Reproduktionsmedizin

Mutterglück um jeden Preis

Von Katja Gelinsky, Washington

Eizellen dürfen in Deutschland nicht gespendet werden

Eizellen dürfen in Deutschland nicht gespendet werden

05. Dezember 2007 Die älteren „Schüler des Monats“ nehmen gerade ihre Urkunden in Empfang, als Mikki Morrissette mit ihrem vier Jahre alten Sohn Dylan zu den versammelten Eltern stößt. Ihre Tochter, die acht Jahre alte Sophie, gehört ebenfalls zu den „honor students“ der staatlichen „Whittier International Elementary School“ in Minneapolis. Es gibt Urkunden für Toleranz, Mut, Aufgeschlossenheit und Klugheit. Mikki Morrissettes Tochter wird für kreatives Denken ausgezeichnet. Stolz klatschen die Mütter, Väter und Großeltern den geehrten Grundschulkindern Beifall. Sophies Vater sitzt nicht im Publikum. Aber wer sollte das auch sein? Einen Vater im traditionellen Sinne hat die Achtjährige nicht. „Manchmal sagt sie, dass sie eigentlich drei Väter hat“, schmunzelt ihre Mutter.

Da wäre zunächst Mikki Morrissettes erster Ehemann aus ihren New Yorker Jahren als junge Journalistin. Doch die Ehe mit dem Sportreporter wurde geschieden, bevor an Sophie überhaupt zu denken war. Dann wäre da der zweite Ehemann: Dave, ein Witwer, mit dem Mikki Morrissette seit drei Jahren verheiratet ist. Als ihr Sohn Dylan zur Welt kam, war Dave mit Sophie an der Hand im Entbindungssaal. Aber mittlerweile sieht er die Kinder kaum noch. Denn Dave hat eine geistig schwer behinderte Tochter, die zu Aggressionen neigt. Wegen der Wutausbrüche des Teenagers leben die Familien getrennt. „Derzeit ist es mehr wie bei einem Date. Wir treffen uns einmal die Woche ohne die Kinder im Restaurant“, schildert Mikki Morrissette.

Ein herzensguter Mensch

Ob die Ehe mit Dave halten wird, da ist sie sich nicht sicher. Bleibt als Vaterfigur für Sophie also noch der Freund, der Mikki Morrissette Ende der neunziger Jahre eine Samenspende anbot. Damals hatte die Amerikanerin, die mittlerweile viel Geld beim Medienkonzern „Time“ verdiente, gerade eine schmerzhafte Trennung von dem Mann ihrer Träume hinter sich. Danach wollte sie ein Kind - auch ohne Partner. „Eigentlich hatte ich an andere Männer als Samenspender gedacht“, erzählt Mikki Morrissette im Gespräch bei sich zu Hause, wo ein gemütliches Durcheinander von Kindersachen und Kunstgegenständen herrscht. Sophies „Donor Dad“ sei ein herzensguter Mensch, sagt Mikki Morrissette, und er liebe Kinder. Vier Jahre nach der Geburt von Sophie half ihr derselbe Mann, mit Dylan schwanger zu werden.

Obwohl Mikki Morrissette wenig später heiratete, weil sie nach wie vor an „ernsthafte Beziehungen“ glaubt, definiert sie sich weiterhin als „Choice Mom“. Mit Büchern und Artikeln über diese feministische Familienvariante bestreitet sie mittlerweile ihren Lebensunterhalt. Andere amerikanische Karrierefrauen, die sich ihren Kinderwunsch erfüllt haben, ohne länger auf „Mr. Right“ zu warten, nennen sich „Single Mothers by Choice“. Selbstbewusst und erfolgreich präsentieren sie sich. Als Galionsfiguren werden Schauspielerinnen wie Jodie Forster, Meg Ryan und Calista Flockhart vorgeführt.

Die traditionelle Familie zerfällt

Dass Mikki Morrissette noch vor wenigen Jahren zur New Yorker Medienszene gehörte und ein sechsstelliges Jahresgehalt verdiente, sieht man ihr allerdings nicht mehr an. Die „Choice Mom“ wirkt bodenständig-robust in ihrer olivgrünen Fleecejacke und den olivgrünen Jeans, unter denen dicke Wollsocken hervorschauen. Ihr weiches Gesicht ist ungeschminkt, und die kurzen hellbraunen Locken werden von silbernen Haarsträhnen durchzogen. Als Aktivistin der „Mothers by Choice“-Bewegung oder gar als Gegenpol zu dem konservativen Kolumnisten und Moderator Glenn Sacks, der Frauen wie Mikki Morrissette vorwirft, Väter für irrelevant zu erklären, sieht die besonnen-bedächtig wirkende Amerikanerin sich selbst nicht. Eher als Ratgeberin und aufmerksam-kritische Beobachterin einer Gesellschaft, in der die traditionelle Familie immer stärker zerfällt und Begriffe wie Vater, Mutter, Kind nicht mehr ausreichen, um die neu entstehenden Formen sozialen Zusammenlebens zu beschreiben.

Wie viele Amerikanerinnen ohne Partner dank Samenspende oder Adoption Kinder haben, weiß man nicht. Aber Statistiken lassen vermuten, dass es Hunderttausende sind. So haben allein 2002 mehr als einhunderttausend nicht verheiratete Amerikanerinnen im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren Kinder zur Welt gebracht. Entscheidend mit vorangetrieben worden ist der Trend zur „Choice Mom“ durch den Boom der Reproduktionsmedizin, die in Amerika bislang kaum durch nationale Gesetze reguliert ist. Amerikanische Samenbanken schätzen, dass ein Drittel ihrer Kundinnen Single-Frauen sind. „California Cryobank“, eine der weltweit größten Samenbanken, macht sogar die Hälfte ihres Umsatzes mit dem Kinderwunsch nicht verheirateter oder geschiedener Frauen.

