Von Dieter Bartetzko, Rotterdam
31. Mai 2007 Petersburg, Stockholm, Amsterdam - sie alle nennen sich gern das Venedig des Nordens. Rotterdam, das doch auch etliche Wasserstraßen sein Eigen nennt, verzichtet darauf. Dafür aber richtet man dort, genau wie in Venedig, eine Architekturbiennale aus. Visionäre Kraft lautet ihr Titel diesmal. Und gäbe es nicht das niederschmetternde architektonische Durcheinander, mit dem die Stadt als grauer Phoenix der Moderne aus der Asche des deutschen Bombardements von 1940 wiederauferstand, könnte man sich in Venedig fühlen: Denn wie 2006 die venezianische führt nun auch die Rotterdamer Biennale den Besucher auf einen Bußgang durch effektvoll ausgeleuchtete Weltuntergangsszenarien; l'heure bleu der Apokalypse.
Wie haben wir gejubelt, als in Berlin die Mauer fiel. Da wussten wir noch nicht oder wollten nicht wissen, dass sie eine Hydra ist, der Dutzende Köpfe nachwachsen. In San Diego und Tijuana zum Beispiel, wo martialische Mauern als Grenze nicht nur zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten aufragen, sondern stellvertretend als Wall zwischen Erster und Dritter Welt oder, simpler noch, als die globale, immer unüberwindlicher werdende Mauer zwischen Arm und Reich. Dem Berliner Betonungeheuer am ähnlichsten sieht momentan jene Mauer, die die beiden feindlichen Brüder Israel und Palästina trennt. Von ihr ist im Niederländischen Architekturinstitut (NAI) exemplarisch die Rede. Schreckensbeispiel ist dabei das palästinensische Dorf Ein Hud, das nach der israelischen Eroberung und der Vertreibung der Bewohner 1967 den hebräischen Namen Ein Hod erhielt und zu einer Künstlerkolonie ausgebaut wurde. Doch Ein Hud lebt weiter. Als Neugründung eines vertriebenen Palästinensers nämlich, der nahe beim alten Dorf neu siedelte. Bis heute ist dieses zweite Ein Hud eine stacheldrahtumzäunte Enklave, die mehrmals von Israel zerstört, wieder aufgebaut, umgewidmet wurde - ein Unruheherd, in dem das zeitlose bäuerliche Leben auf der Nadelspitze modernster Raketen balanciert.
Die Grenze zwischen Stadt und Land
Sehr bunt sind die Bilder aus Ein Hud. Sie überstrahlen den Schwarzweiß-Blick der Ausstellungsmacher, die viel vom palästinensischen Elend erzählen, aber nichts von der israelischen Überlebensangst. Immerhin: Das NAI weitet den Blick auf das horrende Flüchtlingselend in aller Welt. Auf das unstete Leben der Betroffenen reagieren Architekten mit ebenso unsteten Architekturen - transportable Häuschen oder zu kleineren Türmen montierbare Wabengebilde werden gezeigt, die überall Platz finden könnten, auf Brachen, Abseiten und zwischen den Betonmonstren der Megacitys, in die inzwischen - Stichwort Landflucht - weltweit täglich 150.000 Menschen zuwandern. Ein anderes Rotterdam in fünf Tagen, ein weiteres Los Angeles oder Lagos in drei Monaten, kommentiert der Biennale-Direktor George Brugmans.
In den Niederlanden wiederum, wo keine Grenze mehr zwischen Stadt und Land existiert, geht es darum, das Wachstum an Menschen und Bauten gemäß einer kommenden Megastadt zu organisieren, die zugleich Staat ist. Deshalb bietet das NAI einen als Dauerausstellung eingerichteten Rückblick auf den niederländischen Städtebau zwischen 1850 und 2004. Man trifft auf die historistischen Quartiere Amsterdams oder den vorbildlichen Siedlungsbau der zwanziger Jahre, dessen expressiver Backstein-Dynamismus so gar nichts mit der deutschen Bauhaus-Asketik zu tun hat. Umso deutlicher wird dadurch die gnadenlose Zäsur, die mit dem Internationalismus der Nachkriegsära auftrat: Anonyme Megastrukturen, uniforme, von Grünflächen kaum erträglicher gemachte Wohn- und Bürosilos verbreiten den Schrecken menschenwimmelnder Endlosigkeit.
Auch Almere, 1968 begonnen als Retortenstadt, in der alle alten Bausünden vermieden werden sollten, weckt nur zwiespältige Gefühle: Die damals als wohltuend empfundene Kleinteiligkeit entpuppt sich nun als Zwergausgabe der Megastrukturen, und die jüngeren Experimente gleichen mit ihrem Zickzack zwischen kleinformatigem Hightech und historisierenden Rückgriffen den Spielereien überreizter altkluger Kinder.
Die Moderne im Zauber der Tradition
Wie viel Gestaltungsfreude Europa einmal aufbrachte, bezeugt die Kolonialarchitektur, die parallel dazu gezeigt wird. Indonesien wurde unter holländischer Verwaltung architektonisch nicht domestiziert, sondern bereichert mit Bauten, in denen niederländische und heimische Stilformen reizvoll zu Neuem verschmolzen. Selbst die allem Heimischen feindliche Moderne der zwanziger Jahre beugte sich hier dem Zauber der Tradition und integrierte asiatisches Formengut. Vor diesem Hintergrund versteht man die Zwanziger-Jahre-Siedlungen in Amsterdam und Rotterdam besser: Ihre bestrickend bizarren Türme, ihre gezackten Wände und schwelgerischen Fassaden zeigen sich inspiriert vom Formengut der Kolonien.
