James-Bond-Erfinder Ian Fleming

Mit Zweitrangigem gab er sich nie zufrieden

Von Gina Thomas, London

Instruktion durch den Meister: Sean Connery und Ian Fleming am Filmset von “Dr. No“

Instruktion durch den Meister: Sean Connery und Ian Fleming am Filmset von "Dr. No"

18. April 2008 „Hüten Sie sich“, soll Balzac gedroht haben, „in meinem nächsten Roman begegnen wird uns wieder.“ Der Spruch hätte von Ian Fleming stammen können. Wer immer dem Schöpfer von Agent 007 über den Weg lief, sei es sein Vorgesetzter beim Marine-Geheimdienst oder ein Fremdenführer in Istanbul, seien es frühere Schulkameraden oder Damen der hohen Gesellschaft, musste damit rechnen, in den James-Bond-Abenteuern verewigt zu werden. Einigen, die sich wiedererkannten oder wiederzuerkennen glaubten, gefiel das weniger als anderen, die sich gern damit brüsteten.

Der Architekt Ernö Goldfinger etwa wollte Fleming verklagen, weil dieser seinen Namen geplündert hatte für den Titelbösewicht des dritten Romans aus der Bond-Serie. Fleming war der sozialistische Modernismus des Architekten, der in London die ersten hochgebauten Wohnblöcke entwarf, derart zuwider, dass er den megalomanen Goldschmuggler Auric Goldfinger nach ihm benannte. Als Ernö Goldfinger die Anwälte auf ihn ansetzte, erwog Fleming die Romanfigur in das beleidigende „Goldprick“ umzutaufen, womit er sagen wollte, „Mistkerl“.

Das Wunschbild des Erfinders

Flemings Jungenstreich mit der Namensgebung beleuchtet die Art, in der er Wirklichkeit und Fiktion verwob, um die Spionage-Thriller zu kreieren, die das Image des britischen Geheimdienstes und Britanniens überhaupt so nachhaltig geprägt haben. Die wunderbar unterhaltsame Ausstellung „For Your Eyes Only“, (nach dem Originaltitel von „In tödlicher Mission“) die gestern Abend im Imperial War Museum in London zur Feier von Flemings hundertstem Geburtstag eröffnet wurde, liefert eine Fülle von Beispielen für das Wechselspiel zwischen Erlebtem und Erfundenem, angefangen mit den autobiographischen Zügen der schnittigen Bond-Figur, die zugleich jene Eigenschaften verkörpert, die Fleming gern selbst besessen hätte bis hin zum glorreichen England-Bild, das weit entfernt war von der trüben Nachkriegsrealität der Nation, die nach den Worten des amerikanischen Außenministers Achesons ein Reich verloren aber keine Rolle gefunden hatte.

Gleich in der ersten Vitrine wird die Verschmelzung von Biographie und Phantasie veranschaulicht. Dort ist nebst anderen auch von James Bond bevorzugten Kleidungsstücken, Flemings Smoking ausgestellt zusammen mit den Zigaretten, die der lebemännische Schriftsteller eigens bei der Firma Morland für sich anfertigen ließ und einem spaßigen Zitat, das wohl ganz im Sinne des politisch unkorrekten Autors auf die gegenwärtige Anti-Raucher-Hysterie anspielt: „Bond hat sich nie sehr gut verstanden mit Menschen, die nicht rauchten oder das Rauchen missbilligten.“

Kein Kratzer am Bild des Helden

Fleming übertrug auf seine Schöpfung die Vorliebe für den gehobenen Lebensstil, den er als Kind aus vermögendem Haus gewöhnt war. Obwohl der Schriftsteller, wie sein persönliches Rezept für Rührei zeigt, den Gaumenfreuden keineswegs so zugetan war wie sein feinkostender Held und zum Leidwesen seines Freunds Noel Coward, Essen servieren ließ, das nach Achselhöhlen schmeckte, teilte er mit Bond die Freude am Luxus. Der Agent gibt sich nie mit Zweitrangigem zufrieden. Er trinkt Jahrgangschampagner, fährt flotte Autos, trägt wie sein Schöpfer eine Rolex und duftet nach dem feinsten Riechwassern der Firma Floris, die sich bei Fleming in dem untertänigem Ton, den Dienstleistende damals im Umgang mit ihren Kunden pflegten, bedankte und mit einer Flasche Limetten-Badeessenz erkenntlich zeigte.

