Berliner Stadtschloß

Es fehlt der gewisse zündende Funke

Von Henning Ritter

Darum ging es nur einen Moment lang: das historische Stadtschloß

Darum ging es nur einen Moment lang: das historische Stadtschloß

25. August 2004 Das wieder aufgebaute Berliner Schloß wird es nicht geben. Man braucht dies nur auszusprechen, und die immer stärker werdenden Zweifel der jüngsten Zeit verdichten sich zu dieser Prognose. Nicht allein die finanzielle Situation der Bundesrepublik Deutschland ist dafür verantwortlich zu machen. Der Enthusiasmus, der vor knapp drei Jahren aufflackerte, als der Bundestag beschloß, das von Ulbricht abgerissene Schloß in der Mitte Berlins wiederzuerrichten, war schon verflogen, ehe die Finanzkrise einen zunächst zweijährigen Aufschub erzwang. Niemand kann ernsthaft annehmen, daß man die alten Pläne dann unverändert wieder wird hervorholen können. Schon die bis heute verstrichene Zeit seit jenem denkwürdigen Bundestagsbeschluß hat dessen Verwirklichung weniger gefördert als ausgehöhlt.

Denn wenig ist seither geschehen, um dem großen Vorhaben Gestalt zu geben. Zwar hat der "Förderverein Berliner Schloß" unermüdlich für das Schloß geworben, er hat es den meisten Berlinern überhaupt zum ersten Mal vertraut gemacht durch Dokumentationen, Fotoausstellungen und Computersimulationen. Wilhelm von Boddien hat sein ganzes Engagement nicht nur der Anwerbung von Spenden und Sponsoren gewidmet, sondern auch unverwandt an seinem Traum von einer integralen Rekonstruktion festgehalten. All diese beeindruckenden Aktivitäten nährten sich von der Hoffnung, daß das Berliner Schloß für die Stadt und darüber hinaus ein Symbol sein würde - wie die Dresdener Frauenkirche.

Das geistige Wohlergehen Berlins scheint davon nicht abzuhängen

Aber während diese in Dresden und darüber hinaus ein Wahrzeichen der barocken Stadt und ein Mahnmal für die Kriegszerstörungen ist, hat das Berliner Schloß keine vergleichbare Symbolkraft gewonnen und keine vergleichbare emotionale Intensität auf sich ziehen können. In Berlin gibt es Freunde des Stadtschlosses wie anderer überlieferter Sehenswürdigkeiten, anscheinend aber nicht die Sehnsucht, ein geschundenes Bauwerk auf dem ästhetisch wichtigsten Platz der Stadt zurückzugewinnen. Mit Schloß oder ohne Schloß, die Befindlichkeit, das geistige Wohlergehen Berlins scheint von ihm nicht abzuhängen. Aber ein Wiederbelebungsversuch von solchen Dimensionen bedarf einer um so stärkeren Teilnahme der Bevölkerung. Die Passanten, die vor den Schaufenstern des Fördervereins innehalten und die Schloßrekonstruktion betrachten, stehen dort meist staunend wie vor einem Mammut aus der Vorzeit.

Die Gründe, die allgemein für den Wiederaufbau des Schlosses genannt wurden und die seinerzeit viel Zustimmung fanden, haben jene ansteckende Wirkung nicht entfalten können, um in den Alltag der Stadt auszustrahlen. Nach drei Jahren ist das Schloß zu keinem Objekt hochgestimmter Erwartungen geworden. Berlin meint zu anderen, drängenderen Fragen übergegangen zu sein.

Keine Rede von Symbolkonflikt

Dagegen weckt die Ruine des ehemaligen Palastes der Republik als ausgeweidetes Stahlgerippe die Phantasie als Schauplatz für allerlei Darbietungen, für Ausstellungen und Theateraufführungen. "Volkspalast" steht jetzt wie bei einer Hausbesetzung auf der geschundenen Fassade. Bei der "Wiedereröffnung" am vergangenen Wochenende lockte der Auftakt einer bis in den September andauernden Reihe von Events nicht nur die Berliner Kunstnomaden an, sondern auch manchen älteren Besucher, dem "Erichs Lampenladen" noch aus seinen Glanzzeiten vertraut war. Der Abriß ist für das kommende Frühjahr vorgesehen, aber mit guten Instinkten wittern die Gruppen, die hier eingezogen sind, die Chance, ihn wenigstens so lange hinauszuzögern, bis der Baubeginn für das geplante Schloß feststeht. Das kann freilich lange dauern.

