Geschichte von rechts

Haust du den Duce, schlage ich Stalin

Von Dirk Schümer, Venedig

Faschistisches Wandfresko an einer Hauswand

Faschistisches Wandfresko an einer Hauswand

19. Mai 2008 Der Duce ist wieder da. So jedenfalls muss es auf die Autofahrer wirken, die im Örtchen Montà an der piemontesischen Regionalstraße von Turin nach Alba ein Musterbeispiel des faschistischen Agitprop entdecken. Mehr als acht Meter breit ist der martialische Kopf des Diktators, der unlängst unter der abbröckelnden Farbe, die ihn seit 1945 bedeckt hatte, wieder zum Vorschein kam. Der von den Linken dominierte Gemeinderat von Montà d'Alba hat entschieden, ihn vorerst unverputzt an der Wand zu lassen - als Zeugnis der faschistischen Diktatur. Immerhin zeugen die Spuren diverser Farbbeutel, die wie Warzen auf dem Gesicht des Abgebildeten prangen, dass nicht alle Bürger einverstanden sind.

Seit den Wahlen in Italien hat freilich nicht nur der gemalte Duce Oberwasser, sondern auch seine Erben sind schwer im Kommen. Die Bilder des jubelnden Neu-Bürgermeisters von Rom, Giorgio Alemanno, gingen vor allem darum um die Welt, weil in dessen Anhang Dutzende frenetischer Kameraden stolz die Arme zum römischen Gruß reckten und den einstigen rechtsradikalen Aktivisten Alemanno mit unappetitlichen Rufen „Duce, Duce“ feierten. Alemanno gehört - wie Verteidigungsminister La Russa und der neue Präsident der Abgeordnetenkammer Fini - zur rechtspatriotischen „Alleanza nazionale“, die als Nachfolgepartei der einstigen „Msi“ für faschistische Tradition stand.

Widerstand und Toleranz

Die Polizeiakten des neuen Bürgermeisters erzählen von militanter Teilnahme an Prügeleien und an wilden Demonstrationen gegen kommunistische wie gegen amerikanische Symbole. Doch wurde der Heißsporn, der heute noch ein Keltenkreuz als Maskottchen unterm Hemd tragen soll, niemals verurteilt. Und gleich nach seiner Amtseinführung zog Alemanno zu Kranzniederlegungen ins römische Ghetto und zum antifaschistischen Hinrichtungsmahnmal der Fosse Ardeatine, um seinen Respekt vor den Grundpfeilern der italienischen Demokratie zu bekunden: Resistenza und Toleranz.

Insofern gleicht der Werdegang von Alemanno der Wandlung von Straßenkämpfern und Terroristenfreunden wie Joschka Fischer und Otto Schily zu überzeugten bis wehrhaften Ordnungsdemokraten. Die italienische Rechte klagt denn auch laut darüber, dass ihre Repräsentanten - vor allem im Ausland - ungleich ungnädiger behandelt würden als die zahlreichen Karrierepolitiker mit stalinistischem oder wenigstens eurokommunistischem Hintergrund. Haust du meinen Duce, hau ich deinen Stalin - dieses fruchtlose Duell der Großväter gehört seit Jahren zu den Ritualen italienischer Politik.

Verwischte Fronten

Das liegt auch an der Verwurzelung der ersten Republik im Widerstand gegen deutsche Besatzer und italienische Kollaborateure. Weil dabei linientreue Stalinisten mit Christdemokraten, Sozialisten und am Ende sogar Königstreue auf einer Seite gegen Mussolinis „Repubblica di Salò“ standen, wurden die Fronten gegenüber dem Totalitarismus verwischt: Die Altfaschisten blieben in der Republik isoliert, während die Kommunisten Bürgermeister stellten, die respektabelste Opposition bildeten und bei den Gedenktagen der Befreiung mit roten Fahnen in der ersten Reihe standen.

Aus ihrer Strafecke brechen die alten Salò-Kämpfer nun ganz bewusst auf. Für Pfingsten hatten sie eine Parade mit Totenehrung im piemontesischen Cuneo beantragt, Schon die Wahl des Ortes bedeutete eine Provokation, denn rund um Cuneo in den Westalpen wütete vom Juli 1943 an ein blutiger Partisanenkrieg mit Tausenden von Opfern; Cuneo präsentiert sich deshalb als „Märtyrerstadt“. Wenn hier ehemalige Schwarzhemden Kränze für ihre Gefallenen niederlegen könnten, wäre die Front zwischen Widerstand und Nazifaschismus endgültig verwischt. Die Salò-Kämpfer sagten ihre Parade nach großem Bürgerprotest schließlich ab, doch müssen sie sich von Berlusconis Worten zum Tag der Befreiung, dem 25. April, bestärkt sehen: Man solle die Resistenza ehren, müsse aber endlich auch die Motive der „Ragazzi di Salò“ verstehen.