Das hier ausliegende Schreiben von 1958 verdeutlicht, wie sehr England sich seither verändert hat. Auf der Leinwand, wo die technologische Fantasiewelt noch einen Schritt weiter geführt wird, hat sich die Bond-Figur freilich dem Zeitenwandel angepasst, wie das blutbeschmierte Hemd von Daniel Craig aus Flemings jüngst verfilmten Erstlingsroman „Casino Royal“ zeigt. Der frühe Bond war wie aus Eisen und wies trotz lebensgefährlicher Mission und hochdramatischer Gefechte kaum je einen Kratzer auf. Der Bond der Post-Diana-Ära blutet und ringt mit den Tränen. Fleming hatte seinen Lesern bereits ein überholtes Weltbild vermittelt, wohl auch um den verlorenen Glanz vergessen zu machen. „Zuhause und im Ausland zeigen wir unsere Zähne nicht mehr - nur die Gaumen“, bedauert Bond in „Liebesgrüße aus Moskau“.

Nostalgie einer alten Großmacht

Fleming versuchte dieser Resignation entgegenzuwirken mit Geschichten, in denen die Sonne immer scheint und der britische Geheimdienst die dunklen Kräfte ein ums andere Mal überlistet. „Die Befreiung der Kolonie mag zu schnell gegangen sein, aber wir besteigen immer noch den Everest und besiegen viele Länder in vielen Sportarten und gewinnen viele Nobelpreise“, lässt Fleming seinen Helden in „Man lebt nur zwei Mal“ sagen. Immerhin hat der Schriftsteller erreicht, dass der Bond-Mythos unentwirrbar ist von dem Bild, das sich die Welt vom britischen Geheimdienst macht.

Flemings Abenteuer waren geprägt von Britanniens Großmachtbewusstsein und von der Siegerrolle im Zweiten Weltkrieg, in dem Fleming sich, wie die Dokumente belegen, für den Marinegeheimdienst phantastische Aktionen ausdachte, von denen einige sogar umgesetzt wurden. Später machte er es umgekehrt. In den Romanen schöpfte er aus der eigenen Erfahrung und verpflanzte sie in die imaginäre Welt des Superspions. „Alles was ich schreibe, hat einen Vorläufer in der Wirklichkeit“, beteuerte Fleming.

Engländer der alten Schule

In den teils interaktiven Vitrinen der Ausstellung sind aberwitzige Geheimdienst-Gadgets zu sehen, nach der Art, wie sie Q vor jeder neuen Bond-Mission vorstellt, nur dass Agenten im Kalten Krieg tatsächlich mit ausgetüftelten Geräten wie dem als Feuerzeug getarnten Fotoapparat und dem Hut mit versteckter Pistolentasche ausgestattet wurden. Sie sind kaum zu unterscheiden von den Filmrequisiten, darunter das im Skistock kaschierte Gewehr aus „Der Spion, der mich liebte“, nebst dem Bikini, in dem Halle Berre in „Stirb an einem anderen Tag“ venushaft aus dem Meer steigt und dem zerschossen Cello Maryam d'Abos aus „Der Morgen stirbt nie“. Zu den wirklichen Waffen zählt ein Paar Damenschuhe, deren Talon als Versteck diente. Sie wirken kaum weniger gefährlich als die giftigen Klappmesser in den Herrenschuhen der wunderbar schurkenhaften Rosa Klebb von Lotte Lenya in „Liebesgrüße aus Moskau“.

Das Imperial War Museum präsentiert mit der Schau, einer von zahlreichen Veranstaltungen zum Gedenkjahr, eine fesselnde Doppelbiographie des Künstlers und seines Modells. Rührende Erinnerungsstücke aus Flemings Kindheit, wie die selbstgebastelten Strümpfe, der er und sein Bruder nach englischer Tradition an Heiligabend erwartungsvoll am Kamin anbrachten, der Frack des Eton-Schülers, alte Fotos und Familienporträts, darunter die eindringliche Darstellung seiner Frau Anne Fleming von Lucian Freud, Reisesouvenirs und das Menü aus dem Wiener Restaurant „Csárdásfürstin“, das Fleming als Hintergrundmaterial aufbewahrte, fügen sich zu einem lebendigen Porträt eines Engländers der alten Schule, der seiner Schöpfung mit seinem eigenen ausschweifenden Lebenswandel in nichts nachstand.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: © 1962 Danjaq, LLC and United Ar, © 1964 Danjaq, LLC and United Ar, © 1965 Danjaq, LLC and United Ar, © 1979 Danjaq, LLC and United Ar, © 1985 Danjaq, LLC and United Ar, © 1987 Danjaq, LLC and United Ar, © Ian Fleming Will Trust, © Reproduced with the permission, Getty Images, Published by Pan Books, an impri

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