zu können. Auch um ihretwillen müssen die Europäer in dieser wichtigen Angelegenheit standhaft bleiben.



Text: F.A.Z., 03.02.2006 / Seite 1
Bildmaterial: F.A.Z.-Greser&Lenz

Karikaturenstreit

26 Tote bei Ausschreitungen wegen Karikaturen

Der Karikaturenstreit eskaliert zusehends: In Nigeria haben muslimische Demonstranten Christen angegriffen und 15 Personen getötet. In der libyschen Stadt Benghasi erschoß die Polizei elf Demonstraten vor dem italienischen Konsulat.

Karikaturenstreit

Iraner attackieren deutsche Botschaft in Teheran

In Teheran haben Demonstranten die deutsche Botschaft mit Brandsätzen, Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen. Unterdessen haben die dänischen Muslime Mitverantwortung für die Ausschreitungen in der islamischen Welt übernommen.

Karikaturenstreit

Lammerts Wiedervorlage

In den vergangenen Jahren hat Norbert Lammert (CDU) immer wieder eine Debatte über die „Leitkultur“ gefordert - erfolglos. Jetzt nutzt der Bundestagspräsident den Karikaturenstreit, um die Diskussion wieder anzufachen.

Dänische Imame

Mit gespaltener Zunge

Der Karikaturenstreit nahm seinen Ausgang unter dänischen Muslimen. Ausgerechnet diese könnten jetzt zu einem Ende der Gewalt beitragen. Am Wochenende gründeten sie bereits ein Netzwerk gemäßigter Muslime.

Ralf König

Die Schrift auf der Wand

Bekannt wurde er durch „Der bewegte Mann“ oder „Lysistrata“. Schockiert von den muslimischen Reaktionen auf die Mohammed-Karikaturen, wurde der Comiczeichner zum Karikaturisten. Und schuf eine Serie, die sich mit der Feigheit in Deutschland auseinandersetzt: Ralf Königs Kommentar zum Prophetenbild.

Muslimische Proteste

„Mäßigend auf die Massen einwirken“

Deutsche Politiker warnen davor, den Karikaturen-Streit weiter eskalieren zu lassen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime wendet sich gegen eine Herabwürdigung seiner Religion, aber auch gegen Ausschreitungen in arabischen Ländern.

Proteste der Muslime

Sie schlagen Dänemark und meinen den Westen

Auf den ersten Blick scheint es, als habe ein Flächenbrand die islamische Welt erfaßt. Der Konflikt über die Mohammed-Karikaturen scheint außer Kontrolle zu geraten. Radikale Muslime nutzen die Gelegenheit, einen latenten Volkszorn zu verstärken. Und doch ist die Eskalation der Gewalt auf wenige Orte beschränkt.

Mohammed-Bilder

Mehrere Tote bei Karikaturen-Protest

Bei Protesten gegen Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen sind in Afghanistan vier Demonstranten getötet worden. In Somalia kam ein Jugendlicher ums Leben, in Teheran wurden die dänische und die österreichische Botschaft angegriffen. Auch deutsche Flaggen gehen in Flammen auf.

Brandanschlag in Beirut

Libanesischer Innenminister tritt zurück

Nach dem Anschlag auf das dänische Konsulat in Beirut ist der libanesische Innenminister zurückgetreten. In Deutschland wollen CDU-Politiker diplomatische Kontakte zu jenen Gaststaaten aussetzen, die europäische Botschaften nicht gegen militante Gegner der Mohammed-Karikaturen schützen.

Streit über Mohammed-Karikaturen

Dänisches Konsulat in Beirut in Brand gesetzt

Die Serie sich verschärfender Demonstrationen gegen Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen reißt nicht ab. In Beirut setzten Demonstranten die dänische Botschaft in Brand. Iran kündigte Wirtschaftssanktionen gegen jene Staaten an, in denen Karikaturen erschienen sind.

Karikaturen-Streit

Du bist Mohammed

Die Karikaturen-Krise ist kein Krieg der Kulturen, sondern ein Familienstreit. Denn ein Europa ohne Muslime gibt es nicht. Es ist keine Leitkultur denkbar, die den Beitrag europäischer Muslime nicht zu berücksichtigen wüßte.

Karikaturen-Debatte

Die Kunst ist frei - aber darf sie alles?

