Von Frank Schirrmacher
04. Februar 2007 Seit drei Wochen ist die Ratte weg. Aus dem Herzen Londons wurde sie buchstäblich herausoperiert. Die unbekannten Täter gingen, in den Worten der Polizei, chirurgisch vor, das heißt sie verwendeten Schutzbrille, Ohrenstöpsel, Handschuhe und einen Winkelschleifer. Dort, wo einmal die Ratte gewesen war, klafft jetzt ein ungefähr ein Meter großes Loch in der Mauer. Der Evening Standard zeigte sogar ein Foto von der notdürftig mit Holz vernagelten Bresche. Jetzt sieht es aus, als hätte die verschwundene Ratte beim Weggehen eine nie geahnte Tür hinter sich zugeschlagen.
Die Tat stürzte die Menschen unweit des Bahnhofs Paddington in eine Art Rattenverlorenheit. Gekidnappt, sagen die erregten Anwohner. Die BBC veröffentlicht ihre Proteste, den weinerlichen Brief eines sechsjährigen Jungen und das Gepoltere älterer Herren, die von der City of Westminster Aufklärung über den Verbleib der Ratte verlangen. Schon meldet sich die sozialkämpferische Fraktion. Wäre das gleiche in Buckingham Palace geschehen, heißt es in einem Blog, hätte die Polizei die Täter längst gefasst.
Tausende Geschöpfe nagen an den Fassaden
Die umstrittene Ratte besteht aus Aerosol und Mauer. Sie ist ein Graffiti - um präziser zu sein, das erste Graffiti, das mitsamt der Gebäudemauer gestohlen worden ist. Aber es ist keines der wulstigen und öden Graffiti im Bubble-Style, die längst zur linguistischen Innenausstattung der Städte geworden sind. Die Ratte - man sieht ein ballspielendes Tier unterhalb eines offiziellen Schildes, das das Ballspielen verbot - wurde durch eine Schablone (Stencil) kunstvoll auf die Wand gesprüht. Sie wirkte eher wie ein Stempel oder ein Druck. Tausende solcher zweidimensionaler Geschöpfe nagen an unseren Fassaden. Bisher wurden sie abgewaschen, übertüncht oder gebleicht. Keines wurde bisher entführt.
Dass es sich um Kidnapping handelt, ist seit ein paar Tagen klar. Vor einer Woche, ungefähr um die Mittagszeit, wurde Rattes vorerst letztes Lebenszeichen bei Ebay aufgefangen. Dort wurde Mauerstück mit ballspielender Ratte für umgerechnet dreißigtausend Euro zum Kauf angeboten. Auf Druck der empörten Anwohner von Gloucester Gardens musste Ebay die Auktion abbrechen. Der Punkt ist: Kein Mensch zweifelt daran, dass es am Ende für das Doppelte des Preises weggegangen wäre. Das Stück Graffiti-Mauer wäre ungefähr so teuer geworden wie eine antike Amphore bei Sotheby's. Wobei auch Sotheby's keinen Zweifel daran lässt, dass man dort lieber das Graffiti verkaufen würde. Die Ratte ist mitsamt ihrer Entführer verschwunden. Zurück bleibt ein holzvernageltes Loch und ein paar Hausbesitzer in New York, London, Bristol und Berlin, die Graffiti-Putzkolonnen stoppen und nach der Schrift auf der Wand suchen.
Grafitti - teurer als das Haus
Sechs Buchstaben, ein Menetekel: Banksy. Banksy hat die Ratte gemalt. Banksy hat London bemalt, er hat seine Unterschrift am russischen Ehrenmal in Berlin und im Gazastreifen hinterlassen. Das Graffiti-Kidnapping in London geschah nicht zufällig: Anfang Januar hat Sotheby's ein Bild von Banksy für umgerechnet achtzigtausend Euro verkauft. Ein original Banksy-Tag - seine gesprayte Signatur - wird im Internet für 8500 Dollar gehandelt. Hochgerechnet bedeutet das, dass manches Wand-Graffiti von Banksy mehr wert ist als das ganze Haus plus Mobilar, auf das es gesprüht wurde.
Wenn je einer aus dem Nichts kam, dann er. Bekannt ist: Banksy wurde 1974 in Bristol geboren. Schon bei der Frage ob er in Wahrheit Robert Banks oder Robin Banks heißt, gehen die Meinungen auseinander. Wie er aussieht, weiß fast niemand. Seine Eltern glauben immer noch, er arbeite als Innendekorateur. Der einzige Journalist, der jemals ein Interview mit Banksy führte, Simon Hattenstone vom Guardian, hat den Kontakt verloren. Vor vier Jahren traf er einen jungen Mann mit silbernem Zahn und silberner Kette, der etwas ungepflegt, aber sehr sympathisch gewirkt habe. Jetzt wollte er das Gespräch fortsetzen, aber Banksys Manager teilte mit, Banksy rede nicht mehr und sei verschwunden. Ich muss anonym bleiben, hat er Hattenstone seinerzeit gesagt, um bei meiner Arbeit nicht eingesperrt zu werden.
