Von Ingeborg Harms
20. Juli 2008 Was nützt das Styling, wenn keiner hinguckt? Doch Berlin geht es wie Jenny Elvers-Elbertzhagen. Beim Best Dressed-Award“ der deutschen Vanity Fair“ stimmte die Jury diese Woche für Iris Berben, aber die Leser wählten Jenny. Und als sie Freitagmittag in Tim Raues neuem Restaurant M“ auf einem kleinen Glaspodest stand, das sonst für Blumenbouquets reserviert sein dürfte, beschränkte sie die von ihr geplante Flammenrede“ auf ein paar Dankesworte. Unter anderem an ihre Maskenbildnerin, die für Jennys gewagtere Experimente die schonende Formel parat hat: Deutschland ist für dieses Kleid noch nicht bereit.“
Die ebenfalls anwesende Iris Berben holte etwas weiter aus und sprach von Entwicklung und Reife, die ihrer Garderobenwahl zugute komme. Schön, dass Sie das gemerkt haben“, schloss sie ihre kleine Rede und gratulierte sich selbst: Herzlichen Glückwunsch, Iris.“
Bei den Männern war Clemens Schick die Wahl der Jury, die er mit schönem Sinn für das Absurde gleichfalls mit Herzlichen Glückwunsch, Iris“ quittierte. Er gestand, dass er sich manchmal im Spiegel betrachte und denke: Aha, so trägt man das also jetzt.“ Dabei kann Clemens Schick kaum etwas falsch machen, denn sein vestimentäres Vorbild sind die französischen Franziskanermönche, bei denen er Anfang zwanzig für sieben Monate unterkam, er liebt es streng, klassisch und möglichst schwarz.
Maiglöckchenwiese im Schneesturm
Das Konzeptuelle und Minimalistische ist im lutherischen Norden weiterhin ein so verlässliches Podest wie das Glastischchen in Tim Raues Restaurant, nur dass sich die Designer inzwischen erlauben, Ikebana-Gestecke darauf zu arrangieren. Die studentische Rucksackmarke Eastpak“ holte sich für ihre Prêt-à-porter-Kollektion so antagonistische Designer wie den für visionäre Reduktionen bekannten Raf Simons und die Londoner Blümchen- und Printliebhaberin Eley Kishimoto an Bord. Bernadette Penkovs in den Hallen der Königlichen Porzellan-Manufaktur ausgestellte Mode war eine Hommage ans weiße Gold. Während die Polster ersetzenden schimmernden Schulterschalen ihrer Modelle direkt in den KPM-Öfen gebrannt zu sein schienen, war das an ihnen Aufgehängte aus so diaphan-ätherischem Netzwerk wie eine Maiglöckchenwiese im Schneesturm, mehr eine Boudoirphantasie des 21. Jahrhunderts als Outfits für die Berlin-Staffel von Kir Royal“. Einen subtilen Farbsinn, der das Gros der Berliner Floristen erblassen lassen müsste, bewies die Schau der Kunsthochschule Berlin-Weißensee im neuen Palazzo Italia“. Auch sonst machten Frische, konzeptuelle Klarheit und Ideenfülle auf Berlin als künftige Impulsstadt Lust.
Großereignis am Freitagabend war die Michalsky-Show in den Weddinger Uferhallen, wohin die Prominenz in 7er-BMWs kutschiert wurde. Vom feiernden Publikum kaum bemerkt, öffneten sich zu späterer Stunde die Hallentore für eine BMW-CS-Konzeptstudie, die gefährlich funkelnd – ein seiner selbst noch nicht ganz sicheres Glamourmonster – langsam über den Parkplatz rollte. Dass Michael Michalsky die Jubiläen der ’68-er und der Grünen zum Ausgangspunkt seiner Kollektion machte, steht zu dieser Machtdemonstration auf vier Rädern in keinem Widerspruch. Neuerdings lebe er gesund, erzählte der Designer, und habe festgestellt, dass vor den Biomärkten nur Jil-Sander-Kunden in SUV-Gefährten parkten: Luxus ist die neue Linkspartei“, so seine Entdeckung, und die setzte er in vexierende Metamorphosen der lila Latzhose und des grünen Besetzungsparkas um.
Schrill ist die Farbwahl
Den Barrikadenstürmern von gestern kommen ihre Fetischteile in Seide und in hightechbearbeiteten T-Shirt-Stoffen entgegen, wobei eine wehende Parkarobe schon mal becircende Wäsche durchschimmern lässt. Schrill ist an Michalsky nicht länger er selbst, denn der aus Bad Oldesloe stammende Designer ist sich seiner Sache inzwischen sehr sicher, sondern nur noch seine Farbwahl. Er kombinierte schwierige Lind- und Mintgrün und dekadentes Neonflieder mit Hammerschwarz und holte sich das psychedelisch berauschte, japanische Junggenie Shinpei Naito für rechnergenerierte Drucke, die Achtziger-Jahre-Buttons und Plakate der Friedensbewegung in hysterische Bildfluten verwandelten: Wird das die Straßenfolklore des neuen Jahrhunderts?
Jedenfalls verbarg Michalsky seine Genugtuung über den großen Zulauf zu seiner Party nicht: Darum mach’ ich ja auf dicke Welle, damit andere ihren Traum behalten und Gas geben im Leben.“ Das schien bei einem anderen partyfesten Junggenie, dem Schauspieler Robert Stadlober, gerade nicht der Fall zu sein. Er wartet auf neue Rollenangebote, liest Romane und schaut Tierfilme im Fernsehen. Als Ex-Antifa-Mitglied und Guerrillero-Sympathisant war er vielleicht der letzte Romantiker im Publikum, dem für Michalskys Aktivistenironie das Sensorium fehlte. Sein Schauspiel-Buddy David Winter machte sehr lustig den Stechschritt der Models nach, der bei seinen Allure-Empfangsstationen nicht ankam. Als der Champagner schon flaschenweise kursierte, gestand Robert Stadlober noch, dass er nachrichtensüchtig sei. Am liebsten sind ihm Katastrophenmeldungen. Da weiß man, dass man lebendig ist und alles jederzeit versinken kann.“Ingeborg Harms
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
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