26. April 2008 Brunsbüttel - da fährt ja nun schon lang' kein Zug mehr hin, lacht mich der Schaffner aus, als ich ihm mein gewünschtes Fahrziel nenne. Und dabei ist das noch gar nicht das Endziel der Reise. Von Brunsbüttel aus, das man schließlich mit dem Bus erreicht, geht es erst mal noch über den Nord-Ostsee-Kanal und dann eine Weile über die Felder bis zur winzigen Häusersammlung Blangenmoor und weiter zum örtlichen Bahnhof. Der letzte Zug hat hier 1950 gehalten. Auf den Säulen der Einfahrt sitzen weiße Bulldoggen aus Stein mit goldenen Kronen auf dem Kopf. Hier wohnen Bully, die Bulldogge, und Karen Duve, die Schriftstellerin. Außerdem ein Pferd und zwei Maultiere, zahlreiche Hühner in einem prächtigen roten Nebenbau, jede Menge Molche im Schwimmteich hinter dem Stall und eine zurückhaltende Katze.
Tiere spielen im Werk der Schriftstellerin Karen Duve eine gewisse Rolle. Mal als Retter aus scheinbar endloser Lebenslethargie, mal als Untergangsbotschafter, wie in ihrem ersten Roman, dem Regenroman, der 1999 erschien und den Ruhm der Karen Duve begründete. Damals waren es Schnecken und Frösche, unendlich viele Frösche, die den Niedergang des Schriftstellers Leon in einem morschen Haus im ostdeutschen Moor laut quakend begleiteten. In späteren Büchern wurden Froschlazarette gebaut und Drachen getötet. In ihrem neuen Roman Taxi, der in der kommenden Woche erscheint, führt ein Schimpanse die entscheidende Wendung herbei.
Horrorkabinett des Alltags
Menschen sind in Karen Duves Romanen in aller Regel unglaublich unsympathische, ich-besessene, machtbesessene, kleingeistige, armselige Wesen. Wer als Neuankömmling auf der Erde die Welt der Menschen aus den Büchern Karen Duves kennenlernen würde, wäre schneller wieder weg, als er gekommen ist. Es ist ein Horrorkabinett des Alltags, das Karen Duve in ihren Büchern versammelt. Vor allem die eine Hälfte des Menschentums steht im Fokus ihrer Verachtung: Männer. Ein Mann übersteht die Karen-Duve-Lektüre nicht unbeschadet. Die Einsicht, zu einer insgesamt verachtenswerten, aufgeblasenen, lächerlichen, gockelhaften Personengruppe zu gehören, ist danach kaum noch von der Hand zu weisen - da ist guter Rat teuer.
In einer solchen Stimmungslage sollte man besser nicht auf Bully treffen. Denn Bully springt einen bei der ersten Begegnung mit einer solchen Kraft und Furchtlosigkeit an, dass man möglichst stabil auf den Beinen stehen sollte. Er ist sehr begeisterungsfähig, erklärt seine Besitzerin dem Gast zur Begrüßung. Und er langweilt sich sonst sehr und ist froh, dass endlich mal was passiert. Also gut. Möge nicht allzu viel passieren an diesem Nachmittag, denkt man sich und versucht sich zitternd anzufreunden mit dem hechelnden, gut gelaunten Kraftprotz.
Idylle zwischen Zivilisationskraken
Dass er sich hier draußen manchmal langweilt, der Bully, das glaubt man allerdings aufs Wort. Er liegt wirklich beachtlich abgeschieden, der alte Bahnhof hier oben im Norden. Blangenmoor - man kommt nicht umhin, an jenes verwunschene Haus aus dem Regenroman zu denken, das im Moor und ewigen Regen versank. Aber damals, als das Buch entstand, lebte Karen Duve noch gar nicht hier draußen, der Bahnhof aus roten Klinkersteinen wirkt außerdem sehr stabil, und die Sonne scheint heute aufs Prächtigste. Ein Frühlingsidyll, allerdings von Zivilisationskraken umgeben. Windräder sind überall auf den Feldern verteilt, die Autobahn führt auf riesigen Betonpfeilern übers Land, und auch das Atomkraftwerk Brunsbüttel ist nicht weit. Die Landbewohner bekommen regelmäßig Broschüren zugeschickt, wie sie sich im Falle eines Unglücks im Atomkraftwerk zu verhalten haben, erzählt Karen Duve. Dazu bekommt man einen Gutschein für Jodtabletten, den man in den örtlichen Apotheken vorlegen kann. Habe ich natürlich sofort eingelöst, sagt sie lachend.
