Internet-Shows

Trash können wir selber

Von Mercedes Bunz

Toni Mahoni: “Kost mich ja nüscht“

Toni Mahoni: "Kost mich ja nüscht"

04. Juni 2006 Aus dem Monitor grüßt es in breitem Berlinerisch. "Tachchen." Toni Mahoni sitzt in T-Shirt vor der Kamera, in der einen Hand eine Kaffeetasse, mit der anderen kratzt er sich nachdenklich an den kurzen, braunen, leicht strubbeligen Haaren. Dann setzt er an und redet vor sich hin, kritisiert Ladenketten, lobt die Pharmaindustrie für die erfolgreiche Bekämpfung des Heuschnupfens, verteidigt Tauben gegen ihren schlechten Ruf oder berichtet von der Konversation mit seinem Dönerverkäufer. Allerdings nicht im Fernsehen, sondern im Internet.

Seit letztem Oktober kann man dort zweimal wöchentlich die etwa fünfminütige Show von Mahoni sehen - einen sogenannten Videocast. Präsentiert wird er von Spreeblick.com, einem soeben mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Weblog, das der Berliner Journalist Johnny Haeusler zusammen mit einigen Mitarbeitern betreibt (Siehe auch: Preise für „Ehrensenf“ und „Spreeblick“). Bis zu 10.000 Mal wird eine Mahoni-Show mittlerweile abgerufen. "Als mich jemand auf die Website von Toni aufmerksam gemacht hat, wollte ich zunächst einfach nur darauf verweisen", erzählt Haeusler. "Dann wurde mir klar, da kann man mehr daraus machen." Haeusler hat Toni quasi entdeckt - zunächst nur für das Internet. Aber vieles deutet darauf hin, daß das Internet zu jenem Ort wird, in dem die Medien-Stars von morgen ihre ersten Schritte in der Öffentlichkeit austesten.

Karaoke als Prinzip

In den vergangenen Jahren rekrutierte die Medienlandschaft ihren Nachwuchs vor allem aus dem Reservoir der Musiksender VIVA und MTV. Was bei Harald Schmidt noch die Schauspielschule war, das war für den Moderator Stefan Raab oder die Schauspieler Heike Makatsch und Christian Ulmen das Studio der Musiksender. Doch wo sich junge Talente früher durch erfindungsreiche Anmoderationen der Musikclips auszeichnen konnten, bedient man heute ein Monstrum namens interaktives Fernsehen, bei dem die Interaktion darin besteht, die Zuschauer über teure Bezahlnummern zum Anrufen zu animieren. Mit dem Internet hat der Nachwuchs eine Alternative gefunden, die nicht nur zum hemmungslosen Experimentieren einlädt, sondern die den passionierten Selbstdarstellern mittlerweile auch die Chance bietet, die interessierte Öffentlichkeit zu erreichen. Im Internet gehen Sternchen oft schneller auf - und nicht immer gleich wieder unter.

Von ihrem Erfolg überrascht wurden vor kurzem zum Beispiel Pomme und Kelly, zwei 15jährige, holländische Mädchen mit einem Hobby, das für heutige Teenager typisch ist: "Wir filmen gerne seltsame Videos mit Pommes Kamera." Längst finden sich ungezählte selbstgemachte Clips im Netz, in denen mal mehr, mal weniger pickelige Teenager ihren Lieblingssong aufführen und in schlecht ausgeleuchteten Jugendzimmern vor Kameras herumhampeln. Binnen kürzester Zeit ist so ein ganz neues Genre entstanden: Videokaraoke. Nicht in allen Fällen ist die Komik beabsichtigt, die beiden Holländerinnen jedoch haben nicht nur Humor, sondern auch Talent. Innerhalb von zwei Monaten brachten sie es bis auf das Titelblatt der auflagenstärksten Zeitung der Niederlande, "De Telegraaf", und schließlich bis in die "Los Angeles Times". Die berichtet über einen internationalen Wettbewerb in Videokaraoke, den der 27jährige Australier Ben Petro mit "GoogleIdol" lanciert, nachdem er auf die Clips von Pomme und Kelly gestoßen war. Ausgerechnet die beiden ziehen sich jedoch wieder aus der Öffentlichkeit zurück und nehmen bis auf "Respect" von Aretha Franklin, mit dem sie die Endausscheidung des Wettbewerbs gewannen, all ihre Videos aus dem Netz. Ihnen wird der Erfolg schließlich zuviel.

Anarchie und Dilettantismus

40.000 Menschen beteiligen sich nach Angaben des Veranstalters an der Wahl des ersten Google-Idols, weit mehr haben die Videos im Netz gesehen. Auch wenn diese Zahlen im Vergleich zu Einschaltquoten des Fernsehens noch marginal erscheinen, zeigt es, daß Videos jetzt auch im Internet zum Massenmedium geworden sind - und es ist abzusehen, daß sie dort dem Fernsehen ernsthafte Konkurrenz machen könnten. Längst nämlich ist das Einstellen von Videos ins Internet keine umständliche technische Prozedur mehr. Seit einem knappen Jahr ermöglichen Dienste wie Google-Video oder YouTube.com, die Clips einfach ins Netz zu laden und problemlos in die eigene Website zu integrieren.

