Von Herwig Birg
24. Februar 2005 Unter den zahllosen Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die Renten-, Kranken-, und Pflegeversicherung, die Arbeits- und Wohnungsmärkte, die Auslastung der kommunalen Infrastruktur und die öffentlichen Finanzen etc. sind in Deutschland die negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum besonders nachhaltig und gefährlich.
Durch die Bevölkerungsschrumpfung und die demographische Alterung verringert sich die Wachstumsrate des Volkseinkommens, was einen großen Verlust an Einkommen und einen entsprechenden Ausfall an Steuereinnahmen bedeutet. Die negativen wirtschaftlichen Konsequenzen haben ihrerseits einen ungünstigen Einfluß auf die Geburtenrate, so daß sich die Ursache der demographischen Probleme - die niedrige Geburtenrate - durch deren Folgen noch verstärkt.
Gesundheitlicher Ausleseeffekt der Migration
Diese Einflüsse müssen und können bei Bevölkerungsprognosen einbezogen werden, indem ihre Wirkungen auf die Kinderlosigkeit der nachwachsenden Jahrgänge und auf die Wahrscheinlichkeit für die Geburt erster, zweiter sowie dritter und weiterer Kinder bei der Annahmensetzung für die künftige Geburtenrate berücksichtigt werden.
Die Geburtenzahl pro Frau ist regional unterschiedlich, sie schwankt zwischen 1,9 im Landkreis Cloppenburg und 0,9 in Heidelberg. Bei den Deutschen beträgt sie 1,2, bei den Zugewanderten 1,9, in den alten Bundesländern 1,4 und in den neuen 1,1. Die Lebenserwartung differiert weitaus weniger, wobei die Zugewanderten durch den gesundheitlichen Ausleseeffekt der Migration wahrscheinlich eine höhere Lebenserwartung haben als die einheimische Bevölkerung.
Scherenartiger Verlauf
Die Hauptergebnisse einer nach Bevölkerungsgruppen differenzierten Bevölkerungsprognose sind:
Die demographische Entwicklung verläuft scherenartig, gleichzeitig zur Bevölkerungsexplosion bei den älteren vollzieht sich eine Bevölkerungsimplosion der mittleren und jüngeren Altersgruppen:
Die Zahl der über Sechzigjährigen nimmt bis 2050 um rund zehn Millionen zu, gleichzeitig schrumpft die der Zwanzig- bis Sechzigjährigen trotz eines angenommenen Einwanderungsüberschusses von etwa 170.000 jüngeren Menschen pro Jahr um rund 16 Millionen. Die Zahl der unter Zwanzigjährigen nimmt um acht Millionen ab, die der Geburten geht bis 2050 von 700.000 auf 440.000 zurück. Insgesamt schrumpft die Bevölkerung von 82 auf 68 Millionen Bürger.
Staatsbürgerschaftswechsel beachten
Wie bei jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Baden-Württemberg und Bayern haben durch Einwanderungsüberschüsse und durch die Binnenwanderungen innerhalb Deutschlands von Ost nach West und von Nord nach Süd noch bis etwa 2020 Bevölkerungszuwächse, die besonders in den neuen Bundesländern um so stärkere Bevölkerungsrückgänge bewirken.
Die zugewanderte Population wächst bis 2050 durch ihre Geburtenüberschüsse und durch weitere Einwanderungen auf 19 Millionen, gleichzeitig schrumpft die deutsche Bevölkerung infolge von Geburtendefiziten auf 49 Millionen, wobei Staatsbürgerschaftswechsel beachtet werden müssen. Bei den unter Vierzigjährigen werden die Zugewanderten in vielen Großstädten ab 2010 einen Anteil von fünfzig Prozent erreichen, nur bei den Älteren bleiben die Deutschen in allen Regionen in der Mehrheit.
Demographische Schrumpfung
Die demographische Alterung beruht in wesentlich stärkerem Maße auf der niedrigen Geburtenrate und der dadurch bewirkten abnehmenden Zahl der jüngeren und mittleren Altersgruppen als auf der Zunahme der Lebenserwartung, für die ein Plus von sechs Jahren bis 2050 erwartet wird. Heute ist die Zahl der über Sechzigjährigen etwa gleich groß wie die der unter Zwanzigjährigen, im Jahr 2050 ist sie dreimal so hoch. Die Zahl der mehr als Achtzigjährigen verdreifacht sich von drei auf rund zehn Millionen.
Wesentlich für die demographische Schrumpfung ist, daß sie automatisch eine demographische Alterung nach sich zieht, die irreversibel ist; wegen der niedrigen Geburtenrate ist eine Schrumpfung ohne Alterung in Deutschland nicht möglich. Der Altenquotient, also die Zahl derjenigen über sechzig im Verhältnis zu den Zwanzig- bis Sechzigjährigen, steigt bis 2050 von 42 auf 80 bis 90: Wollte man den Anstieg durch Einwanderungen Jüngerer verhindern, müßten rechnerisch bis 2050 188 Millionen Menschen netto zuwandern.
Modellrechnung nicht Prognose
Das Statistische Bundesamt kommt zu ähnlichen Ergebnissen, doch wird selbst die unterste der vorgelegten zehn Varianten schon von der tatsächlichen Entwicklung unterschritten. Die Berechnungen des Statistischen Bundesamtes reichen bis 2050, die oben referierten des Verfassers bis zum Ende des Jahrhunderts.
Die Zahlen für die Zeit nach 2050 sind dabei als Ergebnisse von Modellrechnungen zu verstehen, nicht als Prognosen. Wichtig ist, daß die Bevölkerungsschrumpfung nicht bei runden Zahlen wie 2050 auf einem niedrigeren Niveau endet, sondern sich auch noch im 22. Jahrhundert fortsetzt, wenn sich die Geburtenrate nicht erhöht oder immer größere Einwanderungsströme das wachsende Geburtendefizit kompensieren.
Text: F.A.Z., 25.02.2005, Nr. 47 / Seite 39
Bildmaterial: F.A.Z.
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