In Deutschland verboten

Insgesamt, so schätzt man bei dem kalifornischen Versandhandel für Spermien, wurden mit dem verkauften Spendersamen schon mehr als 75.000 Kinder gezeugt. Und „California Cryobank“ ist nur eine von mehr als zwei Dutzend größerer Samenbanken in den Vereinigten Staaten. Hinzu kommen die Unternehmen der amerikanischen Fortpflanzungsindustrie, die Eizellen anbieten - eine Praxis, die in Deutschland verboten ist. Ungefähr zehntausend Kinder im Jahr würden in Amerika dank gespendeter Eizellen geboren, berichtet die „American Society for Reproductive Medicine“ (ASRM).

Auch Karen (Name geändert), die einen Sohn aus erster Ehe hat, hofft mit Hilfe fremder Eizellen noch gemeinsam mit ihrem zweiten Mann ein Kind zu bekommen. Die 42 Jahre alte Mutter aus der Nähe von Washington gehört zur wachsenden Zahl von Amerikanerinnen, die die eigene biologische Uhr durch Verwendung von Eizellen junger Frauen überlisten wollen. Dafür hat Karen aus einer Kartei des Unternehmens „Genetics & IVF Institute“ in Fairfax, Virginia, eine anonyme Spenderin ausgewählt. Nach einer Hormonbehandlung werden der jungen Frau unter Betäubung Follikel entnommen. Die Eizellen werden mit dem Samen von Karens Mann befruchtet und ihr dann eingepflanzt. Für ihre Dienste bekommt die Spenderin eine Entschädigung in Höhe von mehreren tausend Dollar. Akademikerinnen wird vielfach noch eine Extraprämie gezahlt.

Dramatische Folgen

Aufklärung über die dramatischen psychologischen, ethischen, sozialen und juristischen Folgen, die dieser Handel mit menschlichen Geschlechtszellen hat, leisten die Reproduktionsunternehmen gewöhnlich nicht. Auch über die Zersprengung traditioneller Familienbande wird nicht gesprochen, die die Erfüllung des Kinderwunsches mit Hilfe der Reproduktionsmedizin bewirkt. Denn solange vor allem heterosexuelle Ehepaare zur Kundschaft gehörten, war es üblich, dass über die Beteiligung Dritter bei der Zeugung des Kindes geschwiegen wurde. Diese Praxis beginnt sich aber vor allem auf Drängen von „Choice Moms“ sowie von lesbischen Paaren zu wandeln.

Mittlerweile vermitteln einige Samenbanken - gegen Zahlung eines Zuschlags - Sperma von Männern, die zum Kontakt mit dem gezeugten Nachwuchs bereit sind, falls die volljährigen Kinder dies wünschen. Auch haben „Donor Kids“ und „Choice Moms“ selbst die Initiative ergriffen, um den Geheimnisschleier zu lüften, der über den meisten Programmen der Fortpflanzungsindustrie liegt. So haben über die Internetseite „www.donorsiblingregistry.com“ bislang mehr als viertausend Halbgeschwister zueinander gefunden und Kinder von Samen- beziehungsweise Eiszellspendern Kontakt zu ihren „Erzeugern“ aufgenommen.

Der alte Streit

Um das Thema Offenlegung geht es dieses Mal auch in der Beratung, zu der Karen sich entschlossen hat, seit sie mit Hilfe einer Eizellspenderin schwanger werden will. Geleitet wird die Privatsitzung von Phyllis Martin. Die neununddreißigjährige Beraterin ist Mutter von drei Kindern - dank einer Freundin, die ihr Eizellen spendete. Eigentlich wollte Phyllis Martin keine weiteren Kinder mehr, nachdem sie vor sechs Jahren Zwillinge bekam. Aber da gab es noch die eingefrorenen Embryonen, die von ihrer ersten Behandlung übrig geblieben waren. Da sie die drohende Vernichtung der Embryonen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte, entschloss sich die Katholikin vor zwei Jahren zu einer weiteren Schwangerschaft.

Derartige Skrupel, womöglich Leben zu erzeugen und dann zu vernichten, plagen Karen nicht. Aber sie hadert mit der Frage, ob sie ihrem Kind später sagen sollte, dass es von einer Eizellspenderin abstammt: „Ich denke, es hätte Anspruch darauf.“ Vom amerikanischen Gesetzgeber wird ein Recht auf Kenntnis der Abstammung, wie es in der UN-Kinderkonvention verbrieft ist, jedoch nicht anerkannt. Dass sich der amerikanische Kongress demnächst mit den Rechten von „Donor Kids“ beschäftigen könnte und den zahlreichen anderen Fragen, die das Geschäft mit dem Kinderwunsch aufwirft, glaubt Mikki Morrissette nicht: „Denn dabei würde unweigerlich der alte Streit über Rechte von Frauen und Definition von Leben losbrechen, der die Abtreibungsdebatte bestimmt. Und noch so ein Pulverfass will man offenbar nicht öffnen.“

Text: F.A.Z., 06.12.2007, Nr. 284 / Seite 44
Bildmaterial: dpa

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