Peter Handke

Das Schreiben vor dem Schreiben

Von Georg Diez

Peter Handke denkt

Peter Handke denkt

25. Juli 2005 Man kann sich das Leben des Peter Handke als ein einziges langes Laufen vorstellen, und wie das so ist beim Laufen, man verliert sich manchmal, wenn es zu sehr dauert.

Handke würde nun sagen, daß es gerade das Ziel seines Laufens, seines Reisens, seines Schreibens überhaupt ist, sich zu verlieren. Daß nur in der Bewegung so etwas wie Ruhe spürbar wird. Daß erst in der Distanz so etwas wie Nähe möglich ist. Tatsächlich sagt er: „Beim Gehen in der Sonne wurde ich eine Kugel der Ruhe.“

Aber das ist bloß ein Teil der Geschichte. Denn Handke sucht natürlich doch, er sucht sogar sehr, so sehr, daß er auf dem Titel seines neuen Buches eine Zeichnung hat mit zwei mönchischen Figuren, die voranschreiten im Deuten ihrer Welt, im Zeichen eines Kreuzes, das sie als Schatten begleitet. „Du wandelst unter Engeln und romanischen Gestalten“, schreibt Handke an einer Stelle von „Gestern unterwegs“, seinen Aufzeichnungen aus den Jahren 1987 bis 1990, die jetzt im kleinen Verlag Jung und Jung erscheinen. Und wer will, der kann schon fürchten, daß sich dieser Dichter wieder etwas weiter aus der Welt begeben hat, wo er doch aufgebrochen war, sie zu suchen.

Die Suche

„Du mußt durchdrungen sein von der Welt“, schreibt Handke denn auch, „von jeder ihrer noch so nebensächlichen Bewegungen (dem vom Sturm auf die Fährrampe geworfenen Tang, dort mit der Zeit zum Wall gestaut), um ein Epiker zu sein.“ Also macht er sich auf, einmal mehr, wie so oft schon, um unterwegs das zu finden, was die Welt ihm daheim vorenthält. Unterwegs sucht er den Alltag, der für ihn sonst so schwer zu finden ist. Unterwegs sucht er den Halt und die Freiheit, die zum Schreiben notwendig ist. Unterwegs schreibt er: „Das mannigfaltige Sich-Aussetzen (meine Art Reisen) strukturiert die Phantasie.“

„Gestern unterwegs“ ist also ein Reisebuch, ein Arbeitsbuch, ein Buch über das Entstehen von Literatur, das vom Schreiben vor der Literatur handelt, von einem Gestaltungswillen ohne Richtung, von Erfahrungen und Reflexionen im eigentlichen Wortsinn, als physische und sinnliche Ereignisse, die sich irgendwie im Kopf eines Menschen abbilden und dann den Weg zum Gedanken, den Weg aufs Papier finden.

Es ist ein Buch, das von der großen Nähe zu den Dingen handelt, die Handkes Weltsuche immer angetrieben hat, von jenem Physischen, das an sich gar nichts Außerweltliches hat und ihm doch immer mehr und immer gern zum Metaphysischen gerät. In Paris etwa findet er diese Nähe zu den Dingen, dort sind die Straßen, die Bäume und Züge und Schienen in der Morgensonne und die eisernen kleinen Parktüren „richtig da“ - „in Österreich wie in Deutschland sind diese Dinge alle da und nicht da, was eine Qual oder zumindest etwas Quälendes sein kann: ich muß mir dort die Dinge erst zurecht-, herbeidenken.“

Der Sound

Und so packt Handke mal wieder seine ganze Empfindlichkeit, seine Sehnsucht, seinen Welthunger zusammen und macht sich auf die Reise, um etwas zu erkennen, das ihm in der Nähe verstellt ist. „An dem Anblick der Ferne kam ich zu mir“, schreibt er im spanischen Mai, dieses Grundthema seines Schreibens und Lebens, das sich in diesem Buch auf überdeutliche Weise vermengt. Sein Ich bleibt allerdings spröde, tatsächlich sieht Handke, wie im Grunde in all seinem Schreiben, von sich selbst ab - und zeigt doch, wie ihn nicht nur große Neugier und heitere Wachheit durch die Welt treiben, sondern auch ein gepflegtes Maß an Verzweiflung und eine gern genossene Einsamkeit.

