Braunkohleabbau

Wer schützt Nietzsches Grab?

Von Matthias Grünzig

24. März 2008 Das unweit von Weißenfels gelegene Dorf Röcken ist eine kleine Idylle. In der 170-Seelen-Gemeinde gibt es eine romanische Bruchsteinkirche aus dem zwölften Jahrhundert, einen Dorfteich, in dem Enten schwimmen, ein Ziegengehege und Bauernhäuser, die sich in erstaunlicher Geschlossenheit erhalten haben. Vor allem aber ist Röcken der Geburts- und Begräbnisort von Friedrich Nietzsche. Hier befinden sich das Pfarrhaus, in dem der Philosoph von 1844 bis 1850 gelebt hat, die Kirche, in der er getauft wurde, das Schulhaus, in dem er seine ersten Unterrichtsstunden erhielt. Und hier liegt auch die Grabstätte Friedrich Nietzsches.

Nach 1990 wurden einige Bemühungen unternommen, um die Lebensstationen Nietzsches besser zu präsentieren. Das noch immer als Pfarrhaus genutzte Geburtshaus wurde saniert, ein ehemaliges Stallgebäude neben dem Pfarrhaus wurde 1994 zu einem kleinen Museum ausgebaut, und 2000 folgte die Aufstellung der Plastik „Röckener Bacchanal“ von Klaus Friedrich Messerschmidt. Doch nun ist dieser Schauplatz der Geistesgeschichte gefährdet. Der Grund sind Abbaupläne des Braunkohleproduzenten Mibrag. Die Mibrag ist nicht nur ein Unternehmen, sondern das wirtschaftliche Standbein für die gesamte Region zwischen Weißenfels und Borna. Sie betreibt die Tagebaue Profen und Vereinigtes Schleenhain, die Kraftwerke Deuben, Wählitz und Mumsdorf sowie die Staubfabrik Deuben.

Mibrag bietet 2800 indirekte Arbeitsplätze

Mibrag-Kohle befeuert die Großkraftwerke Lippendorf, Schkopau, Dessau und Zeitz, sie erzeugt Strom und Wärme für ganze Industriekomplexe und Siedlungen in der Region um Halle und Leipzig. Zudem bietet die Mibrag 2100 direkte und 2800 indirekte Arbeitsplätze. Und ganz nebenbei sponsert sie diverse Stiftungen und Vereine. Die Aktivitäten der Mibrag haben allerdings ihren Preis: Denn die Braunkohleförderung ist untrennbar mit der Zerstörung von Landschaften und Siedlungsstrukturen verbunden. Immer neue Dörfer und Landschaften werden für die Braunkohle weggebaggert.

Die Braunkohleförderung ist mit der Zerstörung von Landschaften und Siedlungs... Nietzsches Geburtshaus wurde 1994 zu einem kleinen Museum ausgebaut Vieles muss den Baggern weichen - und die Menschen fragen sich: Ist ihnen die... Der Vorsitzende des Vereins “Für Heuersdorf“ - ihm und seinen Nachbarn hat ma... Die Kirche von Heuersdorf wurde auf einem Laster abtransportiert Im Nachbarort Borna wurde sie zu Ostern wiedereröffnet

Viele Bewohner müssen mit großem Aufwand umgesiedelt werden, manchmal, wie jüngst in Heuersdorf, werden ganze Kirchen versetzt (siehe auch: Die Kirche von Heuersdorf muss umziehen). Derzeit werden noch die bestehenden Tagebaue erweitert. Doch spätestens 2040 werden die dortigen Lagerstätten erschöpft sein. Deshalb erkundet die Mibrag derzeit neue Abbaumöglichkeiten. Der Favorit unter den denkbaren Abbaufeldern ist das Gebiet um Röcken. Hier finden seit 2006 Probebohrungen statt, die die Eignung des Gebietes für den Braunkohletagebau klären sollen. Sollte es anschließend zum Aufschluss eines Tagebaus kommen, könnten Dörfer wie Röcken beseitigt werden. Aktuelle Planungen der Mibrag gehen von einem Beginn des Abbaubetriebs ab 2025 aus.

Bürgerentscheid gegen Braunkohleabbau

Was ist wichtiger, der Braunkohleabbau oder der Erhalt der Kulturlandschaften? In den gefährdeten Orten haben sich mittlerweile Bürgerinitiativen gebildet, die sich gegen den Braunkohleabbau zur Wehr setzen. Im Mai 2007 sprachen sich bei einem Bürgerentscheid 64 Prozent der Röckener gegen einen neuen Braunkohletagebau aus. Das Dilemma der Braunkohlegegner besteht allerdings darin, dass sie wenig Unterstützung finden. Denn der Burgenlandkreis, in dem Röcken liegt, ist eine strukturschwache Region. Die Arbeitslosigkeit beträgt mehr als zwanzig Prozent, einige Städte, wie Weißenfels oder Zeitz, mussten nach 1990 Einwohnerverluste von bis zu 36 Prozent hinnehmen.

In diesen Städten grassiert auch die Angst, allerdings nicht vor neuen Tagebauen, sondern vor dem Ende des Braunkohleabbaus. Viele befürchten, dass ein Ende des Braunkohleabbaus der ohnehin schon strukturschwachen Region noch mehr Arbeitslosigkeit und Armut bescheren würde. Deshalb bekennen sich die großen Parteien CDU, SPD und die Linkspartei einmütig zum Braunkohleabbau. Einzig Bündnis 90/Die Grünen sprechen sich gegen den Abbau aus. Sie hatten versucht, die Kreistagswahl im April 2007 zu einem Plebiszit über die Braunkohle umzufunktionieren. Doch das Ergebnis war für sie enttäuschend.

Makabre Vorstellung

Zwar konnten Bündnis 90/Die Grünen in gefährdeten Orten wie Röcken oder Sössen stolze 36,4 beziehungsweise 55,4 Prozent gewinnen. Doch im gesamten Burgenlandkreis erreichten sie nur 4,2 Prozent. Folgerichtig wird die Braunkohleförderung auch in Zukunft politische Unterstützung erfahren. Im September 2007 beschloss der Landtag von Sachsen-Anhalt ein Energiekonzept, das einen neuen Tagebau bei Röcken möglich macht. Und im Dezember 2007 sprach sich der Kreistag des Burgenlandkreises mit großer Mehrheit für die Fortsetzung des Braunkohleabbaus aus.

Daher bleibt den Röckenern nur noch eine Hoffnung: Wenn die Probebohrungen, die im April abgeschlossen werden sollen, negative Ergebnisse bringen sollten, dann könnte die Mibrag auf den neuen Tagebau verzichten. Ansonsten könnte, ja müsste Friedrich Nietzsches Geburts- und Begräbnisort den Abraumbaggern weichen. „Hier ließ es sich leben, sagt er sich, denn es lässt sich hier leben; hier wird es sich leben lassen, denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen“, so schrieb der Philosoph einst über das Denken des „antiquarischen Menschen“. Eine makabre Vorstellung, dass eines Tages sein Grab so auf Räder gestellt und an einen anderen Ort befördert werden könnte wie 2007 die Kirche von Heuersdorf.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, ZB

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