Diese merkwürdige Konkurrenz zwischen dem ehemaligen Palast der Republik und dem Berliner Schloß hat vielleicht nicht mehr als anekdotischen Wert. Von einem Symbolkonflikt kann schon deswegen nicht die Rede sein, weil das Schloß nur einen geringen Symbolwert hat. Dieses Eingeständnis lag schon dem Beschluß zum Wiederaufbau zugrunde: Keinesfalls sollte es als Geschichtsdenkmal wiedererstehen und Träger einer Botschaft sein. Nur einen Moment lang ging es um das historische Schloß, schon bald sprach man von einem Nachfolgebau oder meinte diesen jedenfalls: eine Kombination von rekonstruierten Fassaden und neuem Kern.

Die Gefahr einer Preußennostalgie bannen

Und auch einen neuen Symbolwert wagte man nicht ins Auge zu fassen. Von einer übergeordneten Aufgabe des monumentalen Vorhabens war nicht die Rede, es gab nur ein "Nutzungskonzept" mit einer Mischung von heterogenen Funktionen, die durch das Etikett "Humboldt Forum" notdürftig zusammengehalten wurden. Dieses "Forum" sollte die außereuropäischen Sammlungen in Dahlem, wissenschaftsgeschichtliche Raritäten der Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin aufnehmen, mit vielerlei zusätzlichen Einrichtungen, zu guter Letzt auch noch einem kulturwissenschaftlichen "Humboldt College" für die globale Verständigung. Da sollte es ein "Forum des Wissens" geben, ein "Portal der Kulturen", einen "Bereich der Kontinente" - an Ideen, wie man mit ungewissem Resultat Geld ausgeben könnte, mangelte es nicht. Wenigstens soviel hat die seit Oktober 2001 verstrichene Zeit bewirkt, daß diese Pläne für das Humboldt Forum als gedankliches Edelblech erscheinen.

Man merkt dem Nutzungsplan an, daß er vor allem die Gefahr einer Preußennostalgie bannen sollte. Das ist gelungen, aber um den Preis, daß nicht mehr verständlich zu machen ist, was dies alles mit dem Berliner Stadtschloß zu tun haben soll. Forum und Schloßrekonstruktion konnten sich nicht gegenseitig beleben und zu etwas Neuem verbinden. Wer das Schloß wollte, mußte zähneknirschend Nutzungen in Kauf nehmen, die mit der Geschichte des Baus nichts zu tun hatten, wer an der Idee des Forums hing, mochte in den rekonstruierten Fassaden nur Beschränkungen sehen. Zu einer Diskussion über die Nutzung des Baus ist es, obwohl reichlich Zeit war, nie gekommen.

Nach weniger modischen Antworten suchen

Die Idee des Humboldt-Forums hat zweifellos dazu beigetragen, die Berliner Schloßphantasie trockenzulegen. All das, was hier versammelt werden sollte, gibt es schon an anderen Orten. Und der Gedanke, daß sich die ausgedienten Forschungsgeräte der Humboldt-Universität mit afrikanischen Skulpturen den Funken für ein neues Denken über Welt und Wissenschaft schlagen werden, wirkt anziehend nur auf dem Papier, das Gedankenhülsen wie "Dialog der Kulturen und der Wissenschaften", "Humanismus (res et verba)" und "Faszination des kulturell Entfernten" geduldig aufnimmt. Mit diesen Floskeln lassen sich viele Humboldt-Foren gründen. Offenbar haben die Initiatoren die inspirierende Wirkung der so strapazierten Worte wie Diskurs und Dialog maßlos überschätzt. Aus einem mit Worten zusammengeleimten Aggregat von Zwecken wird auch durch gutes Zureden kein Zweck. Auf ihn aber, einen kommandierenden Zweck, kann ein so kostspieliges wie langfristig wirkendes Vorhaben nicht verzichten.

Aber auch jene, die mit den besten Absichten und mit unbestreitbar guten Gründen die grausamste Wunde in der Stadtlandschaft Berlins schließen wollen und die dem Schloß zutrauen, mehr als eine Narbe zu sein, haben eine zündende Idee nicht gehabt. Allenfalls vorzuhalten wäre ihnen, daß sie sich dem Plan nicht widersetzten, im normalen Wissenschafts- und Kulturbetrieb nach Lösungen des Problems zu suchen. Vielleicht hätte man nach weniger eleganten, weniger modischen Antworten suchen und sich beispielsweise in der Berliner Nachkriegsgeschichte nach Einrichtungen umsehen sollen, die von der breiten Bevölkerung genutzt und geschätzt wurden.