„Über mich ,persönlich' habe ich noch nie etwas sagen können“, heißt es an einer Stelle, was so wahr und falsch ist wie vieles in diesem Buch, das alles in allem diesen schwebenden Zwischenton findet, diesen Handke-Sound, der die Geschichten auflöst in Sprache, der Augenblicke zu eigenen Wahrheiten verbindet, der manchmal so angenehm ist und manchmal nur nervt. Ein neues Buch von ihm wirkt da gern wie ein Fluch und wie ein Versprechen. Denn das Merkwürdige an diesem Schriftsteller ist ja, wie da jemand damit beginnt, das Leichte und das Leben zu suchen, und dabei mit den Jahren immer bohrender wird, in seiner Genauigkeit immer bornierter, in seiner Weltsicht immer bitterer.

„Wolle nichts Neues mehr“, schreibt Handke am Anfang seiner Aufzeichnungen, „du weißt doch, was du bis ans Ende zu tun hast: deine Heimat zu suchen.“ Und so macht er sich auf, von Österreich aus, seiner Heimat, diese Heimat zu suchen, von jenem Jugoslawien, das es damals noch gab und das ihn bis heute begleitet, „eine Art Sinn des Lebens: an der Tränke zu stehen (so wie ,wir alle' gerade in dem Rundturmlokal am Hafen von Krk, 24. Nov. 1987)“. Er reist weiter, nach Griechenland, Ägypten, Frankreich, Deutschland, Belgien, Japan, Alaska, Portugal, Spanien, immer wieder Frankreich, kurz Österreich, dann Italien, Frankreich, Spanien, im Bus, zu Fuß, wenn es nicht anders geht mit dem Flugzeug, so auch am 21. Dezember 1988 nach London, mit jenem Jumbo, der neue Passagiere aufnimmt und weiterfliegt und über Lockerbie explodiert. „Und jetzt an den Frühstückstischen sitzen gedämpft wir Überlebenden“, schreibt Handke am nächsten Morgen.

So wenig passiert also, wenn die Geschichte in seine Welt hineinbricht. „Wie schön und begehrenswert ist die Namenslosigkeit“, so beginnt der nächste Eintrag, von der „Kraft der islamischen Ornamente“ im Victoria & Albert Museum handelt der danach, „der bloße Widerschein, die bloße Ahnung der Bilder“. Einen „Augenblicksdenker“ nennt Handke sich selbst, und das erklärt seine Schwäche mit allem Politischen und Historischen, sein mangelndes Gespür und Vokabular für geschichtliche Prozesse - auch für das Gerichtsverfahren, gegen das er immer wieder und jetzt gerade polemisiert, das im Haag gegen Slobodan Milosevic. Es ist, das wird in diesem Buch deutlich, die poetische Arbeit der punktuellen Wahrnehmung, die ihm mit den Jahren den Blick verengt hat.

Eine Mischung aus Gegenwartsekel und biographisch-literarischer Parteinahme hat ihn auf die Seite der Serben gebracht, ungeduldig, ungerecht, unzufrieden mit den Wahrheiten, die gelten. Zwischen Mythos und Geschichte wird sich Handke immer für den Mythos entscheiden. Am 9. November 1989 schreibt er: „Zum ersten Male seit dem 31. Dezember 1970 wird seit dem gestrigen 8. November wieder die Sonnenscheindauer der DDR regelmäßig verbreitet.“

Das Denken

Es sind, in vieler Hinsicht, Jahre des Übergangs, die in „Gestern unterwegs“ nachgezeichnet werden, nicht nur politisch. Das Buch eröffnet noch einmal den Blick auf einen Handke vor unserer Zeit, es ist eine Art poetische Entschuldung - rare, zarte Beobachtungen vor den allzu dicken Büchern, die noch kommen. Der frühe, klare, alltagsgenaue Handke zeigt sich hier oft, der Handke, der sehnsuchtsvoll Bilder sammelt, der wunschvoll und drängend einsam ist, der allein im Restaurant sitzt und auf fremde Beerdigungen geht und besonders gern romanische Kirchen besucht. Er reist mit Hölderlin durch Jugoslawien und Japan, er reist mit Wittgenstein von Cambridge nach Aberdeen.

