Entrümpelung

Was muß weg, damit es besser wird?

Von Jürgen Kaube

22. August 2005 Paul Kirchhof will das Steuerrecht entrümpeln. 481 Subventionen samt Ausnahmeregeln will er abschaffen und damit auch jene Steuererklärung, die kaum jemand technisch und überhaupt niemand politisch versteht.

Aber die Reflexe gegen das Entrümpeln funktionieren noch. In Deutschland auch nur zu sagen, daß man etwas abschaffen möchte, macht einem keine Freunde. Kirchhof hatte auch gleich ein paar weniger. Angela Merkel, die ihn als Experten geholt hatte, hing ihm, kaum war er mit seiner Expertise heraus, eilig das Schild „Visionär“ um den Hals. Damit niemand denken möge, in die Politik ziehe Mut zu Durchdachtem oder auch nur der Wille zur Beantwortung von Sachfragen ein, wurde dem Wahlvolk über Herrn Kirchhof gleich mitgeteilt: So sind sie halt, die Professoren, Darum lieben wir sie ja und zieren uns mit ihnen, aber darum hören wir doch noch lange nicht auf sie.

Jeder Gedanke „zu gewagt“

Phantasten aber haben wir uns eigentlich anders vorgestellt, mehr so wie Rudi Dutschke oder Norbert Blüm. Und insofern Träumen Geistesabwesenheit voraussetzt, verhält es sich tatsächlich auch umgekehrt. Denn nicht Kirchhof taumelt ohne Besinnung auf den Wahltermin zu. Überbelichtet und bis zur Selbstverleugnung bereit, demoskopische Vogelschau an die Stelle des politischen Möglichkeitssinnes treten zu lassen, tut es vielmehr die CDU, darin vereint mit den anderen Parteien. Es scheint eine Eigenschaft von Wahlkämpfen zu werden - und weil die Wahlkämpfe in diesem Land niemals aufhören, eine von Politik überhaupt -, daß jeglicher Gedanke unter „zu gewagt“ und „könnte verschrecken“ abgelegt wird. Inwiefern der Wahlkampf ein Kampf ist, wird immer unbegreiflicher.

Ebendies aber, daß bestimmt jemand dagegen sein wird, ist unter den Bedingungen des vollausgestatteten Wohlfahrtsstaates geradezu ein Minimalkriterium für politische Gedanken. Gehört es doch zu den Funktionen des immer nur wachsenden Gesetzes- und Subventionsdickichts, allen Bürgern das Gefühl zu vermitteln, Ansprüche auf das zu haben, was ihnen in der letzten Runde zugesprochen wurde. Dabei ist der Wohlfahrtsstaat, dessen Konstruktion solcherart auf dem Gemeinwesen lastet, keinesfalls auf die sozialpolitischen Hilfen für Notleidende und die Absicherung von Risiken beschränkt. Die Forscher hängen an seinem Tropf genau so wie Autoindustrie, Filmwirtschaft, die Bauern, Hundesportler oder Künstler. Und weil sie da im staatlich bestätigten Glauben hängen, Ausgaben für sie seien keinesfalls Subventionen, sondern Investitionen, plärrt ein jeder von ihnen, wenn etwas abgeschafft werden soll. „Reform“ heißt darum seit Gründung der Republik: mehr Geld und mehr Rechte für gute oder jedenfalls gut vertretene Dinge.

Insassen der Subventionsmaschine

Der Wohlfahrtsstaat ist zumeist nicht gewachsen, weil man politische Sachargumente dafür hatte, sondern weil genug Geld dafür da war, die sich als leidend empfindenden Interessenten zu befriedigen. Und etwas aus Sachgründen nicht zu tun, was man von den Finanzen her tun könnte, ist für die Insassen der Subventionsmaschine längst nicht mehr nachvollziehbar.

