Musikkultur

Schluß mit dem Theater

Von Wolfgang Sandner

Welche Oper wird geschlossen? Staatsoper Unter den Linden ...

Welche Oper wird geschlossen? Staatsoper Unter den Linden ...

14. November 2006 Klaus Wowereit ist gescheitert - als Opernhausverkäufer. Offenbar gibt es kein „gesamtstaatliches Interesse“ an der Staatsoper und auch kein zusätzliches Geld des Bundes für die Musikkultur in Berlin. Das Ergebnis war voraussehbar. Dazu hätte es nicht der Ankündigung eines Gesprächs über die Opernsituation zwischen dem Regierenden Bürgermeister und der Bundeskanzlerin bedurft und im Grunde auch zuvor nicht des Sturms im Wasserglas mit dem Generaldirektor der Opernstiftung Michael Schindhelm.

Immerhin aber weiß man jetzt in Berlin, woran man finanziell ist, und hoffentlich auch, daß die Zeit der Augenwischerei vorbei ist. Berlin, die Hauptstadt der Musiknation Deutschland, muß sich entscheiden, ob es mit der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper und der Komischen Oper drei Musiktheater unterhalten kann oder nicht. Will man sie haben, dann müssen auch vernünftige Wege zur Finanzierung aufgezeigt werden. Bevor aber das Lamentieren über die so teure Kultur und die leeren Kassen wieder beginnt, sollte man einmal ein paar Vergleiche anstellen. Zum Beispiel mit anderen Städten.

Realität des kulturellen Alltags

... Deutsche Oper Berlin ...

... Deutsche Oper Berlin ...

Prag, die Goldene Stadt an der Moldau, besitzt drei Opernhäuser, Wien verfügt ebenfalls über drei Opernhäuser, Paris gar über fünf, wenn man das Théâtre du Châtelet, die Salle Favart mit der Opéra-Comique und das Théâtre des Champs Élysées hinzuzählt. Auch Moskau besitzt nicht nur das Zugpferd Bolschoi, sondern noch weitere vier, meist gut besuchte Musiktheater. Budapest unterhält seiner Tradition gemäß neben Staatsoper und Erkeltheater noch ein Operettenhaus. London, einst verspottet als Stadt ohne eigene Musik, kann immerhin auf drei Opernhäuser verweisen - neben Covent Garden und English National Opera noch Sadler's Wells Opera. Bayerns Hauptstadt München scheint kulturell mit National-, Gärtnerplatz- und Prinzregententheater ohnehin auf einem anderen Stern zu liegen.

Natürlich lassen sich die Situationen in den genannten Städten nicht ganz genau ins Verhältnis setzen. Prag kann immerhin auf einen nie nachlassenden Touristenstrom für seine Opernhäuser, vor allem aber für das Ständetheater als mythischem Uraufführungsort von Mozarts „Don Giovanni“ bauen. In München verfügt das auf wunderbare Initiative von August Everding wiedererstandene Prinzregententheater über kein eigenes Ensemble, ebenso wie Sadler's Wells in London und Châtelet sowie Théâtre des Champs Élysées in Paris. Palais Garnier und Bastille-Oper sind in Paris zudem unter einem Verwaltungsdach vereint. Aber daß Berlin nun schon so lange keine befriedigende Lösung, nicht einmal mit der noch nicht so lange installierten Opernstiftung, gefunden hat, wirft ein bezeichnendes Licht auf das stets im Politikermund geführte Wort von der Kulturnation, die es zu bewahren gelte, und der Realität des kulturellen Alltags, der angeblich nicht mehr zu finanzieren ist.

Gut, besser, München

Bei allen Vergleichen darf man das Beziehungsgeflecht zwischen Vorstellungszahlen, Eintrittspreisen, Auslastung, Eigeneinnahmen und vor allem künstlerischem Niveau nicht außer acht lassen. Die Staatsoper in München ist Deutschlands größtes Opernhaus, bietet die meisten Vorstellungen, besitzt die höchste Auslastung, kann sich die teuersten Plätze leisten und kommt auf die höchsten Eigeneinnahmen. Naturgemäß hängt eines vom anderen ab.

Nicht zuletzt spielen auch der künstlerische Rang und die Tradition des Hauses in dieser Stadt eine Rolle. 580.000 Besucher in einer Spielzeit mit 350 Vorstellungen und 94 Prozent Auslastung sowie 37 Prozent Einspielergebnis bei durchschnittlich neun Neuproduktionen und sechzig Repertoirestücken erreicht man nur, wenn man dem Publikum Konstanz und Qualität bietet und beispielsweise auf eine 353 Jahre alte, ungebrochene Aufführungstradition zurückblicken kann. Da fällt es auch den Kulturpolitikern leichter, auf die 48 Millionen Euro Zuschuß im Jahr 2004 ein Jahr später zwei Millionen draufzulegen.

