Euro 2004

Fußball ist unser Leben

Von Jürgen Kaube

Trauma, Befreiung, Trauma: Fußball ist unser Leben

Trauma, Befreiung, Trauma: Fußball ist unser Leben

14. Juni 2004 Für manchen akademischen Sportsfreund steht fest: Fußball ist nicht nur Fußball, sondern ein "Spiegel der Gesellschaft", ein soziales "Paralleluniversum", ein Schlüssel zur gegenwärtigen Kultur. Solche Zuschreibungen verlieren angesichts des befürchteten Zustandes der deutschen Nationalelf jede Harmlosigkeit. In einer Gesellschaft, die auch nur von fern der deutschen Innenverteidigung oder dem Spiel Bernd Schneiders gegen Ungarn ähnelte, möchte schließlich nicht jeder leben. Aber was hieße es überhaupt, in einer Gesellschaft zu leben, die "so wie" der Fußball ist? Oder umgekehrt: Was wäre eine Mannschaft, die nicht nur, ihren Pässen nach, deutsch ist, sondern deutsche Pässe spielt? Und warum sollte man an einem Sport überhaupt Vergnügen finden, wenn er der Gesellschaft ähnelt?

Das Spiel der Deutschen gegen die Holländer heute abend drängt solche Fragen auf. Denn was wird in diese Begegnung samt dem Unterschied zwischen deutschem und holländischem Fußball nicht alles an anspruchsvoller Thekensoziologie hineingelegt! Befragt, was er von kolportierten Äußerungen des holländischen Mittelstürmers Ruud van Nistelrooy halte, zum Match gegen Deutschland gehöre für Holländer auch das, "was vor sechzig Jahren war", erinnerte am Sonntag der dadurch zu Recht etwas peinlich berührte Rudi Völler zwar daran, daß es um ein Fußballspiel gehe, um nicht mehr und nicht weniger. Doch damit wird er die Fußballintellektuellen nicht abschütteln.

Militärische Tugenden

Der Freiburger Kulturgeschichtler Klaus Theweleit etwa hat gerade in einem Buch über "Fußball als Realitätsmodell" die wichtigsten Prämissen des gehobenen Stammtisches kodifiziert. Dabei kommt der Entgegensetzung von deutsch-traditioneller und holländisch-moderner Spielweise die entscheidende Rolle zu. Denn was sich für Theweleit im Fußball lange Zeit niederschlug, waren nationale Mentalitäten. Die deutsche Mentalität aber ist für ihn im zwanzigsten Jahrhundert die einer kriegführenden Nation. Über den Kampf zum Spiel finden, sich durchbeißen, durch Willenskraft obsiegen - das seien militärische Tugenden.

Nur in Deutschland werde ständig die Frage nach dem Führungsspieler aufgeworfen. Lange auch galten im Umkreis des Deutschen Fußball Bundes die Normen des Kameradentums, der Disziplin und der Subordination. In der Gesellschaft selber starben sie - Theweleit glaubt an 1968 - allmählich ab. Aber gegenüber Virtuosen und Millionären wurden sie gleichwohl zum Schaden des Spiels durchgesetzt. So wurde noch vor zehn Jahren Stefan Effenberg von einer Weltmeisterschaft nach Hause geschickt, bloß weil er einem nölenden Publikum den Mittelfinger zeigte - kann man sich dieses Strafmaß bei einem italienischen, niederländischen oder spanischen Trainer vorstellen? Im sogenannten Umfeld wie auf dem Platz neigt der deutsche Fußball zu Anachronismen.

Linienöffnendes Auseinanderziehen

Das Gegenbild zum deutschen Fußball mit seinem Hang zu unzeitgemäß autoritären Auffassungen und dem "Aufkündigen fortschrittlicher Momente" ist für Theweleit der holländische. Er verbinde seit den späten sechziger und den siebziger Jahren sachliche und soziale Rationalität. Damals wurden bei Ajax Amsterdam von Rinus Michels und Johan Cruyff die Grundlagen der heute weltweit dominierenden Spielweise entwickelt: die Raumverkleinerung durch Vorrücken der Verteidigung, das "Pressing", bei dem schon die Angreifer den gegnerischen Spielaufbau attackieren, die ersten Ideen zur Viererabwehrkette und das linienöffnende Auseinanderziehen des Spiels im Angriff.

In seiner Studie "Brilliant Orange" über den Aufstieg des holländischen Fußballs hat der englische Fußballhistoriker David Winner den Ursprung dieser Spielideen in einer Art geometrischem Nationalcharakter der Holländer gefunden. Nicht zufällig habe das Land der Deiche und der dem Meer abgewonnenen Flächen, das Land der schnurgeraden Fahrradwege und der rechteckigen Tulpenfelder, das Land Mondrians und der gardinenlosen Fenster diesen konstruktiven, nüchternen Umgang mit dem Raum auch auf dem Rasen hervorgebracht. Zum erstenmal ging es danach im Fußball nicht mehr vorrangig um eine Reihe von Zweikämpfen, sondern um das Sehen von Linien und das Öffnen von Räumen.