Die Zeit des Moratoriums sollte man nutzen

Eine der erfolgreichsten Berliner Institutionen in den kargen Jahren des Wiederaufbaus war die Amerika-Gedenk-Bibliothek, die intensiv und dankbar von der Bevölkerung genutzt wurde, ein Symbol des Wiederaufbaus und der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Tatsächlich fehlt heute in Berlin eine zentrale Präsenzbibliothek für das allgemeine Publikum - eine umfassende Volksbücherei. Nicht die Versenkung in zauberische Wissenswelten, sondern die Aussicht auf einen großzügigen Zugang zu alten Bücherschätzen und modernen elektronischen Archiven, die jedermann offenstehen, wäre von den Berlinern vielleicht mit Neugier aufgenommen worden. Man denke nur an die unschätzbare Bedeutung der Public Library in New York und ihre ungeheure Popularität, um einer solchen altruistischen Phantasie etwas abzugewinnen.

Wenn der Eindruck zutrifft, daß, unabhängig vom eigenen Wünschen und Wollen, der vor drei Jahren überzeugend artikulierte Wunsch nach einer Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses in der Zwischenzeit nicht stärker geworden ist, sondern eher abgenommen hat, dann muß man nach den Gründen fragen. Sie dürften wohl vor allem darin zu suchen sein, daß man von Anfang an in halbherzige Lösungen ausgewichen ist, daß man sich nicht für eine Aufgabe entscheiden konnte. Die Zeit des durch Finanznot eingetretenen Moratoriums sollte man nutzen, um sich über die Aufgabe des rekonstruierten Stadtschlosses klarzuwerden.

Eine Bildungsaufgabe für die breite Bevölkerung

Die Lage ist um so dramatischer, als der Schloßplatz in seiner heutigen Gestalt ein unerträgliches Desaster ist. Man muß sich vor Augen halten, daß die Existenz des Schlosses von Schinkels Altem Museum vorausgesetzt wird, daß er in subtiler Balancierung der Volumina und mit der politischen Rhetorik seines selbstbewußten bürgerlichen Klassizismus das Schloß adressierte. Er setzte alles daran, durch seine klassistische Architektur den barocken Koloß ästhetisch zu bändigen. Diese Baugesinnung wurde schon vom Dom verraten, dessen maßloser hofkirchlicher Ehrgeiz die subtilen Ponderierungen und Botschaften Schinkels empfindlich störte - ein falscher, großsprecherischer Ton wurde hier angeschlagen, der in vermessener Konkurrenz mit dem Schloß in Wettstreit trat. An diesen wenigen, noch zur ursprünglichen Konzeption gehörenden Bauten - dazu gehört auch Schinkels Bauakademie, um deren Wiedererrichtung man sich derzeit bemüht - wird sich die künftige Platzgestaltung zu orientieren haben, ob mit oder ohne Schloß. Eine Grünanlage wird nicht genug sein, will man nicht das Vorhandene dauerhaft entwerten.

Das Eingeständnis des Scheiterns der vor drei Jahren gefaßten Pläne könnte eine heilsame Wirkung haben. Wie die zahllosen aufgelassenen Fabriken und Wirtschaftsbauten in Berlin und andernorts zeigen, kann totaler Funktionsverlust den Platz für überzeugende neue Zwecke frei machen. Für das Berliner Schloß oder was immer ihm nachfolgen mag ist deswegen eine Bestimmung zu suchen, die nicht nur der Unterbringung von Vorhandenem dient, sondern eine Bildungsaufgabe für die breite Bevölkerung erfüllt. Nur wenn das Schloß als Symbol sich mit einem breit akzeptierten Zweck dieser Art verbindet, wird es wiedererstehen.

In Berlin gibt es Freunde des Stadtschlosses wie anderer überlieferter Sehenswürdigkeiten, anscheinend aber nicht die Sehnsucht, ein geschundenes Bauwerk auf dem ästhetisch wichtigsten Platz der Stadt zurückzugewinnen.

Die Zeit des durch Finanznot eingetretenen Moratoriums sollte man nutzen, um sich über die Aufgabe des rekonstruierten Stadtschlosses klarzuwerden.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2004, Nr. 198 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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