Bayreuth

Weg mit der Wagner-Nase!

Von Eleonore Büning, Bayreuth

27. Juli 2007 Der Erwartungsdruck war übergroß. Ihm zu begegnen, tanzte die Bayreuther Kronprinzessin schon seit Wochen wie ein Derwisch auf allen Medienhochzeiten, Vorgestanztes raspelnd in jedes bereitgestellte Mikrofon. Zwangsläufig kam es zur Übersättigung, am Premierenabend zur Implosion. Fast logisch, dass dem Bassbariton Franz Hawlata am Ende die Stimme versagte, als er in seiner Schlussansprache als Hans Sachs die „Deutschen Meister“ ehren soll. Das Defilée der Mitwirkenden im Blitzgewitter der Buh- und Bravorufe verstolpert sich in schlecht geprobtem Chaos. Kläglich das Ende, dem Wert und der Bedeutung dieses Eröffnungsabend der sechsundneunzigsten Bayreuther Festspiele völlig unangemessen.

Hatte nicht soeben eine Wagner-Urenkelin ihr Regiedebüt auf dem Hügel gegeben in erklärter Absicht, Bayreuth müsse endlich wieder die „Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation anstreben“? Hatte sie nicht, um zumindest aufzuschließen, zum ersten Mal in der Nachkriegsfestspielgeschichte unmissverständlich auf der Bühne die nationalsozialistische Vergangenheit ins Bild gesetzt? Und wurden da nicht, in einem atemraubenden Akt der Anklage, Gewohnheiten zerstört, Ikonen demontiert, Andersdenkende ausgegrenzt und Menschen wie Requisiten in den Müll geworfen, ja, in Brand gesteckt?

Weg mit den lästigen Spinnern!

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Diese alte Bayreuther Hausregel nimmt sich Katharina Wagner, jüngster im Kreativfach tätiger Spross der weit verzweigten, tief zerstrittenen Wagner-Sippe, so zu Herzen, dass sie sich selbstironisch auf der Bühne zur Disposition stellt. Die Statisten, die da im heiklen dritten Aufzug von Richard Wagners einziger Komödie „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Sachsens Handlangern in die Metallcontainer befördert werden, sind eindeutig Doubles des Regieteams: eine Blondine, ein kleiner Mann im Dirigentenfrack, salopp gekleidete Bühnenbildner oder Kostümdesigner.

Die jungen Leute verbeugen sich mehrfach an der Rampe, werden dann einkassiert und entsorgt. An dieser Stelle gibt es spontan Jubel im Festspielhaus: Immer weg mit den lästigen Spinnern! Kurz darauf aber fällt den Applaudierenden, die da eben noch für die Verklappung Andersdenkender in den Müll votiert hatten, diese Pointe wieder schmerzhaft auf die Füße: Der Container wird feierlich in Brand gesteckt, und Sachs und Konsorten heben die Hände zu einer Geste, der zum deutschen Gruß nur noch wenige Zentimeter aufwärts fehlen.

Auf Onkel Adolfs Knien

Selbstreferentiell sind viele slapstickartigen Regieeinfälle Katharina Wagners, hier wie auch schon in ihren zwei vorangegangenen Wagner-Inszenierungen in Würzburg (“Holländer“) und Budapest (“Lohengrin“). Dauernd werden symbolisch alte Zöpfe abgeschnitten. Und immer wieder winkt sie mit dem Zaunpfahl in Richtung Sippe. Immerhin war der letzte, der vor ihr auf dem Hügel Richard Wagners „Meistersinger“ inszeniert hatte, der eigene Vater. Wolfgang Wagner, dessen frühlingsgrüne Festwiesenapotheose in ihrer Harmlosigkeit gar nicht mehr zu übertreffen war, gehört zu jener Generation der Wagners, die noch von Onkel Adolf auf den Knien geschaukelt wurde.

Nun sind ja gerade die „Meistersinger“, nicht zuletzt wegen der heimelig altertümelnden Diatonik, den affirmativ Dur-jubelnden Massenchören (“Wacht auf, es nahet gen den Tag“) und besagter Sachs-Ansprache ehemals die repräsentative Parteitagsoper im Nationalsozialismus gewesen. Außerhalb Bayreuths haben Regisseure von Neuenfels bis Konwitschny diesen Fall in ihren Inszenierungen zur Sprache gebracht. Wie das zu Hause bei Wagners am Kaffeetisch diskutiert wird, tut scheinbar nichts zur Sache. Doch andere Nachkommen der dritten Generation wie Nike, Gottfried, Wolf Siegfried oder Eva haben sich längst schon auf der Bühne der Öffentlichkeit mit der Schuldfrage befasst. Katharina Wagner ist die Erste, die nun, ausgestattet mit dem Segen des greisen Vaters und Festspielleiters, auch die Wagner-Freunde in Bayreuth damit konfrontieren darf.

