Beziehungen zum Islam

Das heilige Recht der Opfer

Von Juan Goytisolo, Marrakesch

30. März 2004 Das Massaker vom 11. März in Madrid verpflichtet uns, eine Reihe von Grundsätzen und Fakten zu erwägen, die von denen, die uns in den letzten Jahren regiert haben, aus Geringschätzung, Verantwortungslosigkeit und Unverfrorenheit mißachtet wurden. Die "präventiven" oder "vorausgreifenden" Aktionen gegen einen nicht definierten Feind, dessen Basis - genau das bedeutet der arabische Name Al Qaida - sich leicht von einem Land zum anderen verlagern läßt und dessen Standort gerade das Fehlen jedes Standortes ist, haben sich als Fehlschläge erwiesen.

Sie haben das Gegenteil dessen erreicht, was sie beabsichtigten. Der Gegner verstärkt seine Attentate je nach Verteilung einiger weniger Mitglieder und sich zufällig bietender Gelegenheiten. Medienwirkung und weltweite Verbreitung der Nachricht sind genauestens kalkuliert.

Unwürdige Vergleiche

Der Krieg in Afghanistan hatte sich auf internationales Recht gestützt und auf die Notwendigkeit, das Regime auszuschalten, das Bin Ladin und die Seinen schützte, und er hat dieses Ziel teilweise erreicht. Zum Teil, weil der Terrorist Nummer eins und seine engsten Getreuen nach wie vor auf freiem Fuß sind. Die Invasion des Irak dagegen, um der angeblichen Bedrohung durch Saddam Hussein ein Ende zu bereiten, war - abgesehen von der Gefangennahme des Diktators und der Auflösung seines Regimes - purer Unsinn.

Die Phrasen aus dem Weißen Haus über den "internationalen Terrorismus" allerdings zeigten Wirkung in Ost und in West, in der Europäischen Union und in Rußland. Israels Premier Scharon nutzte sie, um die Palästinenser zu zermalmen. Putin rechtfertigte damit seine Greueltaten in Tschetschenien. Und viele von uns erröten vor Scham angesichts der unwürdigen Vergleiche zwischen dem Kampf dieser beiden Länder ums Überleben - oft mit brutalen und verwerflichen Methoden, die aus der Verzweiflung geboren werden - und den Aktivitäten einer Mörderbande im Namen einer baskischen Nation, die sie in ihrer Mehrheit ablehnt.

Unsere Politiker haben Äpfel mit Birnen verglichen und dadurch große Verwirrung verursacht. Wie oft mußten wir nicht von der spanischen Regierung hören, wie sehr sich Eta und Al Qaida gleichen. Dabei sind sie identisch nur in ihrer Grausamkeit und ihrem Widersinn, aber sehr verschieden in ihren Grundsätzen und Motiven. Glaubte Aznar wirklich, er könne Spanien seine verlorene Größe zurückgeben und uns einen Platz unter den Ländern verschaffen, die die Welt regieren?

Das heilige Recht des Opfers

Die Ereignisse der letzten beiden Monate und ihre politische Instrumentalisierung waren unerträglich. Die Drohungen des galicischen Ministerpräsidenten Fraga gegen Katalonien, die Angriffe auf die katalanische Regionalregierung nach dem Gespräch eines ihrer Politiker mit der Eta-Führung in Perpignan, das Vorzeigen von Eta-Vermummten mit der katalanischen Flagge - von Verbrechern, die es gewohnt sind, zu lügen und zu manipulieren, deren Worte plötzlich aber für bare Münze genommen werden - und schließlich die Informationspolitik angesichts des Massakers von Madrid haben die Grenzen des Anstands überschritten.

Mit ihrer Weigerung, den Antiterrorismuspakt von allen willigen Parteien unterzeichnen zu lassen, wollte die regierende Volkspartei den Schmerz der Opfer für sich vereinnahmen. Diese propagandistischen Manöver haben all jene empört, die dann auch wählen gegangen sind. Wir Spanier sind nicht so dumm, wie die Regierung dachte. Eine solche Anhäufung von Unsinn, Überheblichkeit, Vereinnahmung der Verfassung zu parteiischen Zwecken und von Warnungen, daß diejenigen, die wie wir angesichts solcher Unredlichkeit anderer Meinung waren, "Spanien abschaffen" wollten, war zuviel. Die Wähler wollten wissen, wer uns so brutal angegriffen hatte und weshalb. Das Recht, seinen Henker zu kennen, ist ein unveräußerliches und heiliges Recht des Opfers.

