
Noch einmal: Hier schreibt ein bekannter Sohn über seinen berühmten Vater und würdigt ihn in aller respektvollen Distanz, klar und offen - das ist anregender, sich gedanklich mit dem Menschen und Intellektuellen Walter Jens zu beschäftigen als all die Hochglanz-Lobeshymnen, die jetzt zu seinem Geburtstag durch die Medien purzeln.
Ich habe zu den Studenten gehört, die Walter Jens viel verdanken - im Positiven wie im Negativen. Zur Würdigung der Konturiertheit einer solchen öffentlichen Person gehört es eben auch, ihre Grenzen zu sehen.
Aber @festge, hier geht es nicht um Sie oder mich, nicht einmal darum, dass Sie, wie Sie sagen, Jens hassten, unsympathisch fanden, als "selbsternannten Intellektuellen" betrachten (wenn der kein Intellektueller war: wer dann!?) und als Säulenheiligen bezeichnen, dessen Untergang Sie begrüßen. Das alles ist vor dieser Lebensleistung belanglos.
Darum nur ein Satz zu Ihnen: Zu meiner großen Freude trennen uns Welten.

ich habe meine Meinung über Walter Jens geäüßert, eins der vornehmsten Rechte nach dem deutschen Grundgesetz damit wahrgenommen! Jens hätte das sicher genauso gesehen!- Meine Meinung sollten Sie respektieren, wie ich die Ihre, die so sehr garnicht von meiner abweicht.-Aber Sie meinen mich bedrohen zu sollen mit der Keule der "Menschenverachtung".- Dabei habe ich Jens nie verachtet-sondern nur nie gemocht, Ich hoffe, Sie erkennen den Unterschied!

Walter Jens war kein Säulenheiliger, sondern eine öffentliche Person, die ein hohes Maß Brillanz und -soweit öffentlich sichtbar - vielleicht etwas viel Glanz um sich selbst verbreitet hat. Für die Begabteren unter uns Studenten, ich sage es noch einmal, war seine Selbstverliebtheit pädagogisch nicht das Richtige - aber dafür, Tilman Jens hat es in seinem mutigen Artikel angedeutet, gibt es Gründe.
Nur, @festge: Zu begrüßen, wenn einer dahingeht, der sein ganzes, arbeitsreiches Leben in den Dienst der Aufklärung und der Literatur (also unserer Sprache!) gestellt hat, das ist nicht nur geschmacklos; es ist bodenlos.
Ich wundere mich, dass der Moderator Ihren menschenverachtenden Kommentar zugelassen hat! Aber selbst wenn: Es bleibt menschenverachtend.

So ist denn der letzte "Säulenheilige" der verblichenen BRD zu Grunde gegangen.Ich begrüße das.- Recht diese Leute haben diesen Staat über Jahrzehnte zugrunde geredet und geschrieben.- Ich bin Jahrgang 1936. Wir waren die 1.Generation , die diesen Mann gerdezu haßten, weil er unsere Werte verachtete.

Dass ein Sohn sich erhebt, über die Übenachtung seines Vaters ein medizisches Urteil der Schuld- und des Schuldgefühls oder Schuldbewusstseins oder Schulhaftigkeit zu f ä l l e n, ist eine unver-söhnliche Perversion.

Tilman Jens schreibt: "Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken."
Welch ein Schwachsinn! Was gibt es da zu verstecken, was wäre daran anrüchig, es zu verschweigen?
Warum exhibitioniert Tilman Jens nun seinen noch lebenden, wehrlosen Vater, nur weil der seinen Eintritt in die NSDAP im Alter von 19 Jahren nicht beizeiten öffentlich gemacht hat? Das hat doch mit seiner Demenz-Erkrankung nichts zu tun. Dieser Rückschluss ist nach meiner Ansicht absurd.
Warum kommt der Sohn jetzt mit dieser Geschichte an?
Und warum veröffentlich die von mir sonst so geschätzte FAZ, die leider von viel zu wenigen Menschen in diesem Land gelesen wird, einen solchen Schwachsinn?
Walter Schulz

Dass Tilman Jens den 85. Geb. seines schwer erkrankten und wehrlosen Vaters mit einer Abrechnung feiert, ist bestürzend, dass er insinuiert, dessen Altersdemenz sei eine Flucht vor der Wahrheit, ist infam. Dass die F.A.Z. den Artikel abdruckt ist ein schwerer Verstoß gegen die Seriosität dieser Zeitung. Die Verirrungen des Tilman Jens sind nicht "fit to print".