Demontage der Übermenschen

Man kann kritisieren: längst abgefrühstückt, viel zu spät. Aber die Verstrickung der Rezeption Wagnerscher Musik in den Nationalsozialismus ist kein Thema, das einen Schlusspunkt zulässt. Man könnte auch sagen: viel zu grobklotzig, alles überinszeniert. Doch immerhin kann niemand behaupten, er habe den röhrenden Hirsch in Gold zwischen den brekerartigen Übermenschenstatuen am Ende des Abends nicht bemerkt oder die Gesten nicht verstanden, mit denen der auf einmal so unangenehm streng gescheitelte Hans Sachs das Brandopfer ins Werk setzt.

Das Stück, das am Ende so aufrührerisch auf den Kopf gestellt wird, beginnt wie eine gute Komödie als ausgefeiltes Kammerspiel. Und auch in dieser Hinsicht macht Katharina Wagner die besten Witze über sich selbst. Fast in jedem der drei Dutzend Interviews, die sie im Voraus gab, hatte sie erklärte, ihr Vater habe ihr die Regie der „Meistersinger“ erst anvertraut, als er wusste, sie könne umgehen mit einem Chor. Tatsächlich hat sie den Chor weitgehend von der Bühne verbannt. Die Gesamtleitung liegt bei dem jungen Kapellmeister Sebastian Weigle, der forsche Tempi anschlägt und eine temperamentvolle, aber spannungsarme Dynamik ausprobiert, was zu Balancestörungen und sogar Wacklern führt. Einzig das elegische Vorspiel zum dritten Aufzug glückt.

Geistesgrößen in Gips

Die Kirche, in der die Internats-Lehrbuben feierlich ihre „Kerzen“ aufstecken vor einem Altarbild, das als Stillleben Wurst und andere Essbarkeiten zeigt, ist ein Museum der schönen Künste, worin zwölf deutsche Geistesgrößen in Gips von der Galerie grüßen: Hölderlin, Schadow, Dürer, Beethoven, Schinkel, Kleist, Schiller, Goethe, Bach, Wagner, Lessing, Knobelsdorff. Die Meistersingerzunft trägt den Muff von tausend Jahren unter den Talaren und bezieht ihr Wissen aus Reclamheftchen. Nur der junge Quergeist Hans Sachs geht als zünftiger Schuster selbst barfuß wie ein Hobbit, qualmt wie ein Schlot und hackt seine Verse in eine alte Schreibmaschine. Er hat als Einziger Verständnis für den jungen Wilden, der im zweiten Stock aus dem Flügel kriecht und Jung Eva sofort schöne Augen macht.

Eigentlich liegt die Partie des Sachs für Franz Hawlata zu hoch. Doch im zweiten Akt, als er um Haaresbreite dem Charme Schön Evas mit ihrem fliederfarbenen Schal erliegt, gelingen ihm wundersam leise Zwischentöne. Eva und ihre Amme Magdalene agieren als eineiige Zwillinge: zwei pubertierende, rundliche Mädchen, die immerfort kichern und hopsen. Walter von Stolzing ist ein Schönling in Turnschuhen, der sich in infantiler Freude die Welt aneignet, sie zerlegt und verwandelt. Er malt die Gipsfiguren an, wie weiland Hindemith dem Beethovendenkmal einen Bart malte.

Klaus Florian Vogt ist ein Wagner-Tenor, wie er auf dem Hügel lange nicht mehr zu hören war: stahlklar, sonnenglänzend, sicher in der Intonation, heldenhaft in der Ausstrahlung. Sixtus Beckmesser dagegen sieht nicht nur aus wie Jack Nicholson, er schlurft auch genau so dämonisch-verplant durch die Gegend. Auch Michael Volle ist sängerisch ein Glücksfall: Er verleiht dieser geschundenen Figur nicht nur Chuzpe, Größe und Glaubwürdigkeit, er singt auch wunderbar. Auch die sängerische Leistung des Tenors Norbert Ernst, der den David als Stift in kurzen Hosen gibt, ist hoch zu rühmen. Und der Nachtwächter (Friedemann Röhling) als eine Art Marthalerscher Running Gag ist als Hausmeister allezeit präsent, sammelt die Flaschen ein, ölt die Klinken.

Risse in der Kunst-Welt

Wie diese nette Kunst-Welt nach und nach Risse bekommt, wie die idyllischen Figuren allmählich ihre Konturen und ihre Identitäten verändern, wie die Bühne aus den Fugen geht und die Gipsköpfe ins Leben finden, bis schließlich alles gipfelt in einer wie bei Breughel nach Absurdistan verlegten Johannisnacht, in der es Schuhe und Reclamheftchen regnet, das muss man gesehen haben. Übertroffen wird dieses zweite Aktfinale allenfalls noch vom Festwiesenfinale, darin die alten Meister einen obszönen Cancan tanzen und Richard Wagner persönlich ein Stück von der gipsernen Nase verliert.



Text: F.A.Z., 27.07.2007, Nr. 172 / Seite 33
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Enrico Nawrath

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