„Bedürfnis nach Wärme und Abneigung gegen Berührung“, diesen Satz schreibt er zu Wittgenstein in sein Notizbuch. Mit dem Mit-Österreicher verbindet ihn nicht nur dieses Leben im Widerspruch, da ist auch das Denken, das bei den Dingen beginnt, in die Sprache mündet und manchmal im Verstiegenen endet. Handke sucht nach einer Einheit, nach dem einen Augenblick, der alles enthält - eine Suche, die fast zwangsläufig ins Spirituelle führt. „Der Moment am Caledonian Canal gestern, als ,alles beisammen' erschien: die von Jungen belebte Werkstätte, das sich drehende Wasser in der Kanalschleusenkammer, samt den Ölschlieren in Regenbogenfarben, die über den Schleusensteg, den eisernen, tapsende alte Frau, die Seehundköpfe unten im Mittelgrund wie ewig kreisend, ,alles beisammen' (7. Januar 1989, Inverness)“.

Die Welt

Monate und Jahre geht das so, Handkes Weltpilgerreise, und man spürt fast die Gepäcklosigkeit, die Leichtigkeit, mit der er sich von Ort zu Ort bewegt, man spürt das als etwas Schweres, wie ein Gewicht. Aber all die Schritte, all den Ballast läßt er zurück bei seinem Schreiben, all die Hotels und die Rechnungen und die schmutzige Wäsche und die Erinnerungen an andere Menschen. Das Fehlende macht sich dabei um so deutlicher bemerkbar, es drängt darauf, befragt zu werden: Was sind die Bedingungen dieses Lebens? Was sind die wirklichen Gedanken, wenn es die gibt? Wo sind die Schwielen an den Händen? Wie schauen Handkes Koffer aus? Was für ein Leben gibt es für Handke diesseits der Kunst?

Aber Biographisches findet sich kaum, dafür zeigt uns Handke, wie die Bilder in die Bücher kommen. Den „Versuch über die Müdigkeit“ hat er in den Jahren zwischen 1987 und 1990 geschrieben, das Theaterstück „Das Spiel vom Fragen“, das Filmbuch „Die Abwesenheit“ und den „Versuch über die Jukebox“. Es ist nach langen ätherischen Jahren eine schöne, kurze Phase der Klarheit, die sich wohl mit dem Reisen einstellt.

Das Buch ist dabei lang und voll, es ist aber auch leer, auf eine epische Art leer. Und auch eine Ahnung der Anmaßung durchzieht es schon, jener Erkenntnisdünkel, der Handkes letzte Werke prägte. „Karfreitag, drei Uhr am Nachmittag“, notiert er in Ponferrada in Spanien. „Sich bücken zu dem frischen Gelb, dem Ganz-Gelb des Löwenzahns im hohen Gras, mit viel kürzeren Stengeln hier als ,bei uns' - und dazu der Gedanke: Wer versteht heute so ein Sichbücken? Aber im Mittelalter hätte man es verstanden, daß ein Fremder sich so hinhockt, zur Betrachtung des Nichts-und-wieder-Nichts.“ Der Handke, wie er sich hier zeigt, ist ein Rätsellöser, der sich der Welt nähert und sie dabei im Enträtseln weiter verrätselt. Das ist die Dynamik seines Schreibens, das das Reisen braucht als seinen Grund.

Handke entwirft dabei eine eigene Topographie des Erlebens, er schreibt steile und zerklüftete Einträge aus Japan, er ist episch-ausladend in Spanien, er bleibt wortkarg in der kurzen Zeit in Österreich. Es gibt Erkenntnishöhen und Stimmungstäler. Eine ganze Weile geht man gern mit ihm auf diesen Wegen. Und irgendwann läßt man ihn alleine weiterziehen, durch den Karst, immer den Quellen zu.

Peter Handke: „Gestern unterwegs“. Verlag Jung und Jung. 360 Seiten, 25 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.07.2005, Nr. 29 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z. - Barbara Klemm

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

NEU: Jetzt keine Folge „RICHTERSPRUCH“ mehr verpassen! Testen Sie den kostenlosen Benachrichtigungsservice von FAZ.NET.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche