Der Kanzler hatte die Hände vor dem Bauch übereinander gelegt, als stützte er sich auf den Knauf eines Schwertes, das er neunzig Minuten lang nicht zücken mußte. Es genügte die Haltung der Wachsamkeit, um den Eindruck unerschütterlicher Autorität zu erzeugen.
Während die Kandidatin sprach, sah er zu ihr hinüber, hatte nur den Kopf leicht gedreht, während der Körper in der Pose des Wächters verharrte. Eigentlich war es seines Amtes, das Ferne und Große im Auge zu haben, aber hinwegsehen durfte er über die Person nicht, die sich in sein Blickfeld geschoben hatte. Er mußte sich bieten lassen, daß sie sagte, sie wolle und sie werde ihm seine Stelle abnehmen. Aber noch hatte er alles unter Kontrolle, zuallererst sich selbst. Die kannte Gerhard Schröder nicht und seinen eisernen Willen! Er rümpfte die Nase nicht, ließ die Lider nicht sinken. Keine Zuckung verriet Ungeduld oder Herablassung.
Das Fernsehen hat nicht nur diese Bilder gezeigt und den dazugehörigen Ton übertragen. Es hat die Erwartungen an das Verhalten der beiden Rivalen mit einem so grotesken Aufwand vorgeformt und nachbearbeitet, daß man kaum noch auf sich wirken lassen konnte, welche Figur sie tatsächlich machten. Inwiefern durfte vom Sieg des sogenannten Medienkanzlers die Rede sein, wenn der Sieg ausweislich der Sofortumfragen zwar eingetreten war, aber sowieso niemand mit einem anderen Ausgang gerechnet hatte?
Die Analysen der vom Fernsehen beauftragten Meinungsforscher bewegten sich innerhalb der Grenzen dieser Kasuistik des Scheinparadoxen, als wäre das Verfassungsgericht noch einmal in Beratungen über die Vertrauensfrage eingetreten. So hat die große Koalition der Sender mit ihrem Brimborium selbst dafür gesorgt, daß man nicht recht glauben wollte, man werde Zeuge eines Duells, eines archaischen Rituals, bei dem einer das Leben läßt oder wenigstens die Ehre.
Dabei dürfte der Rednerkampf vor dem Volk tatsächlich die älteste Form des demokratischen Wettstreits sein. Zwei Politiker treten vor die Menge, und jeder behauptet, daß er der bessere sei. Geldverteilung und Waffengebrauch verbieten die Spielregeln. Die Gegner haben nur das, was sie aus sich machen, mit Worten und Gesten.
Ein ausländischer Beobachter, mutmaßlich unbeeindruckt durch unsere überforschten Erwartungen, hat gestern für die Szene, die wir sahen, einen Begriff gefunden. Gegenüber der nervösen und manchmal eingeschüchterten Kandidatin, die sich in den Zahlen verhedderte, so der Berichterstatter der belgischen Zeitung Le Soir, trat der Kanzler auf wie jemand, der eine Lektion erteilt. In der Tat umgab Schröder die Aura des Präzeptors auch dann, wenn er nichts sagte. Er belehrte seine mutmaßliche Nachfolgerin darüber, wie ein Kanzler aufzutreten hat.
Viel war darüber spekuliert worden, wer wohl die effektvolleren Angriffe führen würde. Eine falsche Frage, die den Rollenunterschied verkannte. Das Angreifen ist Sache des Herausforderers. Für den Kanzler kommt es auf das Standhalten an. Als ein Virtuose des Schmerzes empfahl sich Gerhard Schröder, wie ihn das Publikum in den Siegern der Tour de France bewundert. Daß der Eindruck entstehen konnte, die Frager setzten Frau Merkel schärfer zu als Schröder, erklärt sich daraus, daß der Amtsinhaber die Schwäche seiner Position zugeben durfte.
Schröder setzte die noble Miene des gefesselten Prometheus auf, während das vierköpfige Wappentier von Adlershof sich über seine Eingeweide hermachte. Man glaube doch wohl nicht, daß er zufrieden mit der Lage sei: Mit ein, zwei solchen hingeworfenen Sätzen stellte Schröder einen Ernst her, den Frau Merkel nicht überbieten konnte.
Wie jede Lektion, in der man wirklich etwas lernt, hatte die Lehrstunde des Kanzlerdarstellers einen handwerklichen Kern. Schröder versuchte Frau Merkel beizubringen, wie man sich jederzeit verständlich macht. Er verwendete keinen Fachausdruck ohne Erläuterung. Brüstete er sich irgend eines statistischen Spitzenplatzes Deutschlands in den Tabellen der G7, dann setzte er hinzu: Das sind die sieben stärksten Industrienationen der Welt.
Frau Merkel dagegen verwies in den umständlichen historischen Rechtfertigungen ihres steuerpolitischen Kurses auf die Petersberger Beschlüsse oder die gemeinsame Aktivität Koch/Steinbrück, ohne die Kürzel aufzulösen. Nun erweist sich die Herrschaft des Berufspolitikers über die Dinge daran, daß er nicht alles erklärt. Aber der gedrungene Stil, an dem Barthold Georg Niebuhr, der Staatsbankier und Geschichtsschreiber Roms, den Geschäftsmann erkennen wollte, ist fehl am Platz, wo Laien überzeugt werden wollen. Egal, wonach Frau Merkel gefragt wurde, ob Steuern, Renten oder Türken, immer verwies sie auf ihr Regierungsprogramm, auf vergangene Diskussionen und Kommissionen und auf die vorliegende Beschlußlage.
Nun ja, das kann sich der policy wonk von der Jungen Union bestimmt alles im Internet herunterladen, aber öffentlich im demokratischen Sinne ist eigentlich nur, was auf den Markt getragen wird. Der Politiker muß schon in eigenen Worten sagen, was er machen will, sonst vermißt der Bürger die Leidenschaft.
Alles sofort zurückschlagen: Auch die im amerikanischen Wahlkampf geläufige Technik des instant rebuttal muß Frau Merkel noch lernen. Fast konnte man Mitleid mit ihr haben, als sie einen kühnen demagogischen Streich Schröders - die Ausfalltaktik ist immer hochriskant - nicht parierte. Professor Kirchhof, zitierte Schröder, wolle die Renten nach dem Modell der Kfz-Steuer reformieren, also, so die böswillige Folgerung, Menschen genauso behandeln wie Sachen.
Frau Merkel wies weder diese Unterstellung zurück noch erklärte sie, was ihr Finanzberater mit seinem angeblichen Vorschlag gemeint hatte. Was jeder versteht, den gleichen Steuersatz für alle, erklärte sie zur unverbindlichen Vision, die gleichwohl auch gegenüber der famosen Beschlußlage ein nachahmenswertes Weiterdenken repräsentiere. Indem sie sich in abstrakten Ad-hoc-Konstruktionen verfing, lieh sie Schröders im Fernsehen naturgemäß nicht zu belegender Behauptung Plausibilität, er sei näher am Leben der Menschen. So wurde jede Lehrbuchweisheit aus der Rhetorik für Anfänger zum Treffer. Mich ärgert, wenn unkonkret geredet wird.
Daß Schröder sich wie ein Lehrer gab, löste sein delikatestes Rollenproblem: Wie sollte er einer Frau Widerworte geben? Die Schülerin hat ein Recht auf Zurechtweisung. Die schönsten Momente in dieser Komödie des pädagogischen Eros waren die stummen. Da Schröder beim Zuhören keinen Gemütsausdruck erkennen ließ, war es jedesmal höchst wirkungsvoll, wenn er dann doch eine Miene verzog - wenn er aus der Versteinerung erwachte, als verlangte es Übermenschliches von ihm, sich weiter auf seine Würde zu versteifen.
Als Frau Merkel ankündigte, bei der Finanzreform auch die Kommunen zu bedenken, und als sie erklärte, gegenüber der Türkei werde der Grundsatz pacta sunt servanda gelten, da gab sich Schröder amüsiert und überrascht. Genauer gesagt, da man ihm die Überraschung nicht abnehmen sollte: Er spielte die gespielte Überraschung, mimte den Lehrer, den das plötzliche Erwachsenwerden seiner Musterschülerin anrührt, die ihre Lektion gelernt hat und dennoch erst am Anfang ihres Lebensweges steht.
Daß Schröder die turmhohe Überlegenheit des Pädagogen ausspielen durfte, führt auf die Frage, ob er sich vielleicht nicht ernsthaft um dasselbe Amt bewirbt wie Frau Merkel. Der Witz der Bemerkungen, die er fallen ließ, lag oft in dem mit dem Publikum geteilten, aber von ihm natürlich nicht eingestandenen Wissen, daß ihm keine Hoffnung mehr bleibt als sein Selbstvertrauen: Souverän ist nicht der Mut der Verzweiflung, sondern die Heiterkeit dessen, der um keinen Preis verzweifeln will.
Als der Eiserne Kanzler seinen Abschied nehmen mußte, errichteten seine Anhänger in ganz Deutschland Bismarcktürme. Von oben herab betrachtete der große Mann das Treiben seiner Nachfolger. Bedrohlich ruhten die zusammengelegten Hände auf dem Reichsschwert. Schröder kann sich seinen Schröderturm selber basteln. Als steinerner Staatsgast pochte er am Sonntag abend auf sein Vermächtnis: Irak plus (da staunten die Historiker) Windräder. Angela Merkel mußte wohl dieses Kanzlerdenkmal nicht stürzen, um Kanzlerin zu werden. Auch Bismarck wäre allerdings gerne vom Turm wieder hinabgestiegen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb