Ausstellung

Das Antlitz des 20. Jahrhunderts

Von Konstanze Crüwell

Die Jungbauern, 1914

Die Jungbauern, 1914

16. März 2004 Drei feingemachte Westerwälder Jungbauern beim Sonntagsspaziergang, eine ländliche Blaskapelle vor dem Ersten Weltkrieg, ein schwerbeladener Berliner Kohlenträger, ein schnöseliger Gymnasiast a la „Great Gatsby“, ein schirmbewehrter demokratischer Abgeordneter: Menschen in den zwanziger Jahren. Die bekannten, vielfach reproduzierten Aufnahmen des großen deutschen Fotografen August Sander (1876 bis 1964) sind längst in unser kollektives Bildergedächtnis eingegangen. Um so aufregender ist es, sein grandioses Porträtwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ kennenzulernen, in einer Auswahl von mehr als 200 Vintage Prints, die 2003 in Köln und Berlin gezeigt wurden und nun im Städel zu sehen sind.

„Man hat vor sich eine Art Kulturgeschichte, besser Soziologie der letzten 30 Jahre“, schrieb Alfred Döblin 1929 in seinem Vorwort zu „Antlitz der Zeit“, August Sanders erster Publikation. „Wie man Soziologie schreibt, ohne zu schreiben, sondern indem man Bilder gibt, Bilder von Gesichtern und nicht etwa Trachten, das schafft der Blick dieses Fotografen, sein Geist, seine Beobachtung, sein Wissen ...“ Ästhetik und dokumentarische Treue wollte Sander in seinem „Kulturwerk in Lichtbildern“ verbinden, um in „ehrlicher Weise die Wahrheit zu sagen über unser Zeitalter und seine Menschen“. Das Ergebnis sind 600 Aufnahmen in sieben Gruppen: der Bauer, die Handwerker, die Frau, die Stände, die Künstler, die Großstadt, die letzten Menschen. Er konnte nie alle Fotografien zusammen veröffentlichen. Erst 2001 gelang es der Kölner SK Stiftung Kultur, sein Lebenswerk zu präsentieren.

Anschauliche Geschichte

Selten wird Geschichte so anschaulich wie auf den Porträts von August Sander. Es sind Bilder ganz unterschiedlicher Menschen, die den tiefen Bewußtseinswandel nach dem Ersten Weltkrieg widerspiegeln, die Weimarer Zeit mit ihren politischen und sozialen Spannungen und der jähen kulturellen Blüte, dann die Nazizeit. Eine Schnittstelle bilden die zwanziger Jahre: Der schmucke Notar mit Rassehund und der Großkaufmann mit Gattin verkörpern noch ganz unreflektiert die althergebrachte Bürgerlichkeit, eine längst bedrohte, wie die Bilder der Arbeitslosen und Revolutionäre zeigen.

August Sander suchte Typen darzustellen, typische Repräsentanten also eines bestimmten beruflichen oder gesellschaftlichen Standes. Und es gelang ihm offenbar, seinen Sujets sehr nahe zu kommen, was sich im künstlerischen Mehrwert dieser eindringlichen Menschenbilder zeigt: Manche Porträts wirken in ihrer Individualität so lebensvoll, so anziehend oder abstoßend, daß wir fast meinen, wir könnten uns ihre Geschichte vorstellen.

Bis 2. Mai. Geöffnet Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 21 Uhr.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2004, Nr. 11 / Seite R3
Bildmaterial: Die Photografische Sammlung/ SK Stiftung Kultur, Köln, Die Photografische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln, Photografische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

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