"Der größte öffentliche Konsens"

Vogts gegen Cruyff, die alte militärische Grätschenlogik gegen den neuen Geist der intelligenzgesteuerten Spielarchitektur. Auch wer dem deutschen Team von 1974 konzediert, daß in ihm mit Beckenbauer, Overath und Breitner durchaus Spieler des neuen Typs vertreten waren, kann sich vorstellen, was die Niederlage der Holländer gegen die Deutschen am 7. Juli jenes Jahres unter geschichtsmetaphysischen Gesichtspunkten bedeuten mußte: eine furchtbare Ungerechtigkeit. Auch wer, wie Theweleit, im deutschen Trainer Helmut Schön eine Figur der "coolen" Moderne erkennt, die Individualisten schätzt, anstatt sie zu disziplinieren, mag verstehen, daß die Holländer 1974 als Trauma bezeichnen. Sie liebten und zivilisierten das Spiel, aber das Spiel liebte sie nicht wieder, sondern warf den Erben des Kampffußballs den Lorbeer zu.

In einem Interview hat Hans van Breukelen kürzlich erzählt, wie er 1974 als Siebzehnjähriger die Endspielniederlage wahrnahm und als Mitglied des niederländischen Teams der Europameisterschaft von 1988 den Sieg gegen die Deutschen als Revanche aufgefaßt habe, durch die die Dinge wieder in Ordnung gebracht worden seien. "Der größte öffentliche Konsens seit der Befreiung" konstatierte damals eine holländische Zeitung, und Rinus Michels befand: "Nun kann das Gerede über 1974 aufhören." Aber es hörte nicht auf, und van Breukelen bezeichnet das WM-Spiel 1990, als Rijkaard gegen Völler spuckte und die Deutschen wieder gewannen, erneut als "das große Trauma" - eine Mannschaft voller postkolonialer, eigensinniger und weltläufiger Virtuosen verliert gegen einen Haufen Rackerer.

Wunder oder Schmach

Trauma, Befreiung, Trauma. Es ist bemerkenswert, daß die Semantik der jüngeren deutschen Fußballgeschichte ihrerseits nicht von psychologischen Begriffen geprägt ist. Sie kennt anstatt eines Traumas nur das "Wunder" von Bern und die "Schmach" von Córdoba, derentwegen aber niemand hierzulande die fliegende Hitze anfällt, wenn er Österreichern begegnet. Kann es also sein, daß die Niederländer zwar stets moderner gewesen sind, was das Spielsystem und die Spielertypen angeht, aber unmoderner, was die Einstellung zum daraus nicht ableitbaren Ereignis betrifft? Und naiver auch, was den von Klaus Theweleit geteilten Glauben an die Überlegenheit der modernen Spielweise angeht?

Das führt zurück zur Frage, ob die angenehmeren sozialen Einstellungen auch den besseren und sogar den erfolgreicheren Fußball hervorbringen.  Ja, Frankreich, wer zöge den Familienvater Zidane nicht dem von seiner Gattin geschaffenen Amüsierbuben Beckham als Nachbarn vor? Ja, Portugal, wer  fände nicht das Versprechen eines eleganten Passes tiefer als acht Griechen, die alles weghauen, was sich dem Elfmeterraum nähert? Und doch haben die Engländer 85 Minuten lang besser gespielt - und verloren. Und doch haben die Griechen besser gespielt - und gewonnen.

Gemeinsamkeiten von Fußball und Tanz

Das Hin und Her des Balls läßt sich nicht sinnhaft und schon gar nicht moralisch oder soziologisch verrechnen. Die Strecken vom eigenen zum fremden Tor sind lang, viele Spieler stehen im Weg, die strategischen Möglichkeiten sind ungezählt, die Situation für den einzelnen Spieler ist zumeist viel unübersichtlicher als in anderen Ballspielen, und der Untergrund ist uneben. Vor allem aber: Die Füße sind nicht dazu gemacht, präzise Bewegungen auszuführen.

Der katalanische Choreograph Cesc Gelabert hat das einmal auf die schöne Formel gebracht, im Fußball wie im Tanz liege die Schwierigkeit darin, die Beine wie Arme bewegen zu müssen. Man soll etwas auf eine Weise tun, das man unter normalen Umständen besser auf eine andere Weise täte. Also bricht sich die Übersetzung von moralischen und ideologischen Erwartungen der Zuschauer ständig an den Gleichgewichtsproblemen der Spieler. Also sollte man auch den Glauben fahrenlassen, im Fußball stünden sich die Repräsentanten höherer sozialer Mächte gegenüber. Da kannst du noch so ein liebenswert rationaler Holländer oder multikultureller Franzose sein oder ein noch so beflissener Deutscher - wenn dir das Standbein wegrutscht, gehen Tugend, Soziologie und Geschichtsphilosophie gemeinsam zum Teufel.

Der hermeneutische Aufwand, der an die Deutung des Spiels gewendet wird, steht insofern in keinem Verhältnis zum Ertrag.  Darum ist die Theorie des Fußballs, die den Publikationen nach blüht, zugleich in einem so lausigen Zustand. "Es sollte. .." - so beginnt jeder erste Satz eines Fußballkenners. Es sollte mit einer Viererabwehrkette gespielt werden. Griechenland tat es nicht. Es sollte England von Frankreich ausgespielt werden. Frankreich gewann, ach Beckham, ganz anders. Es sollte Holland gewinnen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2004, Nr. 136 / Seite 41
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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