Ein beklemmendes Gegenbeispiel ist in Rotterdams Kunsthalle zu sehen, wo die Zentralausstellung der Biennale ihren Platz hat: Sie stellt Astana vor, die neue Hauptstadt Kasachstans, des neuntgrößten Landes der Erde. Mitten in der Steppe entsteht sie, 1997 auf Geheiß des Präsidenten Nasarbajew, als Erweiterung einer stalinistischen Gründung. Einen atemberaubend riesigen Platz des Friedens und der Einheit gibt es dort, umstanden von goldstrotzenden Türmen, monströsen Arkadenreihen, Kuppeln, Rotunden, himmelhohen Torbauten und wolkenkratzenden Verwaltungskolossen, zwischen denen sich Rampen, Terrassen und Freitreppen ausbreiten. Von der Zentralmoschee über den Präsidentenpalast bis zum Prachtquartier der nationalen Ölkompanie KazMunaiGaz erscheint alles irgendwie mongolisch, irgendwie futuristisch, irgendwie stalinistisch - und exakt so, als seien die phantastischen Riesenstädte der Star Wars-Serie in die Realität übergetreten.
Metropolen des 21. Jahrhunderts
Wieder einmal hat sich also der angebliche Schund des Sciencefiction-Genres als weitsichtige Prognose erwiesen. So wie umgekehrt alle vernunftgesteuerten Träume der Moderne von einer freieren und glücklicheren Welt zuschanden wurden. Der Euphorie, mit der einst Architekten die Menschheit erlösen wollten, entspricht nun der Feuereifer, mit dem das Ende der Architektur beschworen wird. Gestern in Venedig, heute in Rotterdam: Vierzehn Metropolen werden vorgestellt, in deren schier unlösbaren architektonischen Problemen sich die des einundzwanzigsten Jahrhunderts widerspiegeln: Übervölkerung, Verelendung, Chaos, Segregation, Zerstörung der Ressourcen - und der Grundregeln menschenwürdigen Lebens. Von Beirut bis São Paulo, von Mexiko City bis Busan tobt dieser selbstmörderische Prozess und formt sich weiter aus in immer gleichen Bauwelten: monströs wuchernde Armeen ödester Betonkisten, umringt von und durchsetzt mit Elendsvierteln, zu denen die Gettos der Reichen Abstand halten: glas- und stahlflirrende Hochhauszonen oder mauerbewehrte Villenviertel, die sich weltzweit immer ähnlicher werden.
Wechselt man in Rotterdams Kunsthalle von einem der eiförmigen Kabinette - ungehobelte Baulatten, die sich dennoch zu hocheleganten filigranen Gebilden formieren - in das nächste, sagt einem anfangs nur die Beschriftung, um welche Stadt es gerade geht. Die Elendsszenen sind dieselben, die Hässlichkeit auch. Was tun? George Brugmans bat vierzehn junge Architektenteams um Lösungen. Sie lieferten alles, was derzeit ehrgeizige und engagierte Vertreter ihres Fachs zu bieten haben - mal zynisch, mal idealistisch, oft beides. Mit freudigem Masochismus erklären einige Teams die Elefantitis der Megastädte zum Naturgesetz und huldigen ihr - Beirut, Luoyang, Busan, Moskau - mit Visionen von exzentrischen Kolossen, die als monströse schimmernde Quallen, Schachtelhalme, Drusen oder Zikkurate die trostlosen Mondlandschaften der Betonkistenstädte überragen. Andere pusseln wie Schrebergärtner am Dickicht der Städte, wollen kleine Hütten bauen und Asphaltwüsten begrünen.
Pures Grauen weckt das Modell für Ceuta, eine spanische Enklave in Marokko. Das Team Kersten Geers und David Van Severen plant hier, am Schnitt- und Grenzpunkt zwischen Afrika und Europa, eine Cité de Refuge. Ein Quadrat von je 482 Meter Seitenlänge wird von Zellen gerahmt, die sich nach innen auf gerasterte Pfeilerarkaden öffnen. Was vielleicht als hypermoderne Variante der mittelalterlichen Karawansereien gedacht ist, wird vor der umgebenden Realität zum gigantischen Zuchthaus.
Büchse der Pandora
Oder man kann Ceuta als Zitadelle deuten und damit als das sprechende Bild jenes Schlachtfelds, in das die wirtschaftlichen Wettkämpfe die Welt verwandeln. Rotterdams Biennale redet davon, aber einen Rat weiß sie nicht. Mit wie vielen Hoffnungen und Verheißungen einst der Grundstein für jene Welt gelegt wurde, in der wir heute gefangen sind, zeigt die Hauptausstellung des NAI: Le Corbusier. Einer der Schöpfergötter der Moderne wird hier gefeiert, alle seine Geniestreiche sind in Originalzeichnungen und Modellen zu sehen: die Villa Savoye, die Unité d'Habitation, Chandigarh, Ronchamp. Auch das Grundmodul des Domino-Konzepts von 1915 ist präsent, jene Kombination aus Eisenträgern und Betonplatten, die das Errichten eines winzigen Flachdachpavillons wie den Bau von Millionenstädten zum Kinderspiel machen sollte. Auf dem vergilbten Zeichenpapier mutet Domino an wie ein Prospekt von Playmobil. Ein Blick nach draußen, und man weiß - Le Corbusier schuf die Büchse der Pandora.
Bis 2. September. Der Biennale-Katalog kostet 32,50 Euro, der Le Corbusier-Katalog 84,75 Euro.
Text: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite 33
Bildmaterial: inter-national-design, NAI
Kempowskis kollektives Tagebuch: Einer für ![]()
Letzter Polizeiruf mit May und Selge: Das letzte Rätsel gibt er selbst auf