TV-Duell

Der Harte und der Zarte

28. August 2003 Mittwoch abend, weit nach elf. Borussia Dortmund hat den Einzug in die Champions League verpaßt, muß jetzt im UEFA-Cup spielen und sieht, wie am nächsten Tag die „Bild“-Zeitung nicht ganz stilsicher schreiben wird, „ganz harte - auch finanzielle - Zeiten“ auf sich zukommen. Zuerst einmal aber kommt der BVB-Trainer Matthias Sammer auf den ZDF-Mann Johannes B. Kerner zu, der die undankbare Aufgabe hat, ihn Minuten nach dem Ausscheiden zu interviewen.

Im Interview-Ring zählt Sammer zu den unangenehmsten Gegnern. Er gilt als Hitzkopf. Er ist aufbrausend. Er ist unberechenbar. Er ist, wenn auch immer weniger, rothaarig. Er hat die Eigenart, die Interviewer anzustieren, mit einem Blick, als würde er sogleich mit einer Blutgrätsche antworten. Das tut er dann zwar nicht, läßt dafür aber den Reporter mit jedem Wort und jeder Geste spüren, daß er dessen Frage für albern, abwegig, schwachsinnig hält. „Diese Frage kann doch nicht Ihr Ernst sein“: Wer eine solche, typische Sammer-Antwort erhält, der kann fast noch von Glück sagen, ist der Fußballehrer doch offensichtlich milde gestimmt.

Fünfzehn Millionen Miese

Johannes B. Kerner kennt Matthias Sammer, und er weiß, was alle wissen, die in den vergangenen Tagen eine Zeitung gelesen oder ferngesehen haben: Daß Dortmund in dieser Saison nicht bei den Champions kickt, kostet den Club fünfzehn Millionen Euro. Das ist, selbst für Borussia Dortmund, verdammt viel Geld, das sich nicht mit einer Arbeitszeitverkürzung des Platzwarts sparen läßt. Wie wird sich diese Aussicht auf den notorisch schlechtgelaunten Sammer auswirken? Werden dieselben Hände, die während des Elfmeterschießens in einer „Übersprungshandlung“, wie der Reporter erkannte, einen Fußball fest umklammert hielten, sich gleich Johannes B. Kerners Hals widmen?

Doch nicht umsonst hat sich Kerner in seinen tagtäglichen Talkshows den Ruf eines Deeskalationsexperten erworben. Der Moderator fragt, als „Kuscheltalker“ mit ausgeprägtem Harmoniesinn, natürlich nicht gleich nach der Kohle, sondern nach Sammers Gefühlen: „Ziemlich leer“ fühlt sich der Trainer, in etwa so mithin wie die Vereinskasse. Doch mit dieser Frage haben Kerners Streicheleinheiten erst begonnen.

Das kann nicht sein

„Ich tu' mich so schwer“, beteuert der Journalist, jetzt „eine Mannschaft zu beerdigen“, nur weil sie, finanzielles Desaster hin und her, aus einem Wettbewerb ausgeschieden sei: „Das kann so nicht sein.“ Zwar hat auch keiner von Kerners Kollegen die Absicht geäußert, den Patienten BVB zu beerdigen, ein paar operative Maßnahmen aber werden sich nicht vermeiden lassen. Kerner aber steigert die Prophezeiung ins Extreme, um sich sogleich von ihr zu distanzieren - und damit auch von den anderen Journalisten, die der armen Borussia Böses wollen.

Und Sammer läßt sich ein auf das Spiel: „Sie nicht“, bestätigt er, „weil Sie mir im Angesicht gegenüberstehen“, wohl aber die anderen würden sich nun sicher auf ihn stürzen. Genau, kontert der erfreute Kerner, der sich gleich noch einmal abgrenzt von den fiesen Kollegen: „Ich könnte jetzt fragen“, setzt er nach, „versteht die Mannschaft die Sprache des Trainers nicht mehr. Aber das hat man dem Spiel ja nicht angesehen. Das mein' ich.“ Warum aber erzählt Kerner, was er fragen könnte, anstatt einfach zu fragen? Warum gibt er anstelle von Sammer gleich dessen Antworten? Geht es ihm um das Lob seines Gesprächspartners, das er mit der Antwort „Das haben Sie auch nicht nötig“ auch prompt erhält? Will er den Trainer trösten? Oder - dieser Eindruck jedenfalls drängt sich dem Fernsehzuschauer auf - hat der Mann einfach Angst?

Der Polarisierer

Wie auch immer: Die Kerner-Fans werden ihn für sein Sammer-Interview lieben. Sie dürfen sich bestätigt sehen in ihrer Überzeugung, daß keiner im deutschen Fernsehen behutsamer, verständnisvoller, freundlicher fragt als ihr Idol, das auf diese Weise seinen Gesprächspartnern durchaus auch mal Überraschendes entlocken kann - im Falle Sammers heißt das: ein Lächeln.

Die nicht minder zahlreichen Kerner-Hasser hingegen haben einen neuen Grund, sich aufzuregen. Wie in seinen Talkshows, wo der Moderator mit Floskeln wie „Ich frag ja nur“ oder „Ich muß das jetzt fragen“ signalisiert, daß ihn persönlich die intimen Geheimnisse seiner Gäste ja gar nicht interessieren, er sich aber von einer neugierigen Öffentlichkeit zum Fragen quasi gedrängt sieht, hat sich Kerner auch diesmal auf die sichere Seite geschlagen: Ich bin's ja gar nicht gewesen. Mit dieser Taktik hat es der Moderator schon sehr weit gebracht; sein Platz in der Champions League ist ungefährdet.

Matthias Sammer jedenfalls haben wir das Interview vom Mittwoch abend aufrichtig gegönnt. So warme Worte wie jene, mit denen ihn Johannes B. Kerner bedachte, wird er in den nächsten Wochen nicht mehr zu hören bekommen.



Text: @jöt

 
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