De mortui nihil nisi bene, aber zu Lebzeiten? Wer im Internet nach Tilman Jens sucht, findet kaum eine Erwähnung seines Namens ohne den Zusatz „Sohn von Walter Jens“. Verbirgt sich dort das Motiv für den verbalen Vatermord, der angesichts der Krankheit des alten Walter Jens eine mehr als meuchlerische Tat ist? Die Waffe wird nicht von hinten in den Rücken gestoßen sondern von vorn in die schutzlos dargebotene Brust dessen, der in seiner Demenz nur wehrlos verharren kann. Wie sehr muss ein Sohn gelitten haben, als er die rhetorischen Klingen mit seinem noch gesunden Vater kreuzte, und vielleicht nie mehr erreichte als die immer wiederkehrende Qualifizierung als Sohn. Könnte das eine Erklärung dafür sein, dass Tilman Jens die zu lange unerwähnte Tatsache einer jugendlichen NSDAP-Zugehörigkeit heute als möglichen Krankheitsbeginn schildert und sie in den direkten Zusammenhang mit der fortgeschrittenen Alzheimer-Erkrankung seines Vaters stellt? Was für eine tiefe Bosheit des Sohnes. Der offene Umgang mit Demenz sollte längst selbstverständlich sein. Was ist das aber für eine hinterhältige Implizierung für alle an Demenz Erkrankten, dass sie von einer Gottesstrafe für das Verbergen und Verdrängen irgendwelcher Taten betroffen seien?

ist recht eigentlich ein Phänomen selbsternannter Intellektueller vom Schlage Walter Jens und Günter Grass! -Die wollten doch nur ihre geradezu märchenhafte Karriere nicht gefährden.-
Warum sie so handelten verstehe ich freilich immer noch nicht.- Ich will Ihnen ein Beispiel geben: Ich -eigentlich ein Niedersachse- bin seit langen Jahren verschwägert mit einer jahrhunderte alten Wiener Familie.Einer meiner Schwäger-Jahrgang 1928- wurde noch während seiner Schulzeit zum Parteibeitritt gezwungen unter der Drohung, sonst nie studieren zu dürfen- ganz wie in der verblichenen DDR.- 1944 hat man ihn zwangsweise zur Fahne "geeilt"- als Richtkanonier bei der Wiener Flak, weil er eine mathematische Begabung hatte.- Natürlich wollte dieser junge Mann damals seine Heimatstadt gegen alliierte Fliegerangriffe nach Kräften verteidigen. War der deswegen aber schon ein NAZI ? -
Er hat später nie ein Hehl machen müssen aus dieser Vergangenheit- schließlich waren in Wien fast alle jungen Männer seines Jahrgangs junge Soldaten gewesen, und viele davon sind ganz sinnlos gefallen.- Er hat überlebt und hat mit dieser offen bekannten Vorgeschichte , die damals in Wien wirklich niemand störte, eine bedeutende Karriere in der Senatsbauverwaltung gemach

gibt es eigentlich nur bei den sog.Intellektuellen, die sich nach dem Krieg besonders antifaschistisch aufplusterten und damit kometenhaft Karriere machten-wie eben besagter Walter Jens.Ich kenne ihn und seine Reden aus meiner Tübinger Studentenzeit Mitte der fünfziger Jahre. Walter Jens ist -war ?- ein selbsterfundener "Edelmensch", ein selbsternannter "Ritter ohne Furcht und Tadel" . -Und nun DAS ! - Hätte dieser Mann in den 50-iger Jahren offen bekannt, vom Saulus zu Paulus geworden zu sein- wobei der vermutlich nie ein Saulus war- , man hätte ihn damals mehr denn je geachtet.Aber jetzt wird eine jüngere Generation , die von nichts nichst mehr weiß, vor allem nichts von den Zwängen für damals junge Menschen, diesen alten Mann der verbalen Steinigung überlassen. Und dieser Mann war einmal geradezu DAS Idol der damals noch jungen -westdeutschen-BRD. Mir persönlich war Jens immer denkbar unsympatisch. Aber ich kenne einige, die hielten ihn für eine Säule der Republik-und die dürften jetzt arg enttäuscht sein!

Als ehemaligen Schüler von Prof. Walter Jens trifft mich die Nachricht von seinem allmählichen Abstieg in die Hallen der Unterwelt tief. Die phänomenale intellektuelle Leistungsfähigkeit dieses genialen Lesers war für ganze Generationen von Studenten der Allgemeinen Rhetorik berauschend, inspirierend und - in ihrer Unerreichbarkeit geradezu niederschmetternd. Ohne die großartigen Leistungen des Rhetors, des Bibelübersetzers, des genialen Gesprächsführers und besten Stilistik-Lehrers, den ich in vielen Semestern Universität je erleben konnte, an eine küchenpsychologische Schnellbegründung verraten zu wollen: Heute ahne ich, dass Manches an dieser manischen Brillanz durch einen Turbo befeuert worden sein könnte, den möglicherweise die verdrängte Schuld gezündet hat. Ein Stück der inhärenten Sterilität, die wir jungen Leute in den 80ern und 90ern im Umgang mit dieser Generation erleben mussten, die ganze Wände aus Glasbausteinen um sich herum aufgebaut hat, wird mit diesem Artikel ein wenig verständlicher. An Tilman Jens dafür vielen Dank!

