Unfallfolge bei der Konstruktion des Gehirns? Das Böse, hier in Gestalt von Jack Nicholson in Tim Burtons "Batman"
Einer fehlte, und wäre er aufgetaucht, hätte die illustre Gesellschaft nichts mehr zu denken und diskutieren gehabt. Selbst John Brockman, Literaturagent und Guru der Dritten Kultur, konnte ihn aber nicht bewegen, in seinem Salon vorbeizuschauen, den er jeden Sommer aus der Virtualität des Internets, anzuklicken unter edge.org, in ein neuenglisches Idyll verlegt. Dort, im ländlichen Grün von Washington, Connecticut, ging es diesmal um die Moral als neue Wissenschaft. Als neu wurde sie angekündigt, weil sich ihr nicht Philosophen und Theologen widmeten, sondern Psychologen, Biologen, Neurologen und allenfalls solche Philosophen, die sich auf Experimente und die Einsichten der Hirnforschung stützen. Sie alle mussten zugeben, noch auf der Suche zu sein, aber sie vermissten dabei nicht den, der fehlte, die Autorität in Sachen Moral: Gott.
Die säkulare Wissenschaft beherrschte die Konferenz. Als es an ihrem Ende jedoch zu einem ersten Konsens kommen sollte, gingen die Schlussfolgerungen gehörig auseinander. Schon auf die Frage, ob Religion als Teil der Evolution anzusehen sei, blieb die klare Antwort aus. Einig waren sich die Teilnehmer immerhin darin, dass auf Gott zu verzichten sei. Ihm, so das einhellige Resultat ihrer gewiss noch nicht abgeschlossenen oder womöglich nicht abschließbaren Untersuchungen, hat der Mensch die Moral nicht zu verdanken. Dass sie ihm angeboren ist, wollte derart kategorisch allerdings auch nicht jeder behaupten. Nur über den Befund, dass Moral ein Naturphänomen ist, herrschte Einigkeit, wenn auch bloß bis zu einem gewissen Grade. Denn ausschließlich zu verstehen sei das sicherlich nicht. Neben der Natur macht sich in der Moral eben auch die Kultur bemerkbar, und wo die Wirkung der einen aufhört und die der anderen beginnt, ist alles andere als ausgemacht.
In einer Babywissenschaft, wie Elizabeth Phelps, Neurowissenschaftlerin an der New York University, die Moralpsychologie nannte, kann so viel Umhertasten nicht überraschen. Wie es etwa mit dem freien Willen steht, wird noch auf absehbare Zeit ein Rätsel bleiben. Moralische Instinkte, befand immerhin mit einiger Gewissheit Roy Baumeister, Sozialpsychologe an der Florida State University, sind in uns nicht eingebaut. Uns ist lediglich die Fähigkeit gegeben, Moralsysteme zu erwerben. Altruistisch zu sein verleiht uns, die wir von Natur aus selbstsüchtig sind, Vorteile. Dabei ist Moral mit einem Muskel zu vergleichen, der ermüden, aber durch regelmäßiges Training auch gestärkt werden kann. Was leichter klingt als getan ist, wenn nicht feststeht, was da genau zu trainieren ist. Ein moralisches Zentrum, das wir gezielt bearbeiten könnten, weist unser Gehirn nicht auf.
Aber dass wir bei allem Fortpflanzungszwang erstaunlich nett zueinander sind, ist auch Paul Bloom, Psychologe in Yale, aufgefallen. Offenbar haben wir eingesehen, dass unser Leben angenehmer wird, wenn andere uns nicht bekämpfen. Faktoren des Nettigkeitswachstums erkennt Bloom auch im Kapitalismus, der unter netten Menschen besser funktionieren soll, und den Weltreligionen, die in ihrer Dynamik wie Großgruppen wirken und Fremde daran gewöhnen, einander wohlwollend zu begegnen. Dass wir uns über die Jahrtausende moralisch vorteilhaft entwickelt haben, hält nicht nur er für erwiesen. Auch der Neurologe Sam Harris, Autor von The Moral Landscape. How Science Can Determine Human Values“ (Free Press), will sich diesen Fortschritt nicht von unmoralischen Monstren wie Hitler und Stalin verderben lassen.