Überhaupt ist sie wahnsinnig gut gelaunt an diesem Nachmittag und wirkt so bodenständig und unabgründig, wie man nur wirken kann. Wir sitzen an einem Holztisch in der Sonne, sie hat Krabben und Brötchen gebracht. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man hier, auf dem ländlichsten Land, einen Großstadtroman über das Taxifahren im Hamburg der achtziger Jahre schreiben kann. Hat sie aber. Und was für einen! Karen Duve knüpft mit diesem Buch endlich wieder an die Boshaftigkeit, die Rasanz, die Wahrhaftigkeit und den Witz ihres ersten Buches an. Das Zwischenbuch, Dies ist kein Liebeslied über Bulimie und Verbrechen, war ihr etwas zu therapeutisch und leidend geraten, das Märchen Die entführte Prinzessin war - zu märchenhaft für viele ihrer Leser.
Kammerspiel der Dienstleistungsgesellschaft
Aber jetzt also endlich wieder: große Duve-Kunst. Lachen und Verzweiflung. Das wahre Leben als Horror und großer Spaß. Alex Herwig, die Ich-Erzählerin, fährt Taxi. Am Anfang hält sie das noch für eine gute Idee: Es gab vieles, was mir am Taxifahren gefiel: die ganze Nacht aufbleiben, unverantwortlich schnell und unangeschnallt Auto fahren und dabei wilde, merkwürdige Musik in den Spätprogrammen der Radiosender hören, die Busspur benutzen, wenn alle anderen Autos im Stau standen, jede Nacht in Bordelle eindringen . . . und so weiter. Doch die Freude wird nicht lange währen, denn im Taxi ist man häufig nicht allein. Ein Schock für Alex: Ich hatte mir keine Vorstellung vom Ausmaß der Schlechtigkeit meiner Mitmenschen im Umgang mit Dienstleistenden gemacht, heißt es schon früh. Und es folgen unzählige Kammerspiele des Grauens.
Zwei oder mehr Menschen in einem kleinen rollenden beigefarbenen Käfig auf den Straßen Hamburgs unterwegs. Mit einem kleinen, einführenden Pinselstrich erledigt Duve jeden neuen Gast, um dann das ganze schöne Unglück zu entfalten: Der Mann, den ich vor einem Bordell in der Nähe des Fernsehturms aufsammelte, war auf eine asoziale Art dünn, fängt es an, und am Ende des Zusammentreffens wird Alex niemanden so sehr verachten wie sich selbst. Ein anderer Fahrgast erscheint ihr so: Er war um die vierzig Jahre alt und hatte ein gieriges Gesicht. Das Leben schuldete ihm etwas. - Er wird es sich nehmen. Heute noch.
Nette Menschen fahren nicht Taxi
Gegen Ende des Buches trifft sie auf einen sonderbar sonnigen Taxifahrer, der sie mit einer eigenwilligen Weltsicht verblüfft: Also meine Fahrgäste sind meistens nett, sagt der Mann. Weiter könnte er von ihrer Wahrheit nicht entfernt sein: Ich sah ihn verblüfft an. Ich war immer davon ausgegangen, dass alle Taxifahrer ihre Kunden für den Abschaum der Menschheit hielten. Fahrgäste waren Gesindel. Reiche Fahrgäste waren vergoldetes Gesindel. Nette Menschen fuhren nicht Taxi.
Das sind so die Gesetzesformeln, in die Karen Duve ihren Abscheu gießt. Wenn man das Buch gelesen hat, erübrigt sich die Frage, ob die Autorin wohl selbst mal Taxi gefahren sei. Dieses Buch muss auf einer geradezu übermenschlichen Rechercheleistung beruhen. Oder einfach: auf vielen, vielen Jahren als Taxifahrerin. Die ersten drei Jahre waren okay, die letzten zehn hätte es nicht mehr unbedingt gebraucht, sagt Karen Duve jetzt am Tisch so leicht dahin, während Bully die Stühle bekämpft und scheinbar völlig schmerzfrei gegen Holzpfähle knallt. Dreizehn Jahre! Davon zehn Jahre als Qual und mit der wachsenden Gewissheit, dass da auch nichts anderes mehr kommt im Leben. Ich hatte es verratzt. Einmal falsch abgebogen, einmal den falschen Beruf gewählt, einmal den falschen Mann geküsst und dein ganzes Leben war verkorkst, heißt es im Roman.
