Musik

Walkürenritt auf dem Kamel

Von Gerhard Stadelmaier

Verehrt in Abu Dhabi: Richard Wagner

Verehrt in Abu Dhabi: Richard Wagner

06. Februar 2007 Immer wenn Johannes Brahms, als Typ (Junggeselle) wie als Komponist geschworener Antipode Richard Wagners (Vielweiberer), im Wien der achtziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts den Drang verspürte, die um Kärntner Straße und Graben herum residierenden käuflichen Damen aufzusuchen, meldete er sich bei seiner Haushälterin mit den Worten ab: "Ich gehe mal kurz in den Richard-Wagner-Verein!"

Mit dem satirischen Horizontalverweis aufs praktische Ineinsfallen von Geld und Liebe, Käuflichkeit und Lust traf der Großsinfoniker Brahms den Großepiker Wagner sozusagen nicht nur ins Opernvollinhaltliche - vom Venusberg bis Walhall. Sondern auch ins Verwertungsgeniale.

Merkel, altgediente Walküre und reisige Maid

Hatte Wagner, der ewig nach Liebe wie nach Geld Gierende, doch im April 1871 einen Rundbrief "Über die Aufführung des Bühnenfestspiels ,Der Ring des Nibelungen'" losgelassen, des Inhalts, dass jeder, der am "Ring" und am dementsprechend geeigneten Gebäude interessiert sei, sich doch bitte bei ihm melden solle. Das führte prompt zur Gründung von Richard-Wagner-Vereinen in Berlin, Frankfurt, Leipzig, München und Wien, die fleißig Geld fürs Festspielhaus in Bayreuth sammelten. Verehrung und Bezahlung sind ja bis heute für einen echten Wagnerianer identisch - man denke nur an die teuer umkämpften Karten für Bayreuther Aufführungen.

Gegenwärtig gibt es weltweit an die hundertvierzig Wagner-Vereine. Aber noch keinen in Abu Dhabi. Dort, wo gestern Abend unsere Bundeskanzlerin, altgediente Walküre und reisige Maid, eine Rede zu den Grundzügen europäischer Außenpolitik hielt, haben zwei Tage zuvor vierhundert "ergriffene Zuschauer" (dpa) unter Tränen und unter der Schirmherrschaft von Scheich Nahjan bin Mubarak al-Nahjan, Hochschulminister der Vereinigten Arabischen Emirate, den ersten Richard-Wagner-Verband der arabischen Welt aus der Taufe gehoben. Ein Akt nahöstlicher Opernpolitik: im Gegenzug zu Merkel.

Pecunia non ölet

Die Gerührten hörten Auszüge aus "Holländer", "Tannhäuser", "Parsifal", "Lohengrin" und "Walküre", gesungen von sechs Sängern, begleitet von einem Klavierspieler. Die superreiche Wüstenstaatengemeinschaft, die gerne auch die größten Museen der Welt (Louvre) dependanceweise an den arabischen Golf importieren würde, lässt es in Sachen Großoper erst mal bescheiden klavierauszugsmäßig angehen. Man gründet den Wagner-Verein auf Korrepetitoren-Basis: volles Orchester erst später.

Aber wenn man sich ein zur ansteigenden Wagner-Liebe immer üppiger fließendes Scheich-Geld vorstellt, emporquellend aus den sandigen Höhlentiefen arabischen Nibelheims (und: pecunia non ölet, wie der "Titanic"-Lateiner sagt), dann ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der nächste Bayreuther Festspielchef nicht mehr den Namen Wagner, sondern Burnus trägt und die Bundeskanzlerin zum neuen "Ring" (Regie: Nahjan bin Mubarak al-Nahjan?) vom Kamel herab begrüßt.

Text: F.A.Z., 06.02.2007, Nr. 31 / Seite 37
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche