Von Jürgen Kaube
02. September 2005 Im Wahlprogramm der CDU/CSU gibt es zur Kultur nur eine einzige konkrete Mitteilung: Die Rahmenbedingungen für die deutsche Filmwirtschaft sind zu verbessern.
Das ist insofern erfreulich offenherzig, als man auf die an dieser Stelle übliche Formulierung verzichtet hat, wonach der deutsche Film gefördert werden soll. So steht es nämlich allenthalben in den Selbstdarstellungen der nationalen und föderalen Filmförderungs-Agenturen. Es gehe bei der Filmförderung um künstlerische Qualität und inhaltliche Relevanz und so weiter. Was man halt so schreibt, wenn Kultur drübersteht.
Um die 200 Millionen Euro geben die staatlichen Instanzen jährlich für den Film aus, der Bund ist mit gut 30 Millionen Euro dabei. Bei den Jahresgalas der Filmförderer wird der Sinn dieser Subventionen dann in einem Akt gegenseitigen Massenschulterklopfens zwischen Förderern und Geförderten dann eigens bekräftigt. Daß es bei der staatlichen Filmförderung aber tatsächlich nicht um kulturelle Belange geht, wird jedem deutlich, der sie sich näher anschaut.
Die dummstmögliche Bank
In welchem Sinne wären auch Zuschüsse aus Bundesländern zu Filmen wie 7 Zwerge oder Der Schuh des Manitu ein Beitrag zu irgendetwas anderem als dem Branchenwachstum und der Regionalpolitik. Am schönsten formulieren es die Vergaberichtlinien der Hessischen Filmförderung, die von den bezuschußten Filme einen Hessenbezug fordern. Zweifelsohne ein kulturpolitisches Kriterium ersten Ranges. Ähnlich wie in anderen Bundesländern ist es leicht zu erfüllen, etwa durch Wohnsitznahme des Antragstellers, vor allem aber durch Verausgabung der Fördermittel im jeweiligen Land.
Warum es über diese standortpolitischen Filmsubventionen - und Kinosubventionen, Verleihunterstützungen, Kopieförderungen - hinaus noch eine Bundesfilmförderung geben sollte, ist nicht ersichtlich. Filme sind entweder Güter privaten Konsums. Dann kann an der Kinokasse darüber entschieden werden, wieviel welcher Art es davon geben soll. Warum sollte der allgemeine Steuerzahler das Risiko der Produzenten von den Zwergen, des Untergangs oder des nächsten Streifens von Herrn Wenders übernehmen - und das sogar, ohne am Erfolg beteiligt zu ein.
Die Zuschüsse werden im besten Fall zurückgezahlt. Die Urheberrechte selbst der zu 100 Prozent aus öffentlichen Haushalten geförderten Filme verbleiben bei den Produzenten. Neunzig Millionen Euro hat Kulturstaatsministerin Weiss vor kurzem der Filmbranche als Risikokapital in Aussicht gestellt, in einer Art Vorgriff auf die irgendwann fällige Streichung der steuerlichen Begünstigung von Filmfonds. Der Staat verhält sich gegenüber der Filmwirtschaft wie die dummstmögliche Bank.
Filmkompetenzagentur soll Interesse wecken
Wenn Filme nicht Güter privaten Konsums sind, dann sind sie, wie in vielen Fällen der geförderten Produkte, Güter privaten Nichtkonsums, das heißt: Es schaut sie praktisch niemand an. Sei es, weil sie nicht interessant genug sind, weil der Volksgeschmack zum Trivialen tendiert oder weil diejenigen, die sie mit Steuer- oder Gebührengeldern zunächst subventionieren, danach Dienstags um 0 Uhr 25 im Ersten Programm senden, wenn die Facharbeiterschaft schon schläft, die Jugend noch tanzt und auch sonst fast niemand kritisch wachgerüttelt werden möchte. Weil das so ist, wurde kürzlich sogar eine staatlich unterstützte Filmkompetenzagentur gegründet, die das Interesse am deutschen Film wecken soll.
Daß der subventionierte Film dem nichtsubventionierten, vor allem aber dem amerikanischen qualitativ überlegen ist, hält sich zwar als Gerücht. Aber wie in anderen Sparten staatlicher Kulturförderung bleibt der Beweis dafür aus. Denn jenes Urteil wird, wie in den Filmförderungskommissionen des Bundes und der Länder, durchweg von den Interessenten selber gefällt: in den Jurys sitzen die Produzenten, Ausbilder, Schauspieler, Lobbyisten. Sie bestellen, wählen aus, und konsumieren, wodurch sie sich den Titel Cineasten verdienen. Nur bezahlen, das tun alle anderen, die sich in ihrem Konsum vorwiegend amerikanischen Stils, was Qualität angeht, einfach zu irren scheinen.
Text: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 39
Bildmaterial: picture-alliance / dpa
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