Im Vertrauen auf wissenschaftliche Logik fordert Harris uns auf, vor Werturteilen nicht zurückzuschrecken, ja statt einer intuitiven Moral eine universale Vorstellung von Gut und Böse anzustreben. So zögert er nicht, Burka und Mädchenbeschneidung dem menschlichen Elend zuzurechnen. Was gut und moralisch ist, sollen wir am Gedeihen, am Aufblühen der Menschheit ablesen. Und wenn das unterschiedlich ausgelegt wird? Dann hat das letzte Wort die Wissenschaft, der allein Harris zutraut, unser Wohl zu maximieren. Sie könnte sich glatt als neue Göttin fühlen. Das kann sie aber nicht, schon weil unsere Intuition gern die Ratio beiseiteschiebt und, wie David Pizarro, Psychologe an der Cornell University, ausführt, emotionale Erfahrungen die Vernunft prägen. Wir schaffen Evidenz herbei, um Prinzipien und Überzeugungen zu untermauern. Pizarro sieht da gerade in der moralischen Domäne viel Hinterlist am Werk, weiß sich aber auch keinen besseren Rat, als am Ende doch der Vernunft zu vertrauen.
Nur mit der Vernunft sind die Menschen aber auch nicht auf den rechten moralischen Weg zu bringen. Jonathan Haidt, Sozialpsychologe an der University of Virginia, will sie mit Geschichten überzeugen. Wie Bloom führt er den moralischen Sinneswandel des Westens gegenüber Rassismus und Homosexualität auf Erzählungen zurück, die weniger in Nachrichtenprogrammen als in Fernsehserien und im Kino verbreitet wurden.
Böse wirkungsvolle Geschichten, wie die Nationalsozialisten bewiesen, gibt es freilich auch. Haidt hält Moral für ein soziales Konstrukt, das sich aus evolutionär fortentwickelten Rohmaterialien zusammensetzt, die wiederum von angeborenen Geschmacksrezeptoren wie Fürsorge/Misshandlung und Fairness/Betrug geliefert werden. Für Joshua Greene, den kognitiven Neurologen und Philosophen in Harvard, ist das nicht genug. Insbesondere im moralischen Dilemma, das heute aus dem technologischen Fortschritt und einem interkulturellen Kontakt erwächst, der unterschiedliche moralische Intuitionen verstärkt, soll den Geschmacksrezeptoren der unbefangene Verstand zur Hilfe kommen. Nur – wie unbefangen vermag er zu sein? Moralische Urteilsfindung stellt in dem Prozess bestimmt kein Endergebnis dar. Joshua Knobe, Experimentalphilosoph in Yale, sieht Anzeichen dafür, dass sich Menschen die Welt erklären, indem sie beständig ihre moralischen Urteile einfließen lassen und damit ihre Lagebeurteilung verwandeln.
Als ähnlich kontaminiert begreift Phelps Emotion und Kognition. Herz und Kopf sind, neurologisch gesehen, gar nicht so leicht zu unterscheiden. Alles vermischt sich im Hirn, das keine strikt getrennten Regionen für Verstand und Intuition bereithält. Marc Hauser, Psychologe und Evolutionsbiologe in Harvard, will beim Ergründen der Moral dennoch der Wissenschaft und den Wissenschaftlern tragende Rollen zugestehen. Wenn das moralische Urteil durch die Serotoninmenge zu beeinflussen ist, sollten wir sie dann so regeln, dass sie bei jedem ausbalanciert ist? Zu welchem Zweck und in wessen Augen?
Neben der Evolution der Moral nimmt Hauser aber auch die Evolution des Bösen ins Visier. Im täglichen Leben meint er es als Unfallfolge bei der Konstruktion des Gehirns wahrzunehmen. Das Böse floriert, wenn unser Verlangen nach persönlichen Vorteilen sich mit unserem Verleugnungspotential zusammentut und wir uns davon verleiten lassen, allen, die in unserem Weg stehen, Schaden zuzufügen und sie zu erniedrigen und auszuschalten. Diese Tendenz will nun die Moralpsychologie nicht nur beschreiben, sondern sie will ihr entgegenwirken. Viel hat sie vor, die Babywissenschaft, und schnell muss sie darum erwachsen werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv
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