Je schlimmer, desto besser

Nachdem das klargestellt ist, muß man zur Vernunft kommen. Aus trauriger Erfahrung kennen wir die Unterschiede zwischen einem Basken, einem baskischen Nationalisten und einem Eta-Mörder. In den Medien und auf der Straße dagegen werden die Begriffe Muslim, Islamist und Terrorist im nebulösen Sog von Al Qaida oft verwechselt. Diese Vermischung ist tödlich und unterstützt die Strategie Bin Ladins, die da lautet: Je schlimmer, desto besser. Wir dürfen ihr nicht zuarbeiten oder anfangen zu diskutieren, was der Koran sagt und was nicht.

Was wir von den Muslimen, die in Europa leben, verlangen müssen, ist die Einhaltung der Gesetze. Zugleich müssen wir ihnen die Rechte anbieten, die alle europäischen Bürger genießen, und ihre Integration fördern, also individuelle Freiheit, Gleichstellung der Frau, Achtung des Glaubens und der Traditionen, sofern und soweit sie der Rechtsprechung des Aufnahmelandes nicht widersprechen. Also: Menschenrechte statt Theokratie. Sozialprogramme statt Marginalisierung. Und keine Zwangsjacke kultureller "Identität", auf beiden Seiten nicht. Die anachronistische Rede von Europäern als "Kreuzfahrern" muß zurückgewiesen werden. Gefordert ist die ganze Härte des Gesetzes für die Mörder und all jene, die, wie der Imam von Fuengirola, diskriminierende Lehren verkünden.

Verschwistert durch das Blut der Opfer

Gefordert sind außerdem: die Legalisierung der ohne Papiere in Spanien lebenden Ausländer; eine neue Politik, die entsprechend dem Bedarf an Arbeitskräften in den verschiedenen spanischen Regionen die legale Einwanderung fördert; das Gespräch mit den Gemeinden aus den Maghreb-Staaten, um den Wogen rassistischer Übergriffe vorzubeugen, die auf uns zukommen. Lassen wir uns nicht auf das Spiel der Extremisten ein.

Es ist eine Verhöhnung der Intelligenz, von "kultureller", wenn nicht "religiöser Affinität" zu sprechen und damit vorauszusetzen, die historischen Bande Spaniens zu Litauen, Polen oder der Ukraine seien stärker als die zu Marokko. Wir müssen schnell und entschieden handeln, um mit den arabischen Ländern eine neue Politik zu entwickeln, die Armut und Unterentwicklung bekämpft und die demokratischen Kräfte bei ihrem Kampf gegen Despotismus und Korruption vorbehaltlos unterstützt. Wir müssen von den Regierungen vollständige Transparenz bei der Umsetzung der Hilfspläne fordern und juristische Übergriffe anzeigen. Wir müssen die Aufnahme der Türkei, einer großen muslimischen und laizistischen Nation, die uns durch das Blut der Opfer von Attentaten verschwistert ist, in die Europäische Union unterstützen.

Entgegen den Huntington-Thesen kommt kein Zusammenstoß der Zivilisationen auf uns zu. Die Barbarei von Al Qaida, wie die von Eta, stützt sich auf keinerlei Zivilisation, denn sie bedeutet ihre Verneinung. Wir müssen verlangen, daß das Gesetz mit seiner ganzen Härte die Mörder straft, und das Ende von Schiebung und Lüge feiern. So ein Unterfangen wird lange brauchen, aber die bisherigen Äußerungen des künftigen spanischen Regierungschefs klingen ermutigend. Spanien muß in der Europäischen Union wieder den Platz einnehmen, der ihm gebührt, und die Außenpolitik der Union im Maghreb, im Nahen Osten und in Lateinamerika im Sinne des Völkerrechts mitbestimmen.