Die Münchner lieben ihre Oper

Eine andere Vergleichszahl: Das Platzangebot der drei Häuser in München ist höher als das der drei Opern in Berlin - bei einem Viertel der Bevölkerungszahl. Das Argument, drei Opern für Berlin seien zuviel, stünde also schon im innerdeutschen Vergleich mit München auf tönernen Füßen, ganz abgesehen von den erwähnten Städten Prag und Wien. Freilich sagt die Auslastung mehr über das tatsächliche Interesse der Bürger an ihren Opernhäusern aus als das quantitative Platzangebot: Die Bayerische Staatsoper wurde in der Spielzeit 2003/2004, beziehungsweise 2004/2005 von mehr Besuchern frequentiert als Staatsoper und Deutsche Oper in Berlin zusammengenommen.

... oder die Komische Oper?

... oder die Komische Oper?

Die Auslastung der beiden Berliner Häuser kurz vor der Gründung der Opernstiftung lag bei 66 Prozent für die Deutsche Oper und 79 Prozent für die Staatsoper, was bedeutete, daß der Zuschuß für jeden Besucher in der Deutschen Oper 165 Euro, in der Staatsoper 144 Euro betrug. In München lag er bei 85 Euro. Mit anderen Worten: Die Münchner lieben ihre Oper. Wer sie besucht, zahlt hohe Eintrittspreise, und die anderen, sagen wir: an Oper nicht interessierten Bürger der Stadt, müssen das Haus nicht durch ähnlich hohe Subventionen mitfinanzieren. Die Bayerische Staatsoper ruht offensichtlich, viel mehr als die Häuser in Berlin, im Zentrum der Gesellschaft. Aber die Anhebung der Eintrittspreise könnte zumindest für die Lindenoper ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Ungeschicktes Agieren der Intendantin

Die aktuellen Zahlen für Berlin sehen seit der Einsetzung einer Opernstiftung etwas besser aus, freilich weniger durch das Instrument der Stiftung selbst als durch die Leistungen der jeweiligen Häuser. Die Staatsoper Unter den Linden kann mittlerweile auf neunzig Prozent Auslastung verweisen, die Komische Oper auf etwa siebzig Prozent. Nur die Deutsche Oper als größtes Haus steckt immer noch in Schwierigkeiten, die durch das ungeschickte Agieren der Intendantin in der „Idomeneo“-Affäre und die nicht gerade segensreiche Repertoirepolitik als Hypothek ihrer Vorgänger nicht kleiner geworden sind.

L'opéra Charles Garnier in Paris

L'opéra Charles Garnier in Paris

Die Berliner Opernsituation, so prekär sie sein mag, wird aber auch dadurch belastet, daß sie ständig als Fall dargestellt wird, um damit offenbar von wichtigeren Problemen abzulenken. So ist der öffentliche Haushalt Berlins allein durch Zinsausgaben jährlich mit zwölf Prozent belastet, die Zuschüsse für die Opernhäuser aber betragen vom Gesamthaushalt lediglich 0,8 Prozent. Warum befreit sich Berlin nicht von der Zinslast, indem man sich etwa von städtischen Wohnungen trennt? Grotesk ist aber auch der Streit, den Wowereit mit Schindhelm kürzlich vom Zaun gebrochen hat. Nicht Schindhelm und seine Konzepte im stillen Kämmerlein, die kaum etwas bringen, weil die Intendanten sich ihr gutes Recht einer eigenständigen Programmplanung nicht beschneiden lassen wollen, sind das Problem - es ist die ineffektive Opernstiftung selbst.

17 Millionen Einsparnisse

Immerhin kann jetzt die Frage ad acta gelegt werden, was die Bundesverantwortung für die Staatsoper gebracht hätte. Wohl das Ende der Deutschen Oper. Was Bevorzugung bewirkt, hat man in Bonn gesehen, als ein mittleres Haus durch einen aufgeblähten Starsänger-Etat für beträchtliche Wettbewerbsverzerrung in der deutschen Opernlandschaft gesorgt hat.

Royal Opera House Covent Garden in London

Royal Opera House Covent Garden in London

Die Aufgaben für die nahe Zukunft liegen auf dem Tisch: Berechnungen müssen neu angestellt werden, ob die drei Opernhäuser tatsächlich in den nächsten drei Jahren siebzehn Millionen Euro einsparen können und mit den dann 99 Millionen Euro Subventionen auskommen. Und auch die fünfzig Millionen Euro, die der Bund für die Sanierung der Staatsoper zugesagt hat, wenn Berlin die gleiche Summe hinzuschießt und weitere dreißig Millionen an Sponsorengeldern kommen, sollten nicht schnöde in den Wind geschrieben werden.

Text: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite 39
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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