Politiker sagen darum so gut wie nie, was sie abschaffen wollen. Denn jedes Gesetz, das sich streichen ließe, ist das Denkmal eines langen Kampfes der Lobbyisten. In jeder einzelnen der 481 Subventionen des Einkommen- und Körperschaftsteuerrechts stecken riesige politische Energien. Darum spricht man in Deutschland auch immer nur vom Sparen und nicht vom Entrümpeln, Abschaffen, Beenden, was immerhin deutlich machen würde, daß es viel mehr um die Befreiung von undurchsichtigen Lasten geht. Wenn eine Subvention wegfällt, ist von „Kürzungen“ die Rede. Daß jede Subvention auch ein Zeichen staatlichen Besserwissens und der Umverteilung in Richtung derjenigen ist, für die am lautesten geschrieen oder in Berliner und Brüsseler Restaurants am effektivsten gearbeitet wird, gerät aus dem Blick.

Was muß weg?

Von diesem Tag an werden wir in diesem Feuilleton eine Folge von Entrümpelungsvorschlägen veröffentlichen, Antworten auf die Frage „Was muß weg, damit es besser wird in diesem Land?“ Wir wollen fragen, ob es wirklich zum Begriff eines wohlgeordneten Gemeinwesens gehört, daß es darin beispielsweise eine Nachtarbeitszeitregelung für Laborforscher, eine Filmförderung und Niederlassungsbeihilfen für Junglandwirte gibt.

Die Vorschläge sind nicht konstruktiv, sie sind destruktiv gemeint. Und sie dienen, gegenwärtigem Sprachgebrauch nach, auch nicht der Reform. Denn wenn „konstruktiver Vorschlag“ und „Reform“ wie derzeit nur noch meinen, daß jemandem eine neue Möglichkeit eingefallen ist, einen neuen Haushaltstitel zu schaffen, ein weiteres Institut zu gründen, eine neue Opfergruppe oder Besteuerungsgrundlage zu entdecken und eine bislang unbekannte Fördermaßnahme zu beschließen, gewinnen die Worte „destruktiv“ und „Entrümpelung“ einen anderen, helleren Klang. Nicht „Was wir für euch tun werden“, sondern „Wovon wir euch befreien werden“, sollten Wahlkampfprogramme überschrieben sein.

Den ersten Vorschlag zur Entrümpelung macht Friedrich Merz: Entrümpelung: Friedrich Merz

Text: F.A.Z., 23.08.2005, Nr. 195 / Seite 31
Bildmaterial: F.A.Z.-Brehm

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Lernen Sie die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kennen und testen Sie unser Angebot kostenlos und unverbindlich.

Entrümpelung

Nicht ändern, abschaffen

Löst die Fesseln: Hermann Otto Solms

Der gute alte Opa Staat vermag vor den Bedrohungen der Zukunft gar nicht mehr zu schützen. Die Parteien müssen den Menschen helfen, die staatlichen Fesseln zu lösen, fordert Hermann Otto Solms.

Entrümpelung

Mini-Verwaltungen auf Amtsebene

Weniger ist mehr: Ralf Stegner

Verwaltung ist kein Selbstzweck. Wie Schleswig-Holsteins Innenminister Stegner professionelle, wirtschaftliche und bürgernahe Verwaltungen schaffen will: ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Kindergeld bis siebenundzwanzig

Langzeitstudenten: Geld für die Eltern

Das Kindergeld wird deutschen Eltern bis zum 27. Geburtstag gewährt. Würde dem gehobenen Mittelstand dieses Privileg genommen, ließen sich 300 bis 400 Millionen Euro pro Haushaltsjahr sparen.

Entrümpelung

Reformresistent wie sonst kaum etwas

Hier landen die wenigsten: auf der Richterbank

Für achtzig Prozent aller Absolventen ist das Referendariat nach dem Jurastudium, durch das sie sich ausnahmslos quälen müssen wie durch einen Flaschenhals, eine Verschwendung von Lebenszeit, Energie und Ressourcen. Ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Die Windräder

In NRW schon auf der Abschußliste: Windräder bei Marsberg

Der schöne Satz gehört einfach ins Regierungsprogramm von Angela Merkel: „Das ist das erste, was wir kaputtmachen werden.“ Gesagt hat ihn ein neuer Minister Nordrhein-Westfalens, und gemeint hat er die Windräder.

