Abrechnung mit '68

Wir protestieren!

Von Claudius Seidl

20. Februar 2008 Dieses Buch ist eine Unverschämtheit - als ich zum ersten Mal hörte von Götz Alys Projekt, wollte ich sofort, schriftlich, protestieren.

Verehrter Herr Professor Aly, so hätte mein Einspruch angefangen, das geht entschieden zu weit: dass jetzt die 68er mit den 68ern abrechnen! Das haben doch längst wir getan, wir Nachgeborenen, vor mehr als zwanzig Jahren, als wir die Sinnstiftungsinstitutionen und Kulturbetriebsstätten belagerten - und dort saß auf jedem verfügbaren Stuhl der Hintern eines 68er Veteranen.

Dass ich den Brief dann doch nicht geschrieben habe, lag vor allem daran, dass unsere Gegnerschaft damals ja weniger den 68ern gegolten hatte als dem, was aus ihnen geworden war: seltsam melancholische Existenzen, traurige Leute, welche, obwohl sie die Meinungsmacht erobert hatten, fest daran glaubten, dass ihre Revolte gescheitert sei, Männer und Frauen, die in jeder Hinsicht ästhetische Probleme aufwarfen, schon mit ihrem Habitus; aber auch dadurch, dass Mauern von Ideologiekritik ihnen den Blick auf alles, was schön war, versperrten.

Er war dabei

Götz Aly war 1968 dabei. Er kam im Herbst aus München nach Berlin, studierte am Otto-Suhr-Institut in dessen schlimmsten Zeiten: als liberale Professoren den Studenten für Faschisten galten und zurückgekehrte Juden sich als Imperialistenknechte beschimpfen lassen mussten; und an einigen der (wie er es nennt) Ekelhaftigkeiten war er selber beteiligt.

Man bekommt also, wenn er über das Thema 1968 schreibt, gewissermaßen den dreifachen Aly: Er ist Zeitzeuge. Er ist handelnde Person. Und er ist Historiker, und als solcher hat er Akten studiert, aus dem Bundeskanzleramt, dem Bundesinnenministerium, auch Akten des Verfassungsschutzes. Es sind, gewissermaßen, die Aufzeichnungen der Gegenseite - und wer daraus aber den Vorwurf ableiten möchte, Götz Aly habe einseitig recherchiert, sollte vorher zwei seiner Forschungsergebnisse zur Kenntnis nehmen.

Ungebärdige Söhne

Erstens nämlich brachten Staat und Politik ein erstaunlich großes Verständnis auf für den Zorn der Studenten. Kurt Georg Kiesinger nannte sie „meine ungebärdigen Söhne“. Es waren die sogenannten Normalbürger, die gern, laut und häufig die Todesstrafe, zumindest aber KZ-Haft oder Prügel für die Studenten forderten.

Und zweitens, so berichtet Aly, hätten jene, die am dringendsten die Revolution, zumindest aber die Machtergreifung in West-Berlin angehen wollten, später mit großer Umsicht die eigenen Lebensläufe redigiert, beschönigt und begradigt. Da, wo die Quellen aber zugänglich sind, wo sich, nur zum Beispiel, jeder im Archiv das legendäre „Kursbuch“-Gespräch aus dem Oktober 1967 besorgen kann - Hans Magnus Enzensberger, Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Christian Semler entwerfen schon mal das Leben im Sozialismus -: Da spricht fast alles, was sie sagen, so heftig gegen die Beteiligten, dass es die Argumente ihrer Gegner gar nicht brauchte.

Die letzte Zuckung des Totalitarismus

„Unser Kampf“ heißt Alys Buch, im Untertitel schlicht und verständlich „1968“; und die steile These lässt sich wohl so zusammenfassen: Die Revolte habe nicht etwa die Demokratisierung und Modernisierung der Gesellschaft gebracht, die Befreiung der Individuen und den Anstoß für die fälligen Reformen (wie die Veteranen die Folgen gern deuten). Vielmehr sei sie die letzte Zuckung des Totalitarismus gewesen und der letzten großen Jugendbewegung, dem Nationalsozialismus, so ähnlich, dass man beim Studium der Zeitzeugnisse einen Schrecken bekomme. Die Gewaltbereitschaft, der Kult um den Massenmörder Mao Tse-tung, der antibürgerliche Furor, der Hass auf Amerika und der Terror gegen die sogenannten Scheißliberalen, speziell gegen die Modernisierer und Reformer an den Universitäten, das alles unterscheide sich vom Wirken der Nazis vor deren Machtergreifung eigentlich nur dadurch, dass die Revolte von 1968 gescheitert sei.