MARRAKESCH, Ende März

Das Massaker vom 11. März in Madrid verpflichtet uns, eine Reihe von Grundsätzen und Fakten zu erwägen, die von denen, die uns in den letzten Jahren regiert haben, aus Geringschätzung, Verantwortungslosigkeit und Unverfrorenheit mißachtet wurden. Die "präventiven" oder "vorausgreifenden" Aktionen gegen einen nicht definierten Feind, dessen Basis - genau das bedeutet der arabische Name Al Qaida - sich leicht von einem Land zum anderen verlagern läßt und dessen Standort gerade das Fehlen jedes Standortes ist, haben sich als Fehlschläge erwiesen. Sie haben das Gegenteil dessen erreicht, was sie beabsichtigten. Der Gegner verstärkt seine Attentate je nach Verteilung einiger weniger Mitglieder und sich zufällig bietender Gelegenheiten. Medienwirkung und weltweite Verbreitung der Nachricht sind genauestens kalkuliert.

Der Krieg in Afghanistan hatte sich auf internationales Recht gestützt und auf die Notwendigkeit, das Regime auszuschalten, das Bin Ladin und die Seinen schützte, und er hat dieses Ziel teilweise erreicht. Zum Teil, weil der Terrorist Nummer eins und seine engsten Getreuen nach wie vor auf freiem Fuß sind. Die Invasion des Irak dagegen, um der angeblichen Bedrohung durch Saddam Hussein ein Ende zu bereiten, war - abgesehen von der Gefangennahme des Diktators und der Auflösung seines Regimes - purer Unsinn. Die Phrasen aus dem Weißen Hauses über den "internationalen Terrorismus" allerdings zeigten Wirkung in Ost und West, in der Europäischen Union und in Rußland. Israels Premier Scharon nutzte sie, um die Palästinenser zu zermalmen. Putin rechtfertigte damit seine Greueltaten in Tschetschenien. Und viele von uns erröten vor Scham angesichts der unwürdigen Vergleiche zwischen dem Kampf dieser beiden Länder ums Überleben - oft mit brutalen und verwerflichen Methoden, die aus der Verzweiflung geboren werden - und den Aktivitäten einer Mörderbande im Namen einer baskischen Nation, die sie in ihrer Mehrheit ablehnt.

Unsere Politiker haben Äpfel mit Birnen verglichen und dadurch große Verwirrung verursacht. Wie oft mußten wir nicht von der spanischen Regierung hören, wie sehr sich Eta und Al Qaida gleichen. Dabei sind sie identisch nur in ihrer Grausamkeit und ihrem Widersinn, aber sehr verschieden in ihren Grundsätzen und Motiven. Glaubte Aznar wirklich, er könne Spanien seine verlorene Größe zurückgeben und uns einen Platz unter den Ländern verschaffen, die die Welt regieren?

Die Ereignisse der letzten beiden Monate und ihre politische Instrumentalisierung waren unerträglich. Die Drohungen des galicischen Ministerpräsidenten Fraga gegen Katalonien, die Angriffe auf die katalanische Regionalregierung nach dem Gespräch eines ihrer Politiker mit der Eta-Führung in Perpignan (F.A.Z. vom 12. März), das Vorzeigen von Eta-Vermummten mit der katalanischen Flagge - von Verbrechern, die es gewohnt sind, zu lügen und zu manipulieren, deren Worte plötzlich aber für bare Münze genommen werden - und schließlich die Informationspolitik angesichts des Massakers von Madrid haben die Grenzen des Anstands überschritten.

Mit ihrer Weigerung, den Antiterrorismuspakt von allen willigen Parteien unterzeichnen zu lassen, wollte die regierende Volkspartei den Schmerz der Opfer für sich vereinnahmen. Diese propagandistischen Manöver haben all jene empört, die dann auch wählen gegangen sind. Wir Spanier sind nicht so dumm, wie die Regierung dachte. Eine solche Anhäufung von Unsinn, Überheblichkeit, Vereinnahmung der Verfassung zu parteiischen Zwecken und von Warnungen, daß diejenigen, die wie wir angesichts solcher Unredlichkeit anderer Meinung waren, "Spanien abschaffen" wollten, war zuviel. Die Wähler wollten wissen, wer uns so brutal angegriffen hatte und weshalb. Das Recht, seinen Henker zu kennen, ist ein unveräußerliches und heiliges Recht des Opfers.