Bestechender Witz
Er ist anonym und berühmt, er zeigt, wie man es macht, sagt Brad Pitt, der Banksy sammelt und gemeinsam mit Angelina Jolie seine Preise in die Höhe getrieben hat. Banksy signiert und beherrscht seine Umwelt, ohne durch sie beherrscht zu werden. Was an ihm auffällt, ist sein Humor, ein Witz, durch den etwas tiefgreifend Freundliches in die Städte und in die Museen zurückkommt. Banksy kennt vielleicht nicht viel, aber er ist von bestechender Intelligenz, und das Credo von Warhol und Roy Lichtenstein hat er verstanden wie überhaupt kein anderer. Vielleicht ist er der Erste, der über sie hinausgeht und nicht nur deshalb, weil er schon vor Jahren - und zwar vor Internet und Google - den großen Traum postulierte: In der Zukunft wird jeder Mensch fünfzehn Minuten anonym sein dürfen.
Man darf ihn sich nicht als Sprayer denken. Mit vierzehn hat er so begonnen, aber mittlerweile signiert er das Leben selbst. Er hat wunderbare pranks, sagen wir: Kunstaktionen, gemacht. Während der vergleichbare deutsche Witz darin besteht, dass ein Künstler, wie vor ein paar Jahren geschehen, für sein Stück Die Kunst ist ausgebrochen noch drei nackte Platzanweiserinnen sucht, möglichst nebst Quersubvention durch die Berliner Akademie der Künste, ist Banksys Witz nicht nur sehr scharfsinnig, sondern auch sehr uneitel. Er braucht keine Zuschauer. Die besten Aktionen sind leider nicht dokumentiert. Einmal brach er nachts bei den Pinguinen im Londoner Zoo ein. Die erstaunten Zoobesucher sahen am nächsten Morgen ein riesiges Transparent, mit dem die Pinguine erklärten We are bored of eating fish (Wir sind es leid, Fisch zu essen). Nur ein paar Fotos existieren von einer Aktion im amerikanischen Disneyland. Banksy schmuggelte eine lebensgroße, aufblasbare Puppe in den Park, die, orange gekleidet und mit Handschellen gefesselt, einem Guantánamo-Häftling täuschend ähnlich sah. Er plazierte sie neben die Achterbahn, so dass die Fahrenden für ein paar Sekunden den Eindruck hatten - aber das kann ja nicht sein! -, dass ein Guantánamo-Häftling neben die Gleise gekettet worden ist.
Das Publikum wird entführt
Man muss so etwas nicht für genial, nicht einmal für witzig halten. Aber wer das ganze Panorama dieses Künstlers zur Kenntnis nimmt, der wird etwas sehen, was es bislang nicht gab. Inmitten von künstlerischer Werbung und werbender Kunst, im Herzen eines optisch und imaginativ kolonialisierten Stadt- und Lebensraums hat dieser rund dreißigjährige Autodidakt sich einen ganz neuen Raum gleichsam chirurgisch herausoperiert. Er flüchtet nicht vor den Bildern und Botschaften, sondern nimmt sie auf. Wie bei bei allen genialen Begabungen geht Zeitgeist und technischer Geist, ästhetische und technolgische Innovation fast osmotisch durch ihn hindurch. Er schmuggelt nicht sich in den Kanon der Moderne, sondern das Publikum. Es wird gleichsam entführt, wie die Ratte von Gloucester Gardens.
Vor ein paar Jahren begann er seinen Museumsschmuggel. Wenn Banksy kommt, stiehlt er nicht, sondern bringt Bilder mit - ein Umstand, der mittlerweile Museen aus aller Welt alarmiert hat. Im Metropolitan Museum hing das Porträt einer Lady, allerdings trug die Lady eine Gasmaske, im Louvre eine Mona Lisa mit Smiley-Gesicht und in der Tate eine Landschaft mit leichten Modifikationen: Eine einmontierte Polizeiabsperrung macht aus der romantischen Szene des neunzehnten Jahrhunderts einen Mordfall. Im Museum of Modern Art schmuggelte Banksy 2004 das Bild einer Tomatensuppen-Dose (Discount Soup Can), also das, was Warhol schon längst gemacht hatte, nur mit dem Unterschied, dass die Dose nicht von Campbell's, sondern von Tesco stammte; einen blöderen Einfall konnte man nicht haben. Nachdem ich das Bild aufgehängt hatte, beobachtete ich, was passieren würde. Hunderte Menschen kamen vorbei, starrten das Bild an und gingen mit einem leicht verwirrten und betrogenen Gesichtausdruck weiter. Ich fühlte mich wie ein wahrer moderner Künstler.