Dreißigtausend Jahre Unterdrückung
Karen Duve hat beinahe immer schon geschrieben. Und viele Jahre Manuskripte an Verlage geschickt, an Wettbewerben teilgenommen. Ihr erster Roman damals war ein zweibändiger Taxiroman, hemmungslos autobiographisch nennt sie ihn heute. Und will von ihm eigentlich nichts mehr wissen, hat einige Passagen aus diesem frühen Manuskript jetzt aber als Erinnerungsstütze wieder verwendet. Sie hatte jetzt zu Beginn der Arbeit am neuen Roman sogar überlegt, wieder einen Taxischein zu machen, um das alte Taxiwissen aufzufrischen, aber das ist inzwischen so unendlich kompliziert geworden, und irgendwie hab' ich mir gedacht: keine Prüfungen mehr für mich in diesem Leben.
Und so ist es ein Buch aus der Erinnerung geworden. Über die achtziger Jahre in Hamburg. Aber unglaublich präzise und präsent, wenn sie zum Beispiel über den Höllen-Penny schreibt, in dem die ärmsten der Armen stehlen, kotzen und betrügen. Und bei aller Männerverachtung in diesem Buch gilt das größte Erstaunen doch jener Personengruppe, die sich von diesen geltungssüchtigen Hanswursten ein Leben lang gängeln lässt, den Frauen: Diese Wesen würden es nie schaffen. Sich dreißigtausend Jahre lang unterdrücken zu lassen, ohne eine einzige anständige, blutige Revolution auf die Beine zu stellen, das sagt ja eigentlich schon alles.
In der Isolationshaft der Schreibens
Ob sie nicht mitunter wahnsinnig schlechte Laune bekommen hat beim Schreiben? Nein, sagt sie, warum? Und wie das geht, einen Großstadtroman schreiben in der tiefsten Landeinsamkeit? Schreiben ist Isohaft, hatte sie in einem früheren Gespräch einmal gesagt. Und: Ich will die Möglichkeit haben, ein isoliertes Leben führen zu können. Feste Mauern, ein Wassergraben, Nato-Stacheldraht drum herum. Dafür sieht es hier verblüffend freundlich aus. Nur eben diese gekrönten Stein-Bullys als freundliche Drohung überall.
Später sehen wir uns noch ihren Schwimmteich am Ende des Grundstücks an. Sie hatte vor einiger Zeit den Fehler gemacht, da eine Pflanze namens Kanadische Wasserpest einzupflanzen. Die hat jetzt, bei dem Namen wenig überraschend, die Herrschaft über den Teich übernommen und wuchert immer wieder in Windeseile alles zu. Dafür leben jetzt jede Menge Molche dort. Doch Karpfen sollen jetzt die Wasserpest besiegen? Ja und die Molche? Sollen nicht ihre Sorge sein, sagt sie. Ich will wieder schwimmen.
Stadt und Land
Doch das Leben hier draußen soll jetzt auch bald ein Ende haben. Den Bahnhof will sie verkaufen, um mit ihren Tieren ins Umland von Berlin zu ziehen. Ein bisschen fehlen die Großstadtdinge auf Dauer eben schon. Und Ausreiten kann man dort auch viel besser.
Am Ende des Buchs, als Taxifahren als Lebensform für die Ewigkeit zementiert zu sein schien, erscheint überraschend ein Schimpanse als Fahrgast an Alex' Seite. Der Schimpanse sah zu mir herüber, und in dem kurzen Moment, als sich unsere Blicke trafen, begriff ich, dass es dem großen Affen ganz ähnlich ging wie mir: Kein Spaß, kein Ausweg, und nicht die geringste Hoffnung, dass sich daran etwas ändern könnte. Und etwas Weiches legt sich auf ihre Hand, die auf dem Schaltknüppel liegt. Das Weiche ist eine Schimpansenhand. Der Affe sieht ihr in die Augen und nickt ganz leicht, und Alex denkt: Herrje, wenn das ein Tier war - was war dann bitte ich? Und es beginnt eine Schussfahrt in die Freiheit. Die Freiheit von der Taxifron. Rasant, gefährlich, sonderbar, wie das ganze schöne Buch.
Karen Duve: Taxi. Roman. Eichborn Berlin 2008, 312 Seiten, 19,95 Euro.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Holde Schneider