Joachim Fests Memoiren

Auch wenn alle mitmachen - ich nicht

Von Felicitas von Lovenberg

Innenansicht einer oppositionellen Familie: Joachim Fest

Innenansicht einer oppositionellen Familie: Joachim Fest

06. September 2006 Die vielleicht aussagekräftigste Episode dieses an vielsagenden, denkwürdigen Episoden, Unterhaltungen und Ereignissen so reichen Buches liegt siebzig Jahre zurück. Anfang 1936 - der Verfasser ist gerade neun Jahre alt - belauschen sein Bruder Wolfgang und er eine seltene Auseinandersetzung zwischen den Eltern. Der Vater war bereits vor einiger Zeit vom Schuldienst suspendiert worden, selbst das Erteilen von Nachhilfestunden hatte man ihm untersagt: Unliebsame Kritiker erkannte das Regime sofort. Die Familie war in dieser Notlage enger zusammengerückt in der Wohnung in Berlin-Karlshorst, es gab kein Kindermädchen mehr, und zum Zeitpunkt des abendlichen Gesprächs war die Mutter im Begriff, die bereits mehrfach geflickten Sachen der Kinder erneut in Ordnung zu bringen.

Behutsam schildert der sich erinnernde Sohn den Verlauf der Unterhaltung. Die Mutter fragt den Vater zögerlich, ob er nicht doch noch überlegen wolle, in die Partei einzutreten, „und um das Ende ihres Vorbringens anzudeuten, setzte sie nach längerem Innehalten ein einfaches ,Bitte!' hinzu“. Der Vater nimmt sich Zeit für seine Antwort. „Er sagte etwas über die Umstellungen, zu denen sie, wie viele andere, genötigt seien. Über die Gewohnheit, die nach zumeist schwierigen Anfängen einigen Halt vermittle. Über das Gewissen, das Vertrauen in Gott.“ Die Mutter, die sich ohnehin bereits weiter vorgewagt hat, als es sonst ihre Art ist, bleibt hartnäckig und bemerkt, „daß ein Parteieintritt doch nichts ändere: ,Wir bleiben schließlich, wer wir sind!' Ohne langes Nachdenken erwiderte mein Vater: ,Das gerade nicht! Es würde alles ändern!'“

Die Familie als verschworene Gemeinschaft

Aufrecht in der Welt stehender Nichtmitläufer: Joachim Fest bei der Einschulung

Aufrecht in der Welt stehender Nichtmitläufer: Joachim Fest bei der Einschulung

Warum sich dem Knaben, der Joachim Fest damals war, dieser Disput so unauslöschlich eingeprägt hat, wird im weiteren Verlauf des Gesprächs deutlich. Die Mutter sagt, die Heuchelei, die der Parteieintritt bedeuten müßte, nähme sie in Kauf: „Die Unwahrheit sei immer das Mittel der kleinen Leute gegen die Mächtigen gewesen; nichts anderes habe sie im Sinn. Das Leben, das sie führe, sei so entsetzlich enttäuschend! Nun schien die Überraschung auf seiten meines Vaters. Jedenfalls sagte er einfach: ,Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!'“

Die Skrupel, Zweifel und Gewissensfragen, mit denen sich der von den Nationalsozialisten zur Tatenlosigkeit verdammte Vater von fünf Kindern ständig auseinandersetzte, dürften exemplarisch sein für viele Deutsche, die sich nach 1933 vor die Wahl zwischen Armut, Ächtung, ständiger Wachsamkeit und Repressalien oder der Anpassung und dem Mitläufertum als vermeintlich kleinerem Übel gestellt sahen. In der Konsequenz, mit der Johannes Fest sich ihnen stellte, für seine Überzeugungen rhetorisch kämpfte und seine Familie zum Hinschauen aufforderte, wirken sie indes einzigartig. Es fällt Joachim Fest nicht ein, seinen Vater zum Helden zu stilisieren - daß dessen unerschrockene Art, dem Regime zu begegnen, alles andere als selbstverständlich war, mag man indes auch den Erinnerungen von Hubertus Prinz zu Löwenstein entnehmen, der in „Abenteurer der Freiheit“ schrieb, Hans Fest habe „zu den mutigsten katholischen Widerstandskämpfern“ gehört, die ihm überhaupt begegnet seien. Die Familie Fest bildete eine verschworene Gemeinschaft, was zumal den Söhnen an jenem Abend deutlich wurde, als der Vater ihnen den Satz „Etiam si omnes - ego non“ aus der Ölberg-Szene im Matthäus-Evangelium mit auf den Weg gab, den Joachim Fest nun im Titel wieder aufgreift.

„Nur kein genre sentimental!“

Einmal jedoch können Vater und Sohn partout nicht zueinanderfinden. Der Entschluß des Sohnes, sich als Freiwilliger zu melden, weil dies im Jahr 1944 der einzige Weg sei, nicht zur SS eingezogen zu werden, stößt in Karlshorst auf Unverständnis. Sein Vater schreibt dem Sohn nach Freiburg „in unfaßbarer Offenheit, zu dem ,Verbrecherkrieg Hitlers' melde man sich nicht freiwillig, auch nicht um den Preis, der SS zu entgehen“. Erst lange nach Kriegsende kommen sie auf ihren Streit zurück. „Du hast nicht unrecht gehabt“, sagt der Vater. „Aber recht gehabt habe ich!“

Wer Joachim Fest kennt, als Historiker und früheren für das Feuilleton zuständigen Mitherausgeber dieser Zeitung, durch seine Bücher zu Hitler, Albert Speer und den Männern vom 20.Juli, mit denen er unser Bild vom „Dritten Reich“ geprägt hat, durch seine Aufsätze, Reden und Artikel zum Wesen der Kunst, der Zeit, der Menschen, wie zuletzt im Band „Begegnungen“: Der wird in diesen Erinnerungen, die wir von morgen an in unserem Feuilleton vorabdrucken, kaum etwas finden, was ihn erstaunt oder verwundert, etwas, was man als Leser Fests von der geistigen Physiognomie dieses Mannes nicht längst geahnt hätte - außer vielleicht, daß er als Junge für seine Frechheit gegenüber Lehrern und anderen Autoritäten regelmäßig getadelt werden mußte und nicht nur sich durch seine vorlauten Bemerkungen immer wieder in die Bredouille brachte. Aus dem Freiburger Internat schreibt man den Eltern: „Joachim F. ist ohne geistiges Interesse und befaßt sich nur mit Themen, die ihm leichtfallen.“ Doch der Lausbub, der Fest glücklicherweise auch sein konnte, ist schon das einzige, womit man bei diesem eloquenten Analytiker womöglich nicht gerechnet hätte. Statt dessen begegnen dem Leser viele Charaktere und Geschehnisse, die ihm Respekt abverlangen und ihn berühren. Fest versteht es, den existentiellen Ernst, mit dem die politischen Ereignisse seine Jugend überschatteten, immer wieder durch heitere, zärtliche und selbstironische Einwürfe aufzulockern. Noch den Sommer 1939 hat er in glücklicher Erinnerung, schildert Familienausflüge nach Potsdam und Neuruppin, erste Opern- und Theaterbesuche, bei denen in ihm die Liebe zur Musik erwacht; frühe Leseeindrücke zwischen Schiller und Ernst Wiechert, auch die strikte Ablehnung Thomas Manns durch den Vater, der dem Schöpfer der „Buddenbrooks“ die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ nicht verzeihen konnte. Die Mutter hingegen sorgt für die bürgerliche Erziehung in unbürgerlicher Zeit. Ihr Leitsatz lautet: „Nur kein genre sentimental!“ Jammern gilt nicht.

Ein zartes Buch

Die Klarheit und die Eleganz, die den Duktus Joachim Fests von jeher auszeichnen, machen diese Erinnerungen nicht nur zu einem zeitgeschichtlich-dokumentarischen, sondern auch zu einem literarischen Glücksfall. Vor allem aber ist es die Haltung, die darin zum Ausdruck kommt: nicht nur, weil „Ich nicht“ sich wie eine Schule der Nicht-Anpassung liest, sondern weil ein Bemühen um Rechtschaffenheit darin zum Ausdruck kommt, die Intellekt und Charakter des Verfassers geprägt haben. Am Ende schreibt Fest, sich selbst und das eigene Gedächtnis immerfort befragend: „Im ganzen hält man weniger fest, wie es eigentlich gewesen, sondern wie man wurde, wer man ist.“

Die Familie Fest in den 30er Jahren

Die Familie Fest in den 30er Jahren

„Ich nicht“ ist, neben dem bezauberten, bezaubernden Italien-Band „Im Gegenlicht“, Joachim Fests zartestes Buch. In seinen historischen Werken zum Nationalsozialismus hat er das eigene Erleben dieser Jahre nie zur Sprache gebracht, wenngleich aufmerksame Leser stets ahnen mochten, daß die Brillanz, Klarheit und Unermüdlichkeit, die er auf Erforschung, Darstellung und Lehre dieses Themas verwandte, durch private Anschauung und persönliches Erleben gesteigert war. Aber Fest hat sein Publikum nie mit den eigenen Erinnerungen behelligt; er hätte es wahrscheinlich als Zumutung empfunden, Aufhebens von etwas zu machen, das für ihn ans Selbstverständliche grenzt.

Ein Mythos fällt

Zum Glück ist der Wunsch, das Wichtige festzuhalten, in den letzten Jahren stärker geworden als solche Bedenken, und nun, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag im Dezember, erscheinen seine „Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend“. Der unbestimmte Artikel dieses Untertitels verrät, daß Joachim Fest seine Zurückgenommenheit in persönlichen Dingen auch in diesem, seinem persönlichsten Werk keineswegs ganz abgelegt hat. Doch nicht er selbst steht im Mittelpunkt, sondern seine Eltern, sein älterer Bruder Wolfgang, über dessen Verlust die Familie nie hinwegkommt, seine Lehrer und Mentoren, Bekannte und Verwandte, Kameraden aus Schul- und Militärzeit. Ihnen allen hat Joachim Fest mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt - seinem Vater, seiner Mutter und jenen, die ähnlich wie sie dachten und handelten, wie überhaupt all denen, die sich nicht mundtot stellten oder denkfaul machen ließen. Das Wort „Zivilcourage“ fällt nicht; der Vater hat dem Sohn früh geraten, „große Worte“ zu meiden. Als moralische Beharrlichkeit ist sie gelebte Selbstverständlichkeit.

Joachim Fest in amerikanischer Kriegsgefangenschaft (1945 gezeichnet von Alfr...

Joachim Fest in amerikanischer Kriegsgefangenschaft (1945 gezeichnet von Alfred Sternmann)

Dieses ergreifende Erinnerungsbuch, in dem Joachim Fest von jenen Erlebnissen berichtet, die „im Lauf der Jahre lebensbestimmendes Gewicht“ für ihn gewannen, verdient es, in den Schulen gelesen zu werden - um seiner selbst willen, aber auch als Gegenbeispiel zu den vielen literarisch beglaubigten, doch charakterlich mindestens fragwürdigen Nebelschwaden, die andere über diese Zeit in die Welt gesetzt haben. Auch in seinen Erinnerungen ist Joachim Fest die Treue zu sich selbst wichtiger geblieben als fremde Erwartungen. Damit hat er dem bequemen Mythos des Nicht-gewußt-Habens, des Nicht-anders-gekonnt-Habens endgültig ein Ende gesetzt, und auch insofern ist „Ich nicht“ die konsequente Fortsetzung seines Lebenswerks.

Text: F.A.Z., 06.09.2006, Nr. 207 / Seite 39
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