Ja, möchte man da sagen, danke - im Licht solcher Thesen erscheint es nicht mehr ganz so erstaunlich, dass Horst Mahler, der erst der Anwalt der Studenten war und dann der Kopf der RAF, sich heute, ganz offen, zum Nationalsozialismus bekennt. Und Bernd Rabehl, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin, nennt, was er und sein Freund Rudi Dutschke damals wollten, heute die nationale Revolution: „In letzter Konsequenz bin ich meinem Denken von damals treu geblieben, nur dass sich inzwischen die politischen Positionen verschoben haben. Was früher als ,links' angesehen wurde, gilt heute als ,rechts'.“

Terror an der Universität

Alys Buch ist am stärksten (und am schrecklichsten) in den Passagen, in denen er, aus eigener Anschauung, den Terror an der Universität beschreibt, wo der Lehrkörper nach Ansicht der Studenten aus Schweinen besteht - und Richard Löwenthal, der Politikwissenschaftler, Jude, Sozialdemokrat, der Mann, der schon in den zwanziger Jahren, weil seine wissenschaftliche Arbeit sich nicht entlang der Parteilinie bewegte, aus der KPD ausgeschlossen wurde, Richard Löwenthal sei das größte Schwein.

Alys Buch ist am absurdesten da, wo er aus dem „Kursbuch“-Gespräch und anderen Machtergreifungsphantasien zitiert: Die Juristen werden abgeschafft, die Spezialisten auch, Bürokraten abgeschoben. „Wo es ganz klar ist, dass eine Umerziehung unmöglich ist, etwa bei älteren Leuten und bei bestimmten Verbrechen, da sollte man den Betreffenden die Möglichkeit geben, auszuwandern“, sagte damals Rabehl.

Vernichtete Karrieren

Und am schwächsten ist das Buch, wo Aly versucht, die Bewegung von '68 in der Bewegung von '33 zu spiegeln. Ja, beide hatten einen Hang dazu, bedrucktes Papier zu verbrennen. Manchmal ähnelten sich die Begriffe. Aber der Kommandoton, die schneidige Selbstgewissheit und die Intellektuellenfeindschaft der nationalsozialistischen Studenten waren doch das Gegenteil dessen, worum es 1968 ging: die endlosen Diskussionen, die Skepsis gegenüber allem, was wie Macht, Hierarchie, Führung aussah. Man kann es auch so sagen: In der SA begannen Karrieren, im SDS wurden sie vernichtet.

Was schon auf den schwächsten Punkt in Alys Argumentation verweist: Von wem ist hier überhaupt die Rede? Die ironischen Aktionen der frühen Kommune I passen so wenig ins Konzept wie der Lärm eines Jimi-Hendrix-Konzerts oder der Ernst all jener, die 1967 von den Schüssen auf Benno Ohnesorg erschüttert wurden und trotzdem 1969 brav die SPD wählten. Götz Aly macht es den Veteranen zu leicht, sich nicht von ihm gemeint zu fühlen. Er nährt immer wieder den Verdacht, sein Buch handle nur von Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und ein paar anderen, die zu verklemmt und zu verbohrt waren, sich auch dem Hedonismus jener Jahre hinzugeben, dem Sex, dem Rausch, dem Krach, der aus den Verstärkern kam. „Pleased to meet you, hope you guess my name. But what's puzzling you is the nature of my game.“ Am Ende wäre es ein genaueres (und tieferes) Buch geworden, hätte Götz Aly seine eigene politische Biographie geschrieben.

Auch was das Scheitern angeht, muss Aly widersprochen werden. Revolutionen werden notwendig, wenn die alten Institutionen dem ökonomischen Fortschritt im Weg stehen, und genau das ist damals geschehen: Kirche und Familie, die Bedeutung von Herkunft, Tradition, Bildung, die Universität der Magnifizenzen - all das wurde erfolgreich bekämpft von den Studenten, im Glauben, diese Institutionen seien die Werkzeuge des Kapitalismus.

Es waren aber seine Fesseln.

Götz Aly: „Unser Kampf. 1968“. S. Fischer, 254 Seiten, 19,90 Euro



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.02.2008, Nr. 7 / Seite 31
Bildmaterial: AP

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