Chinas Modepapst

Was schön ist, bestimme jetzt ich

Von Mark Siemons, Peking

China heute: Leitbilder verändern sich

China heute: Leitbilder verändern sich

03. Januar 2007 

Mit der Schönheit verhält es sich in China in etwa so wie mit den Automarken oder dem Kommunismus: Man glaubt zu wissen, was es damit auf sich hat, aber eh' man sich versieht, ist schon etwas ganz anderes daraus geworden.

Noch meinte alle Welt, nirgendwo sei der weibliche Körper so standardisiert wie in China, wo einem von allen Laufstegen, Bildschirmen und Zeitschriftentiteln der gleiche lieblich-harmlos-geschmeidige Typus entgegenlächelt, wo sogar Operationen alltäglich sind, um Nase, Augen und Beine einem fiktiven Idealmaß anzupassen. Aber unterdessen verändern sich die Strukturen der die einschlägigen Leitbilder produzierenden Industrie in zügigem Tempo.

Chinesische Schönheit wird wichtig

Eine treibende Kraft hinter den Kulissen ist Li Dongtian, der durch sein persönliches Vertrauensverhältnis zu allen bedeutsamen Titelbildschönheiten, Verträge mit den wichtigsten internationalen Kosmetikfirmen und seine Schule für Make-up-Berater und Schönheitssalonbetreiber einen nicht zu überschätzenden Einfluss auf die Branche im Lande ausübt. Wenn man ihn sieht, sollte man das nicht für möglich halten.

Er gibt sein Geburtsdatum diskret mit „in den Siebzigern“ an, doch mit seiner Unbekümmertheit und den flinken Augen wirkt er noch weit jünger. Li Dongtians öffentliche Berühmtheit rührt vor allem daher, dass er das Model Lu Yan berühmt machte, deren Sommersprossen, winzige Augen und Stupsnase all dem hohnsprechen, was das chinesische Mainstream-Bewusstsein für schön hält: „Die chinesische Schönheit wird in der Welt eine wichtige Rolle spielen.“

Zwanzig Schönheitswettbewerbe in China

Man kann heute nur noch undeutlich erahnen, was es Ende der achtziger Jahre für den intelligenten Spross einer Familie bedeutet haben mag, die aus dem Milieu der Weltraumtechnik kam, aus einer Sphäre also, in der sich in den fünfziger Jahren die Hoffnungen auf universelle Welterklärung und -beherrschung bündelten, nach der Schule eine Friseurakademie zu besuchen. Die Eltern waren jedenfalls entsetzt. Vom All zur Friseurschule - das ist eine Bewegung weg von der Geschichtsphilosophie hin zur Oberfläche, wie sie nach der Kulturrevolution schrittweise und im Gefolge der 1989 niedergeschlagenen Studentenbewegung immer entschlossener die gesamte Gesellschaft vollzogen hat.

Man könnte die Geschichte dieses neuesten China als Geschichte des wieder erwachenden Schönheitssinns und seiner industriellen Verwertung beschreiben. 1979 hatte Pierre Cardin mit ein paar französischen Models die erste Modenschau in Peking veranstaltet, und seither ist die physische Erscheinung Gegenstand einer sich verschärfenden Marktkonkurrenz. In vielen Firmen und Ämtern haben Frauen ohne bestimmte Körpergröße und Gesichtsform keine Chance auf eine Stelle.

Li Dongtian: das Medium für alles

Heutzutage finden zwanzig größere Schönheitswettbewerbe in China statt, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Ausscheidung für die Miss World. Einschlägige Salons überschwemmen seit den Achtzigern die Städte, angeblich mehr als 1,7 Millionen. Neben Immobilien, Autos, Tourismus und Informationstechnologie ist die „Beauty Economy“ mittlerweile eine zentrale Industrie der Volksrepublik mit einer Wachstumsrate von zwanzig Prozent.

