„Das Lied der Deutschen“

Dialektische Delikatesse

Von Walter Hinck

Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)

Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874)

10. Mai 2002 Als man Peter Rühmkorf den Hoffmann von Fallersleben-Literaturpreis verlieh, erwartete man wohl keine Lobeshymne vom Preisträger auf den Namenspatron. Mit dem Autor des Deutschlandliedes ("Das Lied der Deutschen") mußte ein Schriftsteller, der eine Zeitlang in der Redaktion der linken Zeitschrift "konkret" gesessen hatte, seine Schwierigkeiten haben. Aber Rühmkorf, längst ein Stück liberaler geworden, bürdet dem Dichter des Liedes von 1841 nicht die Verantwortung für den Mißbrauch des Verses "Deutschland, Deutschland, über alles" auf, zollt der "kunstgetischlerten" ersten Strophe seinen Respekt, mißt die Forderung nach "Einigkeit und Recht und Freiheit" an den historischen Zuständen der Metternich-Ära.

Daß Hoffmann seine politischen Lieder ironisch-maskierend unter dem Titel "Unpolitische Lieder" herausgab, bewahrte sie nicht vor der Konfiskation und den Dichter-Professor nicht vor der Anklage des Breslauer Universitätsgerichts. Rühmkorf erkennt der Selbstrechtfertigung Hoffmanns vor diesem Gericht eine ähnliche "dialektische Delikatesse" zu wie der späteren Selbstverteidigung Brechts vor dem "Kongreßausschuß zur Untersuchung antiamerikanischer Umtriebe" (1947). Am Germanisten imponieren Rühmkorf die Textfunde Hoffmanns bei seinen Entdeckungsreisen in die Archive; der Vagant unter den heutigen Dichtern mag den "philologischen Vaganten" von damals. Und wohl niemand ist berufener als Rühmkorf, der Sammler von Kinderreimen, von "Volksvermögen", Hoffmann von Fallersleben als einen Klassiker des Kinderlieds vorzustellen.

Im Titel des Heftes "Das Lied der Deutschen" findet sich kein Hinweis auf den Essay, der mehr als die Hälfte des Heftumfangs einnimmt: "Auf dem Hochseil - Der Schriftsteller Peter Rühmkorf". Der hier so bescheiden zurücktritt, ist der Herausgeber der "Göttinger Sudelblätter" selbst. Heinz Ludwig Arnold porträtiert einen Autor, dessen jugendlicher antiautoritärer Impuls nie erlahmte, der aus seiner politischen Überzeugung nie ein Hehl machte, aber zu sehr Künstler blieb, um sich irgendeinem Dogma und der Forderung nach dem "Gedicht als Waffe" zu beugen, der den terroristischen Angriff auf die Gesellschaft ablehnte, aber auch nicht (wie der Herausgeber von "konkret" und Mann von Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl) von der Position des Linksaußen in die des militanten Konservativen rochierte - Arnold porträtiert einen Autor, der dem gesellschaftlichen Engagement nicht den poetischen Selbstausdruck geopfert hat.

Aber zu reden ist am Schluß vom Herausgeber der Reihe. Die "Göttinger Sudelblätter", so genannt nach den Tagebüchern Lichtenbergs, haben sich inzwischen als eine profilierte Essayreihe Achtung verschafft. Hier versammeln sich Schriftsteller (wie Rühmkorf, Günter Kunert, Hans Joachim Schädlich oder Herta Müller), Philosophen (Günther Anders), Literaturwissenschaftler (Albrecht Schöne, Ruth Klüger) und Kritiker und Essayisten (Heinrich Vormweg, Hans Wollschläger oder Hanjo Kesting) wie zu einem Symposion in memoriam Lichtenberg. Frei nach Brechts Laotse-Legende: Darum sei der Arnold auch bedankt: / Er hat's ihnen abverlangt.

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Das Lied der Deutschen
von Rühmkorf, Peter
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Peter Rühmkorf: „Das Lied der Deutschen“. Wallstein Verlag, Göttingen 2001. 46 S., br., 14,- Euro.



Buchtitel: Das Lied der Deutschen
Buchautor: Rühmkorf, Peter

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.05.2002, Nr. 107 / Seite 44
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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