Von Andreas Platthaus
05. Januar 2007 Hitler zu veralbern schien uns wichtig zu sein. Der Satz stammt nicht von dem Filmregisseur Dani Levy, dessen Komödie Mein Führer am Montag in Essen ihre Premiere erleben wird und seit Wochen Anlass dazu gibt, Recht- oder Unrechtmäßigkeit von humoristischen Darstellungen Hitlers zu debattieren. Der Satz stammt vielmehr von dem Trickfilmer Ward Kimball, einem Mann, der sich vier Jahre lang, von 1941 bis 1945, mit wenig anderem beschäftigt hat, als Hitler zu veralbern.
Denn die Liste der Hitlerparodien, -travestien und -satiren umfasst weitaus mehr als die immer wieder erwähnten Filme Der große Diktator von Charlie Chaplin (1940) und Sein oder Nichtsein von Ernst Lubitsch (1942). Sobald die Amerikaner 1941 ihre bis dahin mühsam gewahrte Neutralität aufgaben, wurde der Spott über Hitler ein gewaltiges Medienphänomen. Allerdings in Formen, die mehr als die beiden subtilen Komödien am Massengeschmack orientiert waren, nämlich vor allem in Trickfilm und Comic.
Wüterich oder Würstchen
Dort konnte man aus Hitler wahlweise einen cholerischen Wüterich oder ein wehleidiges Würstchen machen, und diese Veralberung durch die Banalisierung des Dämonischen ist bis heute der prägende Zug der meisten Hitlerkomik geblieben. Walt Disney etwa verspottete Hitler in Education for Death von 1943 als schwächlichen Siegfried, der eine übergewichtige Germania in den Sattel heben will, im Abspann von Der Fuehrer's Face, für den Disney 1944 den Oscar erhielt, pfeffert Donald Duck dem Führer eine Tomate ins Gesicht. Und in dem grandiosen Trickfilm Russian Rhapsody, den Robert Clampett 1944 nach einem Entwurf des Kinderbuchautors Roald Dahl drehte, fliegt Hitler höchstpersönlich als Bomberpilot nach Moskau, als sein Flugzeug von den Gremlins sabotiert wird: kleinen koboldartigen Wesen, die den Diktator mit einer Stalin-Maske zu Tode erschrecken.
Die Comics waren noch früher als die Filmindustrie auf Konfrontationskurs zu Deutschland eingeschwenkt. Superhelden wie Captain America oder Daredevil drangen schon vor Kriegseintritt der Vereinigten Staaten regelmäßig in Hitlers Hauptquartier ein und prügelten ihn windelweich. Wesentlich gesitteter benahm sich Superman, der 1940 Hitler und Mussolini entführte, um sie vom Völkerbund aburteilen zu lassen. Und Will Eisner ließ seinen maskierten Rächer Spirit im Frühjahr 1941 auf einen schreckhaften Hitler treffen, der inkognito nach New York gereist war und sich dort zur Demokratie bekehren ließ, ehe sein in Deutschland verbliebener Doppelgänger ihn ermorden ließ. Neben den Schießbudenfiguren gab es also auch nachdenkliche Satiren.
Rülpsen und Gefluche
Aber sie alle - ob Trickfilm oder Comic - hatten einen Vorteil: Durch die Verfremdung, die die Zeichnungen erfordern, war eine Distanz zur Wirklichkeit schon gewährleistet, der Vorwurf der Verharmlosung des realen Schreckens verfing nicht. Norman McCabe, Regisseur des Kurzfilms The Ducktators von 1942, der Hitler, Mussolini und Hirohito als größenwahnsinnige Unruhestifter auf einem friedlichen Geflügelhof zeichnet, hat zu den Darstellungen der gegnerischen Machthaber während des Zweiten Weltkriegs angemerkt: Wenn man den Feind als Verrückten zeigt, dann ist das im Cartoon ein viel geringeres Problem als im Spielfilm. Chaplins Großer Diktator wurde denn auch von der amerikanischen Kritik zurückhaltend aufgenommen, doch sie lobte immerhin das Verfahren seiner Satire: Abscheu, zum Ausdruck gebracht durch die Grundtricks des primitiven Vaudeville, durch Kauderwelsch, Rülpsen, Gefluche und Äthersalat. Nur bei Juvenal findet man Vergleichbares. Deshalb setzten die Hitler-Parodisten und -Satiriker danach konsequent auf dieses Rezept.