Nachdem das klargestellt ist, muß man zur Vernunft kommen. Aus trauriger Erfahrung kennen wir die Unterschiede zwischen einem Basken, einem baskischen Nationalisten und einem Eta-Mörder. In den Medien und auf der Straße dagegen werden die Begriffe Muslim, Islamist und Terrorist im nebulösen Sog von Al Qaida oft verwechselt. Diese Vermischung ist tödlich und unterstützt die Strategie Bin Ladins, die da lautet: Je schlimmer, desto besser. Wir dürfen ihr nicht zuarbeiten oder anfangen zu diskutieren, was der Koran sagt und was nicht.

Was wir von den Muslimen, die in Europa leben, verlangen müssen, ist die Einhaltung der Gesetze. Zugleich müssen wir ihnen die Rechte anbieten, die alle europäischen Bürger genießen, und ihre Integration fördern, also individuelle Freiheit, Gleichstellung der Frau, Achtung des Glaubens und der Traditionen, sofern und soweit sie der Rechtsprechung des Aufnahmelandes nicht widersprechen. Also: Menschenrechte statt Theokratie. Sozialprogramme statt Marginalisierung. Und keine Zwangsjacke kultureller "Identität", auf beiden Seiten nicht. Die anachronistische Rede von Europäern als "Kreuzfahrern" muß zurückgewiesen werden. Gefordert ist die ganze Härte des Gesetzes für die Mörder und all jene, die, wie der Imam von Fuengirola, diskriminierende Lehren verkünden.

Gefordert sind außerdem: die Legalisierung der ohne Papiere in Spanien lebenden Ausländer; eine neue Politik, die entsprechend dem Bedarf an Arbeitskräften in den verschiedenen spanischen Regionen die legale Einwanderung fördert; das Gespräch mit den Gemeinden aus den Maghreb-Staaten, um den Wogen rassistischer Übergriffe vorzubeugen, die auf uns zukommen. Lassen wir uns nicht auf das Spiel der Extremisten ein.

Es ist eine Verhöhnung der Intelligenz, von "kultureller", wenn nicht "religiöser Affinität" zu sprechen und damit vorauszusetzen, die historischen Bande Spaniens zu Litauen, Polen oder der Ukraine seien stärker als die zu Marokko. Wir müssen schnell und entschieden handeln, um mit den arabischen Ländern eine neue Politik zu entwickeln, die Armut und Unterentwicklung bekämpft und die demokratischen Kräfte bei ihrem Kampf gegen Despotismus und Korruption vorbehaltlos unterstützt. Wir müssen von den Regierungen vollständige Transparenz bei der Umsetzung der Hilfspläne fordern und juristische Übergriffe anzeigen. Wir müssen die Aufnahme der Türkei, einer großen muslimischen und laizistischen Nation, die uns durch das Blut der Opfer von Attentaten verschwistert ist, in die Europäische Union unterstützen.

Entgegen den Huntington-Thesen kommt kein Zusammenstoß der Zivilisationen auf uns zu. Die Barbarei von Al Qaida, wie die von Eta, stützt sich auf keinerlei Zivilisation, denn sie bedeutet ihre Verneinung. Wir müssen verlangen, daß das Gesetz mit seiner ganzen Härte die Mörder straft, und das Ende von Schiebung und Lüge feiern. So ein Unterfangen wird lange brauchen, aber die bisherigen Äußerungen des künftigen spanischen Regierungschefs klingen ermutigend. Spanien muß in der Europäischen Union wieder den Platz einnehmen, der ihm gebührt, und die Außenpolitik der Union im Maghreb, im Nahen Osten und in Lateinamerika im Sinne des Völkerrechts mitbestimmen.

Aus dem Spanischen von Clementine Kügler.

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo lebt seit Jahren in Marrakesch. Zuletzt erschien auf deutsch der Roman "Sommer in Torremolinos" und "Kibla - Reisen in die Welt des Islam".

Aus dem Spanischen von Clementine Kügler.

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo lebt seit Jahren in Marrakesch. Zuletzt erschien auf deutsch der Roman "Sommer in Torremolinos" und "Kibla - Reisen in die Welt des Islam".



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2004, Nr. 77 / Seite 37

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