Stars im Internet

Mariah, was ist deine Lieblingsfarbe?

Von Nina Rehfeld, Phoenix

Mariah Carey führt ein pubertäres Internet-Poesiealbum

Mariah Carey führt ein pubertäres Internet-Poesiealbum

27. April 2005 "Liebe Fans", schrieb Britney Spears kürzlich auf ihrer Website britneyspears.com, "die Zeit ist endlich gekommen, die wunderbare Nachricht mit euch zu teilen, daß wir unser erstes gemeinsames Kind erwarten." Ist das nicht schön, wenn man als Fan so persönlich angesprochen wird wie in Britneys Online-Tagebuch?

Es ist ein Phänomen: Mit dem Internet läßt sich nach Jahren der Rückschläge nicht nur mit einem Mal - bestes Beispiel Google - Geld in großem Stil verdienen. Es hat sich jetzt auch bis zu den letzten Prominenten aus der Showbranche herumgesprochen, daß es sich lohnt, ein sogenanntes "Blog" zu eröffnen, das ganz persönliche Poesiealbum im Netz.

"Lunch mit Lynch"

Der Hauptdarsteller aus der Science-fiction-Serie "X-Akte", David Duchovny, zum Beispiel schreibt auf LionsGateDirectors.com/Duchovny über seine Erfahrungen als Regie-Debütant bei seinem Film "The House of D", die Popdiva Mariah Carey beglückt Fans auf ihrer Website MariahCarey.com mit "Mariahisms" (so heißt das im Carey-Slang), der Schauspieler Ian McKellen verfaßt mit McKellen.com "meine Online-Biographie", und der Regisseur David Lynch lädt bei DavidLynch.com zum "Lunch mit Lynch".

Neben banaler Karriereförderung, ebenso banaler Selbstbespiegelung und mehr oder weniger beeindruckendem Design scheint die eigene Website samt Blog-Bereich für viele prominente Autoren ein Befreiungsschlag aus den tieferen Schichten einer komplizierten Informationsmaschinerie zu sein. Denn in der Film- und Musikindustrie sind ja längst nicht mehr nur Agenten bei Vertragsverhandlungen im Spiel. Wer auf sich hält, beschäftigt außerdem einen sogenannten "Publicist", der das öffentliche Image seines Schützlings kunstvoll gestaltet und stellvertretend Entscheidungen kommentiert, Gerüchte dementiert und in Interviews den Rahmen des Gesprächs - "keine persönlichen Fragen" - absteckt. Das hat sicher etwas Beruhigendes, wenn man in hohem Maß öffentlicher Aufmerksamkeit ausgesetzt ist, aber eben auch um den Preis, sich die Worte in den Mund legen zu lassen.

"Sehr schmeichelhaft, daß ihr euch die Zeit nehmt“

Also entdecken immer mehr Stars den Promi-Blog als Akt der Ermächtigung: Britney Spears etwa verabschiedete sich per Weblog im vergangenen Oktober für eine Pause von der interessierten Öffentlichkeit und nutzte dies zugleich für einen neuen Angriff in ihrem Krieg mit dem Klatschmagazin "US Weekly": "Mein derzeitiger Plan ist, zu chillen und euch von all den anderen übermäßig präsenten Blondinen auf dem Titel von ,US Weekly' unterhalten zu lassen - viel Glück, Mädels!!!"

Melanie Griffith überschreibt ihren Blog auf MelanieGriffith.com mit "The Truth From Me Straight to You" und beklagt darin unter anderem die Spekulationen über ihre Schönheitsoperationen. Und der Popsänger Moby duelliert sich auf Moby.com verbal mit den Absendern unfreundlicher Post: "Sehr schmeichelhaft, daß ihr euch die Zeit nehmt, Stunden um Stunden darauf zu verwenden, mir eure Verachtung mitzuteilen."

"Verschiedene Anekdoten aus der Oberschule"

Wohl zumeist eher unfreiwillig verflüchtigt sich auf diesen Seiten auch viel vom hehren Star-Nimbus der Autoren. Melanie Griffith schreibt mit so vielen Ausrufezeichen über ihre wundervollen Kinder und die Projekte ihres Ehemannes Antonio Banderas, daß man prompt die "Desperate Housewives" vor Augen hat. Mariah Carey führt ein ziemlich pubertäres Internet-Poesiealbum, in dem sie Dinge gefragt wird wie: "Mariah, was ist deine Lieblingsfarbe? Dein Lieblingsname für eine Tochter? Deine Lieblingserinnerung an die Schulzeit?" Die faszinierende Antwort auf letztere Frage lautet: "Verschiedene Anekdoten aus der Oberschule."

Und der ehemalige Käpt'n-Kirk-Darsteller William Shatner veröffentlicht auf WilliamShatner.com so aufregende Bekenntnisse wie dieses über seine Figur in der ABC-Serie "Boston Legal", den Anwalt Danny Crane: "Es ist eine wunderbare Herausforderung. Dieser Charakter stellt mich vor mehrere einzigartige Herausforderungen. Einen Mann zu spielen, der vielleicht senil ist oder vielleicht nicht, der möglicherweise scherzt oder aber nicht, ist ein feiner Grat, und manchmal ist dieser Grat schwer auszumachen."

Da können Britney, Mariah und Melanie nicht mithalten

Zum Glück für den Ruf des Entertainment-Adels gibt es auch solche Blogs, die interessantere Einblicke bieten. Der Oscar-Preisträger Jeff Bridges etwa verfaßt seine mit zahlreichen Zeichnungen versehene Seite JeffBridges.com in eigenwilliger Handschrift und verlinkt Besucher zu einem schrägen Online-Spielplatz. Ian McKellen, der auf seiner Website mit Fans korrespondiert, schrieb in einem Eintrag 2003 über den Vatikan: "Fürchten diese Leute uns Homosexuelle tatsächlich so, wie sie einst die gottlosen Kommunisten fürchteten? Ich jedenfalls fürchte mich vor ihnen . . . Das Zölibat muß ein anstrengender Zustand sein. Ein Mann der seine wahre Natur hinter dem Purpur versteckt, respektiert sich nicht. Er kann seinen Nächsten nur so sehr lieben wie sich selbst, und das ist wenig."

David Lynch schließlich hebt, ganz Avantgardist, die schnöden Blog-Buchstaben auf die audiovisuelle Ebene - und führt die hohle Selbstdarstellung, zu der eine eigene Website nun mal verleitet, dabei gleich ad absurdum. Auf DavidLynch.com, einer bizarren Zukunftsvision für Kreative, kann man zum Beispiel täglich dem persönlichen Wetterbericht des Meisters beiwohnen. Kostprobe: "Guten Morgen, es ist der 20. April, Mittwoch. Hier in Los Angeles: blauer Himmel, 20 Grad wo ich sitze, und Sonnenschein." Mit soviel kunstvoller Banalität können Britney, Mariah und Melanie nicht mithalten.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. April 2005
Bildmaterial: AP

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