Von Sabine Wienand
16. Mai 2008 Nun ist er wieder in Deutschland, er, dessen Name die Sanfte Pracht, die Weisheit, der Herr der Sprache, das Edle Herz, der Ozean der Weisheit, bedeutet - der Dalai Lama. Diesmal wird man ihn weniger weichgezeichnet als spirituellen Seelenbalsamverteiler wahrnehmen, sondern eher wie den Dalai Lama der achtziger Jahre, als König ohne Land. Er fordert, die Welt müsse Tibet helfen. Die Welt aber müsste antworten, er solle auch China helfen.
Denn China hat sich trotz aller berechtigten Anklagen durchaus um das beschnittene Rumpf-Tibet, das in Peking Autonome Region Tibet (TAR) oder Xizang heißt, bemüht - zumindest finanziell. Doch ungeachtet der massiven Investitionen gelang es nicht, Xizang ökonomisch zu entwickeln. Die westliche Schatzkammer ist das Armenhaus Chinas und in allen denkbaren Belangen Schlusslicht aller statistischen Aufstellungen zu Pro-Kopf-Einkommen, Steueraufkommen, Alphabetisierungsrate oder Lebenserwartung. Wo die Wirtschaft im Rest des Landes boomt, schrumpft sie in Tibet.
Wie berücksichtigt man kulturelle Eigenheiten?
Chinesische Ökonomen wie Wang Lixiong erkennen mittlerweile an, dass eine von außen aufgezwungene Modernisierung, die die kulturellen Eigenheiten der damit Beglückten nicht berücksichtigt, nicht funktionieren kann und wenn, dann nur in den größeren Städten greift. Davon gibt es in der TAR lediglich drei.
Und wie berücksichtigt man kulturelle Eigenheiten? China weiß es nicht. Vielleicht kann das neue Buch des nun auch Wirtschaftsweisen Dalai Lama Führen, gestalten, bewegen die Strategien der Chinesen optimieren helfen. Vielleicht hat auch die Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul vernünftige Ideen. Sie wird ja den Dalai Lama am kommenden Montag treffen. Dass Außenminister Steinmeier es nicht tut, dürfte den tibetisch-chinesischen Gesprächen, wie ernsthaft sie auch geführt werden mögen, in jedem Falle nutzen. Eine Aufwertung des Dalai Lamas durch politische Aufmerksamkeit führt mit schöner Regelmäßigkeit dazu, dass China einschnappt. (Pro und Contra: Sollen Politiker den Dalai Lama treffen?)
Selbst die Autonomie birgt Sprengstoff
Im April vor zwanzig Jahren war man weiter. Damals besserte China ein Angebot nach: Wenn der Dalai Lama das Ziel der Unabhängigkeit aufgebe, sei seine Rückkehr nicht nur mit Wohnsitz Peking, sondern nach Tibet denkbar. Dann kam 1989 der Friedensnobelpreis an den Dalai Lama, und die Gespräche versiegten. Wichtigstes Ziel der Exiltibeter muss aber sein, mit allen Mitteln den Dialog mit China voranzutreiben. Das wird auch von ihnen unangenehme Zugeständnisse fordern, etwa den Rücktritt des Dalai Lamas von allen politischen Ämtern für den Fall seiner Rückkehr nach Tibet.
Und selbst die von ihm geforderte Autonomie innerhalb Chinas, die für westliche Ohren unendlich harmlos klingt - kulturelle und religiöse Selbstbestimmung, Zuständigkeit für Umweltschutz - birgt Sprengstoff. Denn selbstverständlich bezieht sich der Dalai Lama mit dieser Forderung auf Bö chenmo, also nicht nur die TAR, sondern ein ethnographisches Großtibet, das sich auch auf sämtliche überwiegend tibetisch besiedelten Regionen Chinas bezieht. Das wird so zwar nicht durchsetzbar sein, kann aber vom Dalai Lama als Anspruch kaum aufgegeben werden, da ein Großteil der Exilanten aus ebendiesen Randbereichen stammt.
Die Wiedergeburt als politisches Statement
Auch er selbst stammt nicht aus Zentral-Tibet. Wie alle ranghohen Lamas kann ein Dalai Lama als sogenannter Tulku aktiv bestimmen, welchen neuen Leib sein Bewusstsein sich nach dem eigenen Tod wählt. Seine Wiedergeburt 1935 in der Provinz Amdo im äußersten Nordosten des von Tibetern besiedelten Gebiets ließe sich so als politisches Statement verstehen. Selbst wenn man die Idee von lebenden Buddhas für Himalaja-Hokuspokus hält, kann man nachdenklich werden, dass der damalige tibetische Interimsregent Reting den nächsten Dalai Lama so weit weg von Lhasa finden ließ. So konnte Tibet über seine prominenteste Wiedergeburt Anspruch auf die religiöse und kulturelle Hoheit über ein Gebiet anmelden, das schon damals unter chinesischer Verwaltung stand.
Was unter der aktuell geforderten kulturellen Autonomie zu verstehen ist, lässt der Dalai Lama stets im Vagen; seine Hauptsorge gilt wohl dem religiösen Aspekt, der die tibetische Kultur maßgeblich prägt. Hier kann China Hilfe gebrauchen. 2004 durften erstmals seit der Besetzung Tibets wieder Mönche die Prüfungen zum Geshe Lharampa, zu einem buddhistischen Doktortitel der Metaphysik, ablegen. Es fanden sich allerdings nur sechs geeignete Kandidaten, alle mehr als siebzig Jahre alt.
Exiltibetische Unterstützung beim Aufbau eines vernünftigen Curriculums wäre denkbar, schließlich ist der größte Teil der buddhistischen Intelligenz ins Exil geflohen. Das Eintrittsalter in den Orden hat China auf achtzehn Jahre heraufgesetzt, und zumindest hier weiß Peking sich auf Buddhas Seite. Auch er hielt nichts von Kindern in Klöstern: Zwanzig sei ein angemessenes Alter, um Mönch zu werden - vorausgesetzt, die Eltern geben ihre Erlaubnis. Die allerdings erteilt die erziehungsberechtigte kommunistische Partei recht ungern. Man will Religion, aber bitte nicht zu viel.
Tibet braucht Hilfe im Bildungssektor
Konkrete Hilfe wäre nicht nur bei der Ausbildung von Mönchen und Nonnen, sondern allgemein im Bildungssektor nötig. Zwar berichten amerikanische Feldforscher, dass der Schulbesuch nun endlich auch auf dem Land prinzipiell zunehme. Viele der lokalen tibetischen Lehrer seien aber so gut wie nicht ausgebildet. Die Kinder fehlen den Bauernfamilien bei der Arbeit, lernen aber nicht so viel, dass ihre Ausbildung ihnen später besser bezahlte Jobs außerhalb der Landwirtschaft sichern würde.
Damit bleibt der Schulbesuch eine höchst fragwürdige Investition. Selbst wenn in den ersten Jahren vorrangig Tibetisch und Mathematik unterrichtet werden, fürchten die Tibeter eine Verwässerung ihrer kulturellen Identität, etwa über den Inhalt der Schulbücher. Schon eine Mitarbeit des Dalai-Lama-Umfeldes bei der Erstellung von Lehrmaterialien für die Grundschule (Geschichte einmal ausgenommen) könnte Wunder für die Akzeptanz der Schulen wirken. Mehr Pragmatismus auf beiden Seiten ist dringend vonnöten: Schließlich haben die Kontrahenten ähnliche Ziele - der eine Glück, die anderen Ruhe auf dem Dach der Welt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS
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