Dietmar Herrmann,, Tübingen
Nicht ihre Mitgliedschaft in der HJ oder sogar der NSDAP ist dem „guten Menschen von Tübingen“ und anderen Intellektuellen vorzuwerfen, sondern dass sie nicht nur jahrzehntelang ihre Mitgliedschaften in NS-Organisationen verschwiegen haben, sondern sich aktiv an der Verdammung derjenigen beteiligt haben, deren Mitgliedschaften bekannt waren. Jeder noch so kleine Mitläufer galt als Verbrecher. Diejenigen, die der Jugend hätten vermitteln können, wie es geschehen konnte, dass große Teile der deutschen Bevölkerung den Rattenfängerparolen eines Hitlers verfallen konnten, verstummten. Es half ihnen auch nicht, dass sie sich aktiv dem Wiederaufbau des zerstörten und verstörten Landes widmeten. Die Grassens und Hildebrandts schufen mit ihren wortgewaltigen Anklagen erst das Klima des Verstummens und der Verstocktheit mit, das sie anschließend geißelten. Im Feuilleton und vor allem an den Schulen unterblieb weitgehend eine Diskussion, welche Faszination totalitäre Propagandamechanismen auf Menschen ausüben können. Personen wie Carola Stern, die ihre Verführbarkeit in totalitären Systemen analysierten und publik machten, blieben und bleiben die Ausnahmen.

Ein erstaunlicher Text. Denn er ist bewegend und doch seltsam zweigleisig. Da berichtet der Sohn über die offenbar biologische Altersdemenz seines berühmten Vaters. Und man ist angerührt von dem Leid und der Zartheit, mit der man hier zum Familienmitglied gemacht wird. Doch über eine seltsam mutmaßende Konstruktion wird dieser private Gedächtnisschwund zu einem Generationsleiden geweitet. Dem Beschweigen der Mitgliedschaft in der NSDAP gilt die Hauptklage des Sohns, und wir werden durch die pure Zweigleisigkeit der Argumentation – ohne daß es je direkt ausgesprochen wird – zu dem Schluß gedrängt, daß Walter Jens sein Gedächtnis buchstäblich einbüßte. Hätte er nicht wie die Anderen geschwiegen, würde er sich noch erinnern.
Mir ist nicht wohl bei dieser Schreibleistung. Ich mochte Walter Jens als Autor nie, ich fand immer, daß er seine Intelligenz selbstverliebt und selbstgerecht gebraucht. Aber es macht mich traurig, daß es so um ihn steht, wie sein Sohn uns jetzt mitteilt. Nur irritirt mich die melancholische Emphase, mit der für diese Mitteilung noch einmal die Naziverdrängung einiger bekannter Männer bemüht wird. Ich werde den Eindruck nicht los, daß hier ein Übervater eine Art Staatsbegräbnis zu Lebzeiten bekommt.

der selbst kaum was sagen kann und von anderen das Reden einfordert.
Wer hat je denen, die geredet haben zugehört, wäre nicht mit Hetze auf sie los gegangen, hätte ihre Worte nicht verdreht, hätte nicht den Besserwisser gespielt?
Wer hat es verdient, dass jemand redet über etwas, das nicht verstanden werden soll?
Wer? Nur einen einzigen bitte!

Welch unsensible Verquickung des Beginns einer problematischen, biographischen Episode im Kindes- und Jugendalter mit der pathologischen Katastrophe eines Persönlichkeitsverfalls gegen Ende eines späterhin weisen und reichen Lebens.
Steckt in dieser unnützen "Vergangenheitsbewältigung" eine geheime Glorifizierung des beachtlichen Lebenswerkes einer Persönlichkeit, die sich nicht mehr wehren kann, weder gegen Tadel noch Lob aus der Feder des Sohnes.
Warum muß er JETZT vermeintliche braune Flecke der Biographie seines Vaters ans Licht der in diesem Fall völlig indifferenten und desinteressierten öffentlichkeit zerren. Das ist: Jemandem Gewalt antun ohne Not.
Die Vergleiche mit Grass und den wenigen noch hellen Zeitgenossen einer untergegangenen Welt ist so sinnlos. Warum tut der Sohn das? Will er, mit einer inszenierten Flucht nach vorn als Stellvertreter seines Vaters dessen Leben mit nahezu verbrauchten Reiz-Begriffen noch einmal der Vergangenheit und Vergessenheit entreissen? Das läßt sich nicht aufhalten!
Sohn, si tacuisses..., dann wäre Dein Vater ein Weiser geblieben im Bewußtsein seines Volkes. Aber Du hast glücklicherweise nicht viel angerichtet. Er wird als Weiser im Bewußtsein der Menschen weiterleben.