Chaplin behauptet in seiner Autobiographie, er hätte den Film nicht gedreht, wenn er 1940 schon Kenntnis von den Konzentrationslagern gehabt hätte. Auch diese Haltung zu Hitler als Witzfigur ist bis heute häufig zu finden. Für Deutschland ist Adorno maßgeblich, der in seiner Ästhetischen Theorie zum Humor allgemein ausführt: Das Unrecht, das alle heitere Kunst, vollends die der Unterhaltung begeht, ist wohl eines an den Toten, am akkumulierten und sprachlosen Schmerz. Das war nicht explizit auf das Lachen über Hitler gemünzt, doch der Bezug ist eindeutig. Adorno hat vergessen oder nicht akzeptieren können, was Jean Paul Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in seiner Vorschule der Ästhetik den Deutschen noch ins Stammbuch geschrieben hatte: Gleichwohl wären wir vielleicht alle noch ernsthaft genug für den einen oder andern Spaß, wenn wir mehr Staats-Bürger (citoyens) als Spieß-Bürger wären.
Das Komischste über Hitler
Jetzt behauptet der Soziologe Klaus Boehncke, die Deutschen könnten nur deshalb über Hitler lachen, weil dessen Verbrechen mittlerweile lange genug zurücklägen. Gelacht wurde aber auch, als 1958 Der große Diktator in deutsche Kinos kam und zwei Jahre später Sein oder Nichtsein. Oder als 1997 der Comic Adolf von Walter Moers erschienen, der das Komischste darstellt, was über Hitler bisher verfasst wurde.
Dass das nach der Vorlage von Moers gestaltete Trickfilmvideo zu dem vom Kabarettisten Thomas Pigor gesungenen Lied Ich hock in meinem Bonker zu einem millionenfach angewählten Interneterfolg werden würde (siehe: Moers' Hitler-Clip: Die Wanne ist voll Führer), war trotzdem nicht zu erwarten. Dabei hat Pigor schon Jahre früher die fulminante Parodie eines Werbejingles gesungen: Hitler - das Eau de Cologne für den Mann. Und im Internet reüssiert seit Monaten der einer Bühnennummer von Gerhard Polt unterlegte Zusammenschnitt von Filmaufnahmen einer Hitler-Rede, die den Diktator als betrogenen Leasingvertragspartner stammeln lässt.
Er ist ja noch viel witziger
Helge Schneider, der in Levys Mein Führer die Hauptrolle spielt, will Hitler nicht als gespielten Witz sehen: So wie er war, ist er ja noch viel witziger. Auf dieses Rezept hat aber nicht einmal sein Regisseur gesetzt. Die wunderbarsten Hitler-Veralberungen leben von jenem Kontrast zwischen Pathos und Banalität, der laut Jean Paul das Komische begründet. Das Pathos liefert die Dämonologie rund um Hitler. Gegen sie setzte Mel Brooks in seiner Komödie The Producers 1967 die Bühnenfarce Springtime for Hitler mit dem Diktator als kläglichem Bohemien und Eva Braun als prallem Trachtenmädel. 1983 legte Brooks noch nach und kam mit seinem Lied To Be or Not to Be (The Hitler Rap) und dessen groteskem Video international in die Hitparaden.
Wenn sich nun Skeptiker wie Ralph Giordano melden, die fürchten, dass Hitler als Witzfigur verharmlost werde, muss man nur auf eine Ausgabe der SS-Zeitschrift Das Schwarze Corps von 1940 verweisen, in der der bereits erwähnte Superman-Comic zum Gegenstand einer geifernden Polemik wurde. Witzfigur - das wollte Hitler um keinen Preis sein, in der Führer-Inszenierung sollte kein Humor zu finden sein. Diesen Triumph darf man ihm nicht gönnen.
Text: F.A.Z., 06.01.2007, Nr. 5 / Seite 35
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, ddp, dpa
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