Olympia

Mit Eseln gegen Eile

Von Hansgeorg Hermann

10. August 2004 Arbeit macht müde", stellt Cesare Pavese in seinem Buch "Handwerk des Lebens" lapidar fest. Eine Konsequenz daraus wäre, alles ein wenig langsamer anzugehen, damit der arbeitende Körper nicht allzu schnell ermattet. Eine andere, radikalere Folgerung hat Paul Lafargue formuliert: Dort wo Faulheit, mithin Langsamkeit, noch einen anerkannten Platz im täglichen Leben habe, seien die Menschen "einfach schöner".

Auf Kreta beispielsweise, wo einst Henry Miller die bestaussehenden Männer dieser Welt entdeckt haben wollte. Oder allgemeiner gesprochen: in Griechenland, um dessen Fähigkeit, Sportstätten termingerecht fertigzustellen, sich die ganze Welt jahrelang gesorgt hat.

Was zu schnell geht

Aber was ist nur aus diesem Land geworden, fragt man sich vor den am Freitag beginnenden Olympischen Spielen, die offenbar nicht auf Baustellen stattfinden werden. Und das fragt sich auch ein Kreter namens Antonis Liondakis. Seinen Interessen nach ist er Psychologe, er forscht im Seelenbereich, wie er selbst sagt. Seiner Ausbildung nach ist er eher Psychiater, ausgebildet an der Pariser Sorbonne. Er heilt, was schiefgeht in den Köpfen - oder auch einfach nur zu schnell.

Liondakis, fünfzig Jahre alt und in der Psychiatrie von Chania auf Kreta beschäftigt, hatte eine Idee. Sie kam ihm mitten auf der Straße, vor seinem Haus am Fuß der hohen Berge. Er wusch gerade sein Auto, eine viertürige schwere Limousine. Er lederte sie ab, bewunderte sogar ein wenig den frischen Glanz, wie er erklärt. Doch dann warf ein paar Meter weiter der Sohn der Nachbarin sein Motorrad an und ließ das beschauliche Dorf im Verlauf weniger Sekunden hinter sich: lärmend und grußlos. Es sei ihm so vorgekommen, erzählt der traditionsbewußte Liondakis, als habe der Junge auf seinem Motorrad in diesem Moment den Verstand verloren.

Ein ehrgeiziges Projekt

Aus dieser Beobachtung, was die Sucht nach Tempo aus Menschen machen könne, entstand ein ehrgeiziges Projekt: Liondakis wollte während der sechzehn Tage der Spiele von Athen eine Karawane, bestehend aus dreihundert Eseln samt einigen Treibern, von einem Ende Kretas zum rund dreihundert Kilometer entfernten anderen Ende aussenden, um die Menschen an Besinnlichkeit und Langsamkeit früherer Zeiten zu erinnern.

Entstehen sollte daraus eine Filmdokumentation - Liondakis dachte an Wim Wenders, dessen "Buena Vista Social Club" Kubas Musikkultur in das globale Gedächtnis zurückgerufen hat: als eleganter Rhythmus einer großen herrlichen Insel. Auch Kreta ist doch eine Insel, sagte sich Liondakis, wenn auch eine kleinere.

Und warum ausgerechnet dreihundert Esel? Das sei eine magische Zahl, sagt Liondakis. Was man leicht daran erkenne, daß im griechischen Parlament dreihundert Abgeordnete sitzen. Allerdings gibt es noch ein Hindernis; Antonis Liondakis ist zu langsam. Er fürchtet, daß er das alles bis zum Freitag doch nicht mehr hinbekommt. Es müsse jetzt ja alles so schnell gehen. Sein Projekt sei zu aufwendig, sagen dagegen seine Freunde, und Liondakis denke zu langsam, seit er sich mit Eseln beschäftige. Aber es besteht die Hoffnung, daß es im kommenden Sommer klappen könnte. Ohne Spiele in Athen oder anderswo. Einfach um der Langsamkeit willen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2004, Nr. 185 / Seite 38
Bildmaterial: dpa

 
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