Literatur und Fußball

Zeit für ein neues Fräuleinwunder

Von Richard Kämmerlings

01. Oktober 2007 Wir sind Fußballweltmeisterin. Das ist ein Anfang - mehr nicht. Was kann man tun, damit diese „schönen Pflänzchen“ (Theo Zwanziger) nicht gleich vom nächsten Windhauch umgeblasen werden? Etwas mehr „aktiver Mädchenfußball“ (Zwanziger) wird nicht reichen. Bis zur hoffentlich in Deutschland stattfindenden WM 2011 müssen alle Reserven mobilisiert werden, damit die ganze Nation wie ein, ähm, Mann hinter unserer, sorry, Mannschaft steht.

Auch die deutschen Schriftstellerinnen werden sich nicht länger drücken können, sondern dem Vorbild ihrer männlichen Kollegen folgen und ein eigenes Team aufstellen müssen. Jene golden generation, die der „Spiegel“ 1999 als „Fräuleinwunder“ der deutschen Literatur auf den Schild hob, hat die hohen Erwartungen sportlich ja nie eingelöst.

Auf dem Balkon vergessen

Elfriede Jelinek, die trotz ihrer österreichischen Herkunft naturgegebene Kandidatin für den Bundestrainerinnenposten, hat diese Misere früh entlarvt: „Einmal habe ich es mitsamt meinem Fleisch, nein, durch mein Fleisch, bis auf ein Titelbild geschafft. Das war mir mehr wert, als WM-Gold es hätte sein können“, lässt die Nobelpreisträgerin eine Figur in ihrem „Sportstück“ sagen und mahnt Birgit Prinz und Co. zur Bescheidenheit: „Dieses Land nimmt jede freie Stelle sofort ein, die der Sportler nicht mit sich selbst besetzt hält. So gierig ist es! Zuerst stellen sie den Sportler auf einen Balkon, brüllen wie verrückt, und dann vergessen sie ihn.“

Doch auf wen könnte die Jelinek, in ihrer aktiven Zeit selbst eine rasante Flügelspielerin, zurückgreifen? Gesetzt sein dürften auf jeden Fall Routiniers wie Judith Hermann („Sommermärchen, später“), Karen Duve („Regenschlachtroman“) oder Julia Franck („Die Mittagsstürmerin“). Ebenso ein Publikumsliebling wie Silke Scheuermann („Die neunzig Minuten zwischen Hund und Wolf“). Und an Felicitas Hoppe, die zuletzt einen Roman über die heilige Johanna der Strafräume schrieb, dürfte sich der Gegner ebenso die Zähne ausbeißen wie die Literaturkritik. Wenn aber Andrea Maria Schenkel („Tannöd“, „Eiskalt“, „Beinhart“) nicht bald wieder in Form kommt, fehlt eine echte Knipserin.

Immerhin, die Defensive steht: An Katharina „Hacker“ in der Innenverteidigung wird man ebenso wenig vorbeikommen wie an Susanne Fröhlich, dem „Pfosten-Ich“. Doch wer wird Kapitän? Soll man es wagen, eine Juli Zeh zu reaktivieren, die mit Werken wie „Spieltrieb“ und „Alles auf dem Rasen“ männliche Genreklassiker wie Toni Schumachers „Anpfiff“ oder „Halbzeit“ von Uli Stein und Martin Walser glatt in den Schatten stellte? Oder wird sie wieder den Schiedsrichter in juristische Disputationen über falsche Einwürfe und den Maulkorbzwang für Terrier verwickeln? Keine Frage, Elfriede Jelinek tritt ein schweres Amt an.



Text: F.A.Z., 02.10.2007, Nr. 229 / Seite 39
Bildmaterial: Cinetext/Bruder, dpa, Manfred Roth/Cinetext, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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