Acht Tage im British Museum
Das Bild hing sechs Tage in der Abteilung Moderne Kunst, ehe dem Museum etwas auffiel. Eines seiner Meisterstücke gelang ihm im British Museum. Dort brachte er unbemerkt ein Stück Mauer mit fingierter Felsmalerei aus der Jäger-und-Sammler-Zeit an. Zu sehen ist ein Büffel, der von Speeren getroffen ist, und ein Mensch, der einen Einkaufswagen schiebt. Das angebliche Fragment (Es gibt nicht viele, die meisten wurden von pflichteifrigen städtischen Bediensteten entfernt, lautet der Text neben dem Exponat) hing an prominenter Stelle acht Tage im British Museum. Mittlerweile hat es die Museumsleitung in die Dauerausstellung für Felsmalereien aufgenommen.
Banksys Theorie, wenn es denn eine gibt, hat gewiss viel von der antikapitalistischen Routinerhetorik wilder neuer Kunst. Ein paar hundert Leute entscheiden über die Kunst. Wenn du in ein Museum gehst, sagt er, bist du nichts anderes als ein Tourist, der die Trophäen einiger Millionäre anstaunt. Das sagt einer, der wahrscheinlich längst einer geworden ist. Aber Simon Hattenstone glaubt, dass Banksy es ernst meint; er schröpfe den Markt, ohne sich von ihm manipulieren zu lassen. Aber anders als viele Halbbegabungen, die Ideologie als Denkersatz aufbrühen, wird Banksy nicht von Ressentiment geleitet. Neid, Missgunst, das Gegeneinander-Ausspielen schlechter Charaktereigenschaften, das bei vielen für Satire gehalten wird, findet sich bei ihm gar nicht.
Die Werke verändern die Städte
Banksys Werke werden in der Tat immer wertvoller. Der Satz allein freilich bedeutet in seinem Fall etwas anderes, als er üblicherweise meint. Der freundliche Roy Lichtenstein etwa konnte sich noch als älterer Herr darüber wundern, dass er berühmt und seine Werke so kostbar waren, dass sie die Alten Meister in den Schatten stellten. Bei Banksy ist es ähnlich, aber seine Werke hängen nicht in Museen, sondern vor allem in den Städten. Und fangen nun an - die entführte Ratte von Gloucester Gardens beweist es -, die Städte zu verändern.
1982 veröffentlichten der Politikwissenschaftler James Q. Wilson und der Kriminologe George Kelling eine Theorie sozialen Verhaltens, die als die broken window theory bekannt wurde. Soziale und urbane Verwahrlosung und kriminelle Energie, so die Forscher, hätten oft minimale Ursachen im städtischen Raum. Das erste Zeichen ist das zerbrochene Fenster, das nicht mehr repariert wird. In der zweiten Stufe werden die anderen Fenster von Kindern oder Jugendlichen zerschmettert. Jetzt beginnen die Graffiti zu wuchern, die Anwohner schütten ihren Müll hier aus, die ersten Verbrechen werden registriert. Banksy kennt und zitiert diese Theorie. Denn in seinem Buch Wall and Piece zitiert er folgende E-Mail: Ich weiß nicht, wer du bist, und ich weiß nicht, wie viele ihr seid, aber ich fordere dich auf, deine Sache nicht mehr da zu malen, wo wir leben, jedenfalls nicht hier in Hackney. Neuerdings ziehen hier lauter Yuppies und Studenten her, und deine Graffiti sind der Grund, warum sie diese Gegend cool finden. Wir können uns das nicht mehr leisten. Du bist offenbar nicht von hier, und nachdem du die Immobilienpreise in die Höhe getrieben hast, ziehst du weiter. Tu uns allen einen Gefallen und mache das woanders, zum Beispiel in Brixton.
Kundschafter des großen Aufbruchs
Banksy, so scheint es, hat in Hackney aufgehört. Seine letzten Statements, sofern sie nicht auf die Überwachungskameras im öffentlichen Raum zielten, entstanden im Atelier. Warum, so haben ihn einst ein paar Straßenkids gefragt, die ihn dabei ertappten, wie er Che-Guevara-Porträts an die Wände malte, malst du Bilder von Revolutionären an die Wand, anstatt selber einer zu sein? Auch Banksys Ideologie ist nur auf die Wand gemalt - gerade dadurch gelingt es ihm, die hohle Rhetorik politischer Scheinradikalität, vielleicht sogar wider Willen, zu demonstrieren. Im wenigen Tagen wird Sotheby's sieben Bilder, darunter zum ersten Mal ein handsigniertes Gemälde, versteigern. Die Erwartungen sind nach dem Rattenraub noch einmal beträchtlich angeheizt worden.
Vielleicht brauchte es Tausender verschandelter Außenwände, um einen Banksy hervorzubringen. Jetzt ist er im Interieur angelangt. Ob jetzt, wie in einem Déjà-vu-Film, sich seine Bilder von den Außenwänden lösen, als wären sie nie dagewesen? Wer weiß: Vielleicht wurde die Ratte von Gloucester Gardens gar nicht entführt. Vielleicht hat sie sich nur davongemacht, vielleicht ist sie nur der erste Kundschafter des großen Aufbruchs der Bilder von außen nach innen.
Text: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite Z1
Bildmaterial: AP, Banksy, REUTERS