Auch wenn die Qualität nach wie vor zu wünschen übrigläßt, wird Videobloggen damit zu einer Möglichkeit für jedermann. Daß aus dieser Anarchie viel Dilettantismus erwächst, ist klar: Nur sollte gerade das Fernsehen wissen, daß ästhetische Mängel keine Garantie für Mißerfolg sind. Der Hang zur Trash-Kultur ist den Amateurvideos zwar deutlich anzumerken - nur haben die Videoblogger dieses Stilprinzip nicht selbst erfunden, sondern wiederum vom Fernsehen abgeschaut, Karaoke eben. Google-Idol zeigt, daß TV-Konzepte wie "Pop-Idol", das hierzulande unter dem Motto "Deutschland sucht den Superstar" vermarktet wurde, im Internet ohne umständliche Castings und aufwendige Show viel billiger produziert werden können. "Kost mich ja nüscht, außer Kaffee, Tabak und ab und zu mal ein Bier", so beschreibt Toni Mahoni seinen Produktionsaufwand, und genau dieser Vorteil des Internets könnte an der Macht der Fernsehsender gehörig rütteln. Denn trotz hoher Produktionskosten und intensivem Pressewirbel ist das Ergebnis im Fernsehen im Endeffekt dasselbe: Ob Internet oder Fernsehen, hier wie dort versinken die Teenager nach 15 Minuten Ruhm wieder in der Bedeutungslosigkeit.

Charismatische Katrin Bauerfeind

Auch andere Internet-Shows orientieren sich ironisch an Fernsehvorbildern - und können gelegentlich ganz gut mithalten. Die amerikanische Show "Rocketboom" persiflierte schon vor einigen Jahren den Stil der Fernsehnachrichten im Netz. Die Moderatorin der Sendung, Amanda Congdon, ist ein superb aussehender Profi, der es mit jeder CNN-Nachrichtensprecherin aufnehmen könnte, hat aber im Gegensatz zu ihren Kollegen vom Fernsehen mehr Humor. In Deutschland wird das Konzept dieser Show seit Herbst letzten Jahres von "Ehrensenf" mit der charismatischen Moderatorin Katrin Bauerfeind erfolgreich kopiert. Nicht nur der ungewöhnliche Titel, ein Anagramm für "Fernsehen", verbindet die Show mit dem Vorbild - auch die Produzenten: Carola Sayer und Rainer Bender haben vorher Sendungen für RTL, Sat.1 und Endemol entwickelt. Seit Mitte Mai wird der tägliche Streifzug durch die Skurrilitäten des Webs auch von "Spiegel Online" präsentiert und wurde ebenfalls gerade mit dem "Grimme-Online-Award" ausgezeichnet.

Während sich das Internet mit diesen News-Sendungen dem Fernsehen anpaßt, ist abzusehen, daß der Trend demnächst in die andere Richtung laufen wird: Das Fernsehen wird sich dem Internet anpassen müssen. Denn das Fernsehen hat ein Problem: Es wird alt. Das Medium wird von jungen Leuten nicht mehr angenommen. Immerhin sind einige Sender dabei, den Ernst der Lage zu erkennen. Man habe bereits eine Generation junger Zuschauer an iPod, Spielkonsole und Internet verloren, das Konzept des "Broadcasting" sei somit in absehbarer Zeit am Ende, ließ der Chef der BBC, Mark Thompson, vor kurzem verlauten. Und kündigte an, auch für die BBC eine Online-Plattform zu schaffen, auf der junge Leute sich mit ihren eigenen Videos präsentieren können.

Rückzug als Option

Generation Google kommt - und sie spielt ihre Rolle auch nicht mehr nur als passiver Zuschauer. Das Medienverhalten hat sich geändert. Das Internet ist also mehr als ein Sprungbrett, um vom Fernsehen entdeckt zu werden. Es verdrängt das Fernsehen nicht, für die Jüngeren steht es gleichberechtigt an dessen Seite. Das Fernsehen, sagt auch Toni Mahoni, interessiere ihn weniger. "Ein Angebot vom Fernsehen würde ich mir sehr genau überlegen. Und ich tendiere zum ,Nein'", erklärt er sehr klar. "Fernsehen ist einfach nackter, im Netz kann man viel subtilere Sachen machen. Und man muß keine Quote erreichen." Tatsächlich hätte es Mahoni im Fernsehen nicht einfach, denn er macht keine Comedy. Wenn seine Show an ein Vorbild erinnert, dann an die Melancholie und den Witz des jungen Harald Juhnke. "Ich bin Geschichtenerzähler", sagt er über sich selbst. Erfolg hat er trotzdem, auch ohne Fernsehen. Gerade hat ihn für die Fußball-Weltmeisterschaft Focus.de engagiert, um täglich das Treiben rund um die Weltmeisterschaft zu kommentieren. Was passiert auf den Straßen, wo weinen die Leute in den Kneipen, wo sind die einsamsten Fans in der Stadt. Geschichten eben. "Blödelcomedy oder Pointen sind nicht so mein Ding", sagt er.

Die Vorsicht eines Berliner Originals wie Toni Mahoni, aber auch der Rückzug von Pomme und Kelly zeigen eines: Das Verhältnis zwischen Medien und Menschen hat sich geändert. Früher war es etwas Besonderes, die Aufmerksamkeit der Medien auf sich lenken zu können. "The show must go on", lautete der Spruch, der symbolisiert, welchen Vorrang man dem Medium zusprach. Der aktuelle Nachwuchs ist da weitaus selbstbewußter. Er testet die ersten Schritte im Internet aus. Bei Bedarf zieht er sich dann aber auch wieder zurück. Und seien wir ehrlich: Genau dieses Verhalten hätte man sich bei so manchem Fernsehstar sehr gewünscht. Auch heute noch.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2006, Nr. 22 / Seite 28
Bildmaterial: Christian Thiel / F.A.Z.

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