27. April 2007 Man sollte wirklich öfter Leute zu Vorträgen einladen, die das große Ganze im Blick, die den Überblick haben - der Verleger Hubert Burda jedenfalls beehrte die Universität seiner Heimatstadt Heidelberg für ein Referat, das schon in seiner zwanglosen, gleichsam amerikanischen Lässigkeit die Aprilhitze erträglich machte. In der Reihe Heidelberger Hochschulreden, welche die Hochschule für Jüdische Studien an der Ruprecht-Karls-Universität abhält, sprach er auf Einladung von Salomon Korn über Media in Transition.
Dass die Medien sich in einem fortlaufenden Wandel befinden und sich die Stabilität ihres Zustands aus ihrer fortwährenden Umbruchssituation ergibt, wissen wir alle, und es führt bei den Nutzern, die nicht gerade nerds oder freaks sind, nicht immer zur Euphorie - wo der Profi Möglichkeiten, sieht, seufzt der Laie im Bewusstsein vorgeblicher Überforderung über die Unübersichtlichkeit und verzichtet freiwillig auf den Anschluss an die Technik. Dieses Gefühl kennen wir alle, es ist der Aversion gegenüber Bedienungsanleitungen verwandt.
Im Dickicht der Schrift- und Mediengeschichte
So war denn Hubert Burdas Auftritt in der gutbesuchten Alten Aula vor allem ein Akt es Mutmachens: Nutzt die Möglichkeiten der digitalen Revolution!, rief er den schwitzenden Hörern gleichsam zu, wenn rufen der richtige Ausdruck ist für eine Vortragsweise, die eher einer sanften, in der Sache triftigen Überredungskunst gleichkommt. Ohne sich in Details zu verlieren, schlug er Schneisen ins Dickicht der Schrift- und allgemein auch der Mediengeschichte von den Hieroglyphen über Johannes Gutenberg bis hin zu YouTube, dem Videoportal im Internet. Die jederzeit anschauliche tour d'horizon war nun kein Selbstzweck, sondern eröffnete ein beinahe grenzenloses und vom Einzelnen ja überhaupt nicht auszuschöpfendes Reservoir an Möglichkeiten, an Vorteilen, aber auch an Gefahren, die sich seit dem iconic turn, also mit der Übermacht der Bildmedien, für uns alle ergeben haben.
Exemplarisch griff Burda sich etwa das Netzportal StudiVZ heraus, eine Studentenkontaktbörse, die nicht nur den Kontaktscheuen das Kennenlernen erleichtert. Die Selbstironie, mit der er dies tat, führte auch dem Skeptiker vor Augen, dass dergleichen eine echte Marktlücke füllt. Erst die Bedeutung solcher Portale, die allen offenstehen, habe Andy Warhols Versprechen auf kurzzeitige Berühmtheit für jedermann eingelöst.
Verdammenswertes gab es auch zu Gutenbergs Zeiten
Bei allem nachgerade ansteckenden Optimismus, den Burda auch bei dieser Gelegenheit verbreitete, wurden die Auswüchse, an denen sich auch die größte Liberalität stoßen muss, nicht unter den Tisch gekehrt, beispielsweise die digitalen Hinterlassenschaften des massenmordenden Irren von Virginia oder ganz allgemein die Videobotschaften von Terroristen. Burda verkniff sich aber allen Kulturpessimismus, der ja doch nur ermüdet, sondern wies auf die ganz grundsätzliche Tatsache hin, dass die Inhalte einfach immer wieder neue Plattformen finden, deren mächtigste in unserer und wohl noch für lange Zeit nun einmal das Internet ist. Dinge wie Pornographie, die den Gegnern eines Mediums dazu dienen, sie zu insgesamt verdammen, gab es, wie Burda bemerkte, schließlich auch schon zu Gutenbergs Zeiten.
Dass der Bildgläubige zu guter letzt aber den logos ins Recht setzte, war mehr als eine Höflichkeitsgeste gegenüber den Einladenden. Jüdische Studien wie überhaupt die Zunft der Gottesglehrsamkeit, also alles, was sich der Letztbegründung des Lebens verschrieben habe, werden ihre Antworten immer noch in den Texten suchen müssen.
Text: F.A.Z., 27.04.2007, Nr. 98 / Seite 41
Bildmaterial: F.A.Z. - Daniel Pilar