Auch laut Grundgesetz ist „Gotteslästerung“ strafbar. Aber wo sind die Grenzen der Kunstfreiheit? Der Karikaturist Haderer wurde für einen Jesus-Cartoon zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Frattini zum Karikaturenstreit

„Es war unüberlegt“

EU-Kommissar Franco Frattini im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Abdruck der Mohammed-Karikaturen und die Meinungsfreiheit.

Karikaturenstreit

EU warnt vor Handelsboykott gegen Dänemark

Die dänische Wirtschaft steht vor einer bisher nicht gekannten Situation. Laut Jyske Bank könnte ein halbjähriger Boykott dänischer Produkte wegen des Karikaturenstreits 11.000 Arbeitsplätze und Exporte von 1,3 Milliarden Euro kosten.

Karikaturenstreit

Wo liegt die Provokation?

Es geht nicht um Geschmacksfragen: Am anfangs so harmlos erscheinenden Fall der dänischen Karikaturen wird die Bereitschaft des Westens gemessen werden, seine eigenen Ideale zu verteidigen.

Mohammed-Karikaturen

Die satanischen Zeichner

Die Auflage von „France Soir“, die die Mohammed-Karikaturen abdruckte, stieg in den vergangenen Tagen um fünfzehn Prozent. Entschuldigen will sich die Zeitung nicht.

Karikaturenstreit eskaliert

Dänische Botschaft in Jakarta attackiert

Kein Ende im Streit über Karikaturen des Propheten Mohammed: In Jakarta haben aufgebrachte Muslime vor der dänischen Botschaft randaliert. In Qatar hat ein Scheich diesen Freitag zum „internationalen Tag des Zorns“ ausgerufen. Unbeeindruckt druckt die spanische Zeitung „El Pais“ heute eine der Karikaturen auf Seite 1.

Karikaturenstreit

„Kein Zeichen von Zivilisiertheit“

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat die in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Karikaturen über den Propheten Mohammed als „entwürdigend“ kritisiert, aber auch die scharfen Reaktionen radikaler Muslime verurteilt.

„France Soir“

Chefredakteur wegen Mohammed-Bildern entlassen

Einen Tag nach dem Abdruck der umstrittenen Mohammad-Karikaturen im Pariser „France Soir“ ist dessen Chefredakteur vom ägyptischen Besitzer der Zeitung entlassen worden.

Mohammed-Karikaturen

Der Westen darf sich nicht beugen

Spezial Die Lektion, die der Islam in weiten Teilen noch vor sich hat, lautet: Zu jedem legitimen Selbstverständnis gibt es eine legitime Außenperspektive, die ihm zuwiderlaufen darf. Zum Streit über die Mohammed-Karikaturen.

Islam und Meinungsfreiheit

„Unbändige“ Kräfte im Karikaturen-Streit

Der Streit über zwölf in Dänemark veröffentlichte Karikaturen, die den Propheten Mohammed zeigen, eskaliert. Auch in nicht-arabischen Ländern halten die Proteste von Muslimen an. Die EU warnt vor Boykott-Drohungen.

Mohammed-Bilder

Muslime protestieren weiter gegen Karikaturen

In Bagdad haben Demonstranten die dänische Nationalflagge verbrannt - aus Protest gegen die Karikierung des Propheten Mohammed in einer dänischen Zeitung. Muslime fordern den Papst auf, sich einzuschalten.

Mohammed-Karikaturen

Ist der „Kampf um die Meinungsfreiheit“ verloren?

Die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ hat den „Kampf um die Meinungsfreiheit“ durch Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed für verloren erklärt. Andere Blätter dagegen drucken nun die Bilder nach - darunter die deutsche „Welt“.

Karikaturen im Islam

Tabu ist die Religion

Arabische Karikaturisten genießen eine immer größere politische Freiheit. Aber Religion zum Thema zu machen oder gar den Propheten Mohammed darzustellen, bleibt undenkbar. Das erklärt den Streit mit dem Westen.

Skandinavien und der Islam

Zeitung entschuldigt sich für Mohammed-Karikaturen

Nach heftigen Reaktionen auf Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung hat sich der Chefredakteur des Blattes entschuldigt. Zuvor war ein EU-Büro in Gaza gestürmt und zum Boykott dänischer Produkte aufgerufen worden.

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