Entrümpelung

Wie Politiker die Steuerpflicht umgehen

Parlamentarier genießen zu viele Sondervorteile

Politiker, die eine echte Reform wollen, müssen zuallererst ihre eigenen Privilegien abschaffen. Wenn sie unter denselben Gesetzen leiden müßten wie die Bürger, hätte dies eine erzieherische Funktion.

Entrümpelung

Die Filmförderung

“7 Zwerge“: der Steuerzahler trägt das Risiko - ohne Erfolgsbeteiligung

Die staatliche Förderung „des deutschen Films“ verschlingt 200 Millionen Euro im Jahr. Zur Freude der Filmwirtschaft. Um kulturelle Belange geht es bei den Subventionen jedoch nicht. Ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Forscher brauchen kein Arbeitszeitkorsett!

Manchmal muß es länger dauern dürfen

Nur zehn Stunden am Tag sind erlaubt: Weil das deutsche Recht die Arbeitszeiten enger faßt als die entsprechende EU-Richtlinie, müssen Wissenschaftler mitten im Experiment Feierabend machen. Ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Nanamaus und die Frikadellen

Geschmackvoll? Plakat der CMA

Die „Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft“, abgekürzt CMA, bekommt jährlich hundert Millionen Euro vom Staat. Aber wofür? Ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Schafft die Bundesagentur für Arbeit ab

Demontage: Arbeit an der Bundesagentur

Der Staat hat mit viel Geld wenig erreicht. Die Arbeitsvermittlung kann privatwirtschaftlich am besten funktionieren. Die Bundesagentur für Arbeit steht auf einer Liste zur Entrümpelung ganz oben.

Entrümpelung

Die Widerspruchsverfahren

Niedersachsen macht's richtig: David McAllister

Das Land Niedersachsen hat zahlreiche Vorverfahren abgeschafft. David McAllister, Vorsitzender der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag, glaubt, daß die Bürger seitdem sorgfältiger angehört werden.

Entrümpelung

Die Transfereinkommen sind zu hoch

So kann es nicht weitergehen: Friedrich Merz

Die Lage ist brutal ernüchternd. Und sie hat eine zentrale Ursache, nämlich die völlige Überforderung der kollektiven Systeme durch die Bürger: Friedrich Merz fordert, die sozialen Transfersysteme zu entrümpeln.

Entrümpelung

Fenster für die Dunkelkammer

Entrümpeln geht besser ohne Bürokratie

Ständig reden die Politiker vom Bürokratieabbau - aber kein Mittelständler hat je ernsthaft etwas davon gespürt. Warum jede neue Regelung zeitlich befristet werden muß: ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Weg mit der Kameralistik!

Ein Recht auf Transparenz: Oswald Metzger

Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf Transparenz, wenn es um das Finanzgebaren des Staates geht. Der Grünen-Politiker Oswald Metzger fordert, das kamerale Rechnungswesen abzuschaffen.

Entrümpelung

Die Universität als Behörde

Vorlesung an deutscher Universität

Als nachgeordnete Staatsbehörde wird die deutsche Universität die unternehmerischen Kräfte nie entwickeln, die sie im internationalen Wettbewerb so dringend braucht: ein Vorschlag zur Entrümpelung.

Entrümpelung

Weg mit den „Strafzöllen“

Auf dem Weg zur Entbiographisierung: Menschen in der Arbeitsagentur

Alles, was in den maximal zwölf Monaten des Bezugs von Arbeitslosengeld von seiten der Bundesagentur getan wird, steht unter dem Diktat der drohenden Strafe: Warum der Aussteuerungsbetrag wegfallen muß.