
Obama wird ein harter Verhandlungspartner: der Gewaltforscher Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung
06. November 2008 Ist mit der Wahl Barack Obamas erst jetzt der amerikanische Bürgerkrieg zu Ende gegangen? Wie historisch ist die Stunde, die Dienstag schlug? Ein Gespräch mit dem Gewaltforscher Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung über Graswurzeln, Irak und Zivilisten.
Herr Greiner, sind Sie in der Wahlnacht wach geblieben?
Nein, weil ich schon vermutet hatte, dass die Prognose schon um zwei Uhr deutscher Zeit nicht eingehalten werden würde. Da habe ich es doch lieber vorgezogen, ausgeschlafen in den Tag zu gehen.
Während wir schliefen, wurde in Amerika Yes we can“ zu Yes we did“. Wie historisch ist dieser Moment wirklich?
Er ist es keineswegs nur, weil zum ersten Mal ein Schwarzer Präsident geworden ist. Obama hat mit diesem Sieg einen seit den sechziger Jahren währenden Abwärtstrend in der Wahlbeteiligung gestoppt. Er hat die Vision von einem Common Good“ wieder zum Leben erweckt, die in den achtziger Jahren in der amerikanischen Politik unter die Räder gekommen ist. Er hat Führungsstärke nicht mit militärischer Führungskompetenz verwechselt, wie das in den Vereinigten Staaten seit dem Kalten Krieg jahrzehntelang üblich war: Obama hat sich darauf nie eingelassen, sondern hat zivile Kompetenzen in den Mittelpunkt gerückt. Und er hat den Kern jeder Politik in Erinnerung gerufen: dass man nicht dem stummen Wirken anonymer Kräfte ausgeliefert ist. Dass Government for the people and by the people“ unverträglich ist mit der neokonservativen Praxis von Ausschluss, Herablassung und Entmündigung.
Den historischen Vergleich mit der Bürgerrechtsbewegung wollte sich Obama im Wahlkampf aber nicht so deutlich auf die Fahne schreiben.
Er hat sich ja nicht als schwarzer Kandidat“ um dieses Amt beworben. Kommentatoren, unter ihnen der amtierende Präsident oder auch John McCain, die Obamas Triumph als Sieg für das schwarze Amerika deuten, gehen völlig an der Sache vorbei. Mehr noch: Sie bedienen sich konfrontativer Zuschreibungen mit den klassisch rassistischen Untertönen. Hier geht es nicht um einen Kandidaten mit Gruppeninteressen, sondern um eine Vision für das Allgemeine.
Aber würden Sie Obamas Erfolg nicht auch in die Tradition der Bürgerrechtsbewegung stellen?
Zweifellos. Es ist bemerkenswert, wie Obama die Graswurzelpolitik verbunden hat mit einem neuen Medium, dem Internet. Was wir hier beobachten – und diese Veränderung haben wir noch längst nicht begriffen –, ist, dass ein Leitmedium im politischen Diskurs dabei ist, seine Definitionsmacht zu verlieren: nämlich das Fernsehen. Obama hat natürlich auch Spots geschaltet, aber die Internetkontakte standen im Mittelpunkt. Und die Bürger, die auf diese Weise angesprochen wurden, blieben nicht passiv, sie haben das persönliche Gespräch mit Bekannten, Freunden und Verwandten gesucht, sind mit ihren Laptops von Tür zu Tür gezogen, haben im persönlichen Gespräch zu überzeugen versucht. Hier haben wir den Politikstil der Zukunft gesehen: eine bemerkenswerte Mischung aus Wahlkampfmethoden des neunzehnten Jahrhunderts mit der Technologie des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Am Mittwoch schrieb Thomas L. Friedman in der New York Times“, dass nun der amerikanische Bürgerkrieg nach hundertsiebenundvierzig Jahren geendet habe. Stimmt das?
Das ist mal wieder einer dieser Vergleiche, die Historikern ein Graus sind. Der amerikanische Bürgerkrieg war, wie der Name schon sagt, in erster Linie ein Krieg, ein Gemetzel, das sechshunderttausend Menschen das Leben gekostet hat. Damit war nach vier Jahren Schluss, nämlich 1865. Man sollte die Erfolge im Umgang mit diesem Erbe nicht kleinreden. Ich erinnere an die Bürgerrechtsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, an die Reformgesetzgebung der sechziger Jahre, an die Karrieren schwarzer Politiker und den Aufstieg eines schwarzen Mittelstandes seit dieser Zeit. Der 4. November 2008 war ein weiterer Schritt auf einem noch längst nicht beendeten Weg. Mit der Wahl Obamas wurde die kulturelle Definitionsmacht des Rassismus über das Politische gebrochen. Sogar in den Südstaaten konnte man Plakate sehen wie: Rednecks for Obama – We’ve had enough!“ Dass der rassistische Diskurs als politischer Impulsgeber bei dieser Wahl verbraucht war, liegt auf der Hand. Ob das auch in Zukunft so bleibt, werden wir sehen.
Wie finden Sie die deutsche Obamania?
Erleichterung, wenn nicht Euphorie sind ein weltweites Phänomen. Das hängt in hohem Maße damit zusammen, dass Amerika als Gesellschaft immer eine Projektionsfläche für Hoffnungen und Visionen gewesen ist. Acht Jahre Bush haben diese Visionen beinahe ruiniert – umso verständlicher ist die Erleichterung, dass dieses Land die Kraft zur Selbstkorrektur trotz allem nicht eingebüßt hat. Andererseits gibt es keinen Grund, auf die negativen Erfahrungen mit Bush jetzt mit überzeichnet positiven Erwartungen zu reagieren. Obama ist kein Heilsbringer, kein politischer Messias. Welchen Spielraum er schaffen und nutzen kann, bleibt abzuwarten. Aber ehe man darüber räsoniert, sollte man die Einzigartigkeit dieses Wahlsieges in den Blick nehmen. Und dabei auch Obamas Sinn für die Realität würdigen: Er hat nie von sich behauptet, sein Programm in einer bestimmten Zeit umzusetzen, sondern hat klar gesagt, dass es dauern und nur als Anstrengung aller zum Erfolg führen wird.
Sehen Sie kulturgeschichtliche Konsequenzen dieser Obama-Begeisterung für Deutschland, oder wird sie schnell wieder verpuffen?
Ich habe nie etwas davon gehalten, die deutsche Ablehnung der Politik von George W. Bush mit Antiamerikanismus zu verwechseln. Das war mir immer zu billig. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass sich in den letzten Jahrzehnten eine sehr differenzierte Wahrnehmung von Amerikas Stärken und Schwächen durchgesetzt hat. Wenn jetzt ein dialogfähiger Präsident das Amt bekleidet, ein Präsident, der auf Multilateralismus statt auf Unilateralismus setzt, wird das zur Entkrampfung der deutsch-amerikanischen Beziehungen beitragen – und überhaupt der transatlantischen Beziehungen. Mit einer Politik der leisen Töne, mit dieser Nachdenklichkeit, die Obama eingeführt hat, sind ganz andere Voraussetzungen gegeben.
Bis wann sind die Amerikaner aus Irak abgezogen?
Ich halte es durchaus für möglich, dass es in einem Zeitraum von bis zu zwei Jahren zu einem Rückzug der amerikanischen Truppen kommen wird. Was natürlich nicht zu verwechseln ist mit einer Beruhigung des Irak. Im Moment herrscht dort eine sehr prekäre Ruhe, die auch erkauft worden ist durch Bestechung von Clanführern. Obama will sich auf die wesentliche Front im Antiterrorkampf konzentrieren, und die liegt aus seiner Sicht in Afghanistan und Pakistan. Ob es klug ist, den internationalen Terrorismus in erster Linie mit militärischen Mitteln zu bekämpfen, wage ich zu bezweifeln.
Was bedeutet das für den Bündnispartner Deutschland?
Wenn Obama dabei bleibt, dann wird er auch ein sehr harter Verhandlungspartner sein und auf Lastenteilung mit Deutschland und anderen drängen. Und dann wird die deutsche Politik gezwungen sein, wohlbegründet Position zu beziehen, wie man sich in Zukunft zu diesem Krieg gegen den Terror stellt.
In Ihrem Buch Krieg ohne Fronten – Die USA in Vietnam“ haben Sie die Dynamik eines asymmetrischen Krieges analysiert. Liegt der Vergleich zwischen Vietnam und dem Irak-Krieg nah? Oder birgt er auch Gefahren?
Konventionell ausgerüstete und ausgebildete Armeen sind in aller Regel unfähig, Guerrillabewegungen oder terroristische Organisationen erfolgreich zu bekämpfen. Diese historische Lektion gilt meines Erachtens auch für die Gegenwart. Es gibt andere Methoden, wie mittlerweile auch in den Vereinigten Staaten anerkannt wird. Kürzlich hat eine renommierte amerikanische Denkfabrik, die Rand Corporation, dazu geraten, sich schleunigst nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus Afghanistan zurückzuziehen: weil der primär militärische Kampf gegen den Terrorismus nutzlos und eine Kombination aus wirtschaftlichen, politischen, psychologischen und geheimdienstlichen Maßnahmen wesentlich effektiver sei. Auch Obama hat festgestellt, dass Amerikas Stärke nicht aus Gewehrläufen kommt – sondern sich der Attraktivität seiner Ideale verdankt.
Das Gespräch führte Jan Wiele.
Text: F.A.Z.
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