So weit war es 1990 noch lange nicht, als sich Li zunächst als Maskenbildner beim Film selbständig machte. Die Verbindung von Werbung, Mode, Fotografie und Pop, wie sie im Westen bei der Herstellung ästhetischer Normen üblich ist, gab es in China noch nicht. Die wenigen Frauenzeitschriften boten kaum Fotos, stattdessen Schnittmuster zum Selberschneidern. Das Land hatte im Übrigen andere Sorgen (und hat sie bis heute). Im Gefolge der von Deng Xiaoping 1992 eingeleiteten zweiten Stufe der Wirtschaftsreformen entstand in den Großstädten jene mittlere Angestelltenschicht, die als Träger des sich ausdifferenzierenden Wirtschaftszweigs in Frage kam.

Models mit geheimnisvollem Aussehen

1994 ging Li nach Amerika, wo er in Los Angeles und New York mit Models und Modedesignern zusammenarbeitete. Als er seit 1996 für immer längere Aufenthalte nach Peking zurückkehrte, kam er gerade rechtzeitig, um den damals beginnenden Einzug internationaler Modemagazine in den chinesischen Markt zu begleiten. Als eine Art Medium für alles, was in der Luft liegt, wurde er zum Verbindungsmann von Zeitschriften, Fotografen, Werbeleuten, Kosmetikfirmen und den Celebrities aus der Showwelt.

Damals begann er Models mit weißen Gesichtern und dunklen Augenbrauen zu versehen und ihnen ein geheimnisvolles Aussehen zu geben. Das empfand man als Schock. Seine 1999 gegründete Firma „Tony Studio“ führte eine bis dahin ungewohnte Arbeitsteilung zwischen Make-up-, Haar-, Maniküre-, Beleuchtungs- und Fotografie-Experten ein. Heute hat seine Firma mit Filialen in Schanghai, Chongqing und Nanjing zweihundert Mitarbeiter. Mehrere tausend Kundenberater der in China vertretenen großen internationalen Kosmetikfirmen wurden hier schon ausgebildet.

Die eigene Schönheit entdecken

Mit dieser stabilen Infrastruktur arbeitet Li hart an der Zukunft. Die zahllosen Models, Schauspielerinnen und Moderatorinnen, die ihm vertrauen (von Zhang Ziyi bis Zhao Wei hat er sie alle geschminkt), hält Li dazu an, Selbstvertrauen zu entwickeln. „Chinesinnen wollen oft gerade das haben, was ihnen fehlt, große Augen und eine hohe Nase zum Beispiel“, sagt er. „Sie sollten sich selbst bejahen und jede ihre eigene Schönheit entdecken.“

Gleichzeitig erweitert er mit Provokationen, die er in Zeitschriften lanciert, das ästhetische Repertoire. Neben den süßes Eis schleckenden Mädchen, die auch er präsentiert, tauchen da plötzlich fahlgesichtige Sphinxe auf, die glasig in die Ferne blicken. Er inszeniert sogar Horrorfotos, auf denen bläuliche Gestalten mit roter Schnittwunde am Hals zu sehen sind. An die Stelle der fingierten Natürlichkeit von früher tritt eine forcierte Künstlichkeit.

Planmäßig Differenz erzeugen

Ein Prospekt seiner Studios wirbt denn auch mit der „industriellen Atmosphäre“ des Eingangsbereichs. Nicht nur Körper und Gesicht, heißt das, sind formbar - das wussten die Chirurgen immer schon. Auch die Vorstellung davon ist es, und diese Idee verbreitet sich erst allmählich in China.

Dieselbe Industrie, die das Verlangen nach Selbstausdruck in normierte Kanäle geleitet hatte, fängt nun also an, planmäßig auch Differenz zu erzeugen. Ob aber die Branche damit nur den Gepflogenheiten der internationalen Märkte folgt oder irgendwann etwas Eigenes hervorbringt, kann niemand wissen. Vielleicht wird man von Li Dongtian ja auch noch im Westen hören.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, DIETER RÜCHEL, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS

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