Brandenburg

Türkische Wahrheiten

27. Januar 2005 Würde morgen verkündet, die Streichung des Armeniergenozids aus den brandenburgischen Geschichtslehrplänen sei eine Provinzposse erster Güte gewesen - die daran beteiligten Vorstadtpolitiker würden aufatmen.

Denn dann könnte es kein politischer Skandal mehr sein, und das Schlimmste wäre abgewehrt. Sie haben Fehler eingestanden, ohne sie zu korrigieren, und sie müssen vorerst nicht befürchten, irgendein Bundesland könnte den Streit aufnehmen und vorführen, wie man es anders macht. Denn es bleibt hierzulande ganz und gar unüblich, an hervorgehobener Stelle, und sei es in einem unverbindlichen Lehrplan, auf anderthalb Millionen gemordete Armenier und die Auslöschung ihrer Kultur vor fast neunzig Jahren hinzuweisen.

Das Beschweigen des Genozids

Üblich bleibt auch, daß vom Erziehungsministerium in Ankara entsandte Lehrer - vorgeblich allein für religiöse Unterweisungen zuständig, nur vermag das keiner zu kontrollieren - türkische Kinder an deutschen Schulen unterrichten. Die Lehrerkollegien dort sind in der Regel gehalten, die Kinder, wie es heißt, „nicht durcheinanderzubringen“. Was soviel heißt: den Genozid zu beschweigen.

Der türkische Gesandte, dessen kryptischer Argumentation die brandenburgische Regierung folgte, wurde in Interviews etwas deutlicher. Es könne nicht sein, sagte er zum Beispiel, daß türkischen Kindern Lügen über ihre Heimat aufgetischt würden. Und sein Argument, die Erwähnung des Genozids im Unterricht könne zu „fremdenfeindlichen Übergriffen gegen Türken“ führen, entbehrt zwar der Logik, wird aber gern auch von anderen benutzt, um den Status quo des Schweigens zu begründen.

Ein Teilsieg für die Türkei

Die Ankündigung des Potsdamer Bildungsministeriums, jetzt ein ganz anderes Handbuch für Geschichtslehrer zu produzieren als ursprünglich geplant, zeigt, daß der türkische Gesandte einen Teilsieg errungen hat: Die Bochumer Autoren, angesehene Wissenschaftler auf dem Spezialgebiet der Genozidforschung, sind aus dem Feld geschlagen. Türkische Wissenschaftler, heißt es nun in Potsdam, müßten auch zu Wort kommen. Womit, blieb im dunkeln, doch werde erst dann entschieden, was künftig im Lehrplan steht.

Zuviel Armenien, zu einseitig, lautet der Vorwurf gegen die Bochumer. Der könnte leicht widerlegt werden, nur wer wird das tun? Und was ist das Gegenteil von „einseitig“ in bezug auf einen Völkermord - relativ? „Das letzte Opfer eines Genozids ist die Wahrheit“, schrieb Richard Cohen vor über zwanzig Jahren in der „Washington Post“ zu den Verleugnungsstrategien türkischer Politik. Daran scheint sich bis heute nur wenig geändert zu haben.

Text: Rh / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 35

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