Der Duce als Familienmensch

Solche Worte klingen nach Ernst Noltes Totalitarismustheorie, der zufolge sich die Untaten der rechten und linken Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert gegenseitig bedingen und anstacheln. Ob man sich für Mussolini oder für Stalin entschied, wird dabei fast zur Fußnote. Der Turiner Historiker Giovanni de Luna beklagt sich über die Reduzierung der faschistischen Unterdrückung auf die antijüdischen Rassegesetze - als sei dem Ehrenmann Mussolini außer der Allianz mit Hitler nichts vorzuwerfen, als hätten die faschistischen Schlägerbanden Gegner nicht reihenweise totgeprügelt, freie Wahlen und Gewerkschaften abgeschafft, blutig ein Kolonialreich erobert und eine ganze Gesellschaft militarisiert. Solche nicht unerheblichen Aspekte fallen unter den Tisch, wenn in Fernsehdebatten Mussolinis Enkelin mit faschistischen Politikerkolleginnen über den Duce als Familienmensch plaudert und sich als wahre Erbin von Opas ehrbarem Gedankengut aufspielt.

Der Historiker Ernesto Galli della Loggia macht für diese allgegenwärtige Verharmlosung mit überraschender Dialektik „die linken Historiker“ verantwortlich, die stets den konsensgeprägten Alltag des italienischen Faschismus verschwiegen und Mussolini mit Hitler gleichgesetzt hätten. Das Ziel: die kommunistische Diktatur samt ihren Verbrechen als letztlich humanere Alternative darzustellen. Als rauchten die Gewehre der Partisanenkämpfe noch immer, trifft sich das linke und das rechte Italien mit seinen kleinen Familien- und großen Parteiengeschichten also immer wieder an der Scheidelinie der Kapitulation von 1945. Das Land war damals eben nicht nur durch Alliierte und Partisanen den nationalsozialistischen Besatzer losgeworden, sondern hatte auch einen blutigen Bürgerkrieg mit Hunderttausenden von Opfern hinter sich. Mit sechzig Jahren Abstand wollen zahlreiche Altkämpfer von Salò oder ihre Nachfahren den einstigen Kampf als legitime und anständige Wahl, als Abwehrkampf gegen den Kommunismus rechtfertigen.

Unzählige kleine Tabubrüche

Für das Nachkriegs-Italien bricht damit, bevor die letzten Kämpfer gestorben sind, ein Konsens zusammen, der über die Jahre immer brüchiger geworden war: Der „Alleanza nazionale“-Bürgermeister von Triest weigerte sich, am Befreiungstag teilzunehmen, und wollte stattdessen nur die Opfer der Tito-Besatzung in der Stadt ehren. Ebenfalls in Triest zogen Schwarzhemden zum Haus der slowenischen Minderheit und beschimpften sie als uneuropäische Kommunisten. In Mantua versuchten Nachfahren eines faschistischen Säuberers einen nach ihm benannten Ehrenpreis ausgerechnet an einem Gymnasium zu etablieren, das nach einem jüdischen Opfer der Schoa benannt ist. Hinzu kamen unzählige kleine Tabubrüche, die vom römischen Gruß und Duce-Verherrlichung im Fußballstadion bis zum Gesang der „Giovinezza“-Hymne bei öffentlichen Anlässen reichen. Die Scheidelinie zwischen organisierter Ideologie und provokanter Rhetorik ist hier schwer zu ziehen.

Umso entsetzter reagierten die Italiener, als vor zwei Wochen in Verona ein Jugendlicher von einer faschistischen Schlägerbande totgeschlagen wurde. Plötzlich bekam der Staatsschutz Gehör, der seit langem eine gut organisierte Neonaziszene, vor allem im Veneto, im Visier hat. Vieles an solcher Gewalt ist Hooliganismus, aber wer durch Verona, Treviso, Vicenza reist, kann die Plakate der rechtsextremen „Forza nuova“ und die rasierten Jugendlichen in Springerstiefeln nicht übersehen. Ist es ein Zufall, dass etwa in Treviso der rechtsextreme Saubermann Giancarlo Gentilini das Szepter schwingt, der in seinen Reden Flüchtlinge abschießen und Schwule „ethnisch säubern“ will? Oder hat hier martialische Rhetorik eine Lawine bei der Jugend losgetreten, weil es plötzlich nicht mehr verboten, sondern schick ist, sich auf den Duce als Lehrmeister zu berufen?

Gesüßter Faschismus

Der Publizist Mario Pirani warnt von einer „gesüßten Version des Faschismus“. Damit spielt er auf die schwarze Symbolfarbe der Mussolini-Anhänger an. Um im Bild zu bleiben: Der roten Limonade des Kommunismus sind die Italiener gründlich überdrüssig; die Genossen schafften es bei den Wahlen nicht einmal ins Parlament. Die historische Allianz der Resistenza, die von den Katholiken bis zu den Stalinisten reichte, ist damit erstmals obsolet, weil die Linke zwar als Verlierer der Wahlen, aber ohne totalitären Anhang dasteht.

Das bietet Italien sechzig Jahre nach dem Bürgerkrieg eine Chance zur Versöhnung. Sie kann nicht darin bestehen, dass Partisanen und Nazifreunde, Mussolini und Gramsci, Schergen und Hingerichtete nun gemeinsam gefeiert werden. Schon fordern Politiker der Berlusconi-Koalition, die Geschichtsbücher müssten endlich umgeschrieben und die „Motive der Verlierer“ ernst genommen werden. Doch erst wenn die Verbrechen Mussolinis ohne Widerspruch in den Geschichtsbüchern stehenbleiben, weil auch die Verbrechen Stalins nirgendwo mehr tabuisiert sind, dürfte der Weltbürgerkrieg sogar in Italien vorbei sein.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Marta Margotti

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