Eine literarische Sensation

Das Geheimnis des Stefan George

Von Frank Schirrmacher

03. August 2007 Niemandem glauben, der behauptet, Stefan George sei vergessen. Nicht zustimmen, nur weil man seine Gedichte nicht kennt. Georges Werk ist gegen das Vergessen immunisiert wie vielleicht kein anderes. Das hat zu tun mit jener Frühlingsnacht vor dreiundsechzig Jahren, als nach einem verheerenden Bombenangriff in Wannsee ein Oberstleutnant namens Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf den Balkon trat, die Brände betrachtete und Verse aus Stefan Georges Gedicht „Der Widerchrist“ zitierte.

Es hat zu tun mit dem Foto, das den siebzehnjährigen Claus mit George im Berlin der zwanziger Jahre zeigt. Es hat zu tun mit jenem Dezembertag vor vierundsiebzig Jahren, als bei Locarno Claus von Stauffenberg und sein Bruder Berthold die Totenwache am Sarg Stefan Georges hielten - eine Szene, die noch kein Film gebannt hat und die die Grenzen des Vorstellbaren überschreitet: wie da im Winter 1933 die Stauffenbergs inmitten aller George-Freunde, Nazis und Nichtnazis, Verfolgter und fast schon Verfolger, die Wacht halten, wie der Kranz vom Deutschen Reich eintrifft, gesandt vom Genfer Geschäftsträger Ernst von Weizsäcker, eine Ehrenbezeugung, deren Hakenkreuzemblem sofort Streit auslöst.

Der allerletzte Erbe des Dichters

Am frühen Morgen, aus dem Exil in Florenz kommend, steht in der Tür der fast erblindete Karl Wolfskehl, so hilflos und hilfsbedürftig, und gleichzeitig so wortstark, dass er manchen der Anwesenden an einen verirrten Homer erinnert. Der jüdische Arzt Walter Kempner ist dabei, der George bis zuletzt versorgt hat. Er wird kurz darauf nach Amerika flüchten, sein Bruder Robert kehrt 1946 als Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zurück. Da sieht man Robert Boehringer, ein Nazi-Gegner ohne Kompromisse, er gilt als der schönste junge Mann des George-Kreises und wird der allerletzte Erbe des Dichters. Boehringer wird lange nach dem Krieg dem jungen Richard von Weizsäcker eine berufliche Chance geben.

George kann aus Bibliotheken und Buchhandlungen aussortiert und literarisch vergessen werden; aber er ist längst nicht mehr Literatur, er ist durch seinen Zögling Stauffenberg übergetreten ins Reich der Realgeschichte. Aus ihr verschwindet er so lange nicht, solange Hitler nicht aus ihr verschwindet. Der Dichter, der zu Lebzeiten behauptet, keinen Wert auf viele Leser zu legen, braucht kurioserweise keine interessierte Nachwelt, um zu überdauern. Nie wird restlos aufzuklären sein, in welchem Umfang der bereits elf Jahre zuvor gestorbene Dichter die Schritte des Grafen Stauffenberg lenkte; doch dass er und sein Bruder die Kraft für die Tat aus dem Dasein Georges bezogen, ist unstrittig. Unklar war nur, wie weit sich das eifersüchtig von George gehütete „Geheimnis“, die innerste Botschaft seiner Lehre, je würde entschlüsseln lassen.

Küsse und Jugendwahn

Was hat er mit den Leuten gemacht? Was meint seine Rede von „Geliebtem“ und „schönem Leben“, diese Küsse und dieser Jugendwahn, welches Mysterium entzieht sich uns bis heute und hat die Jahrhunderttat motiviert? „Das Kapitel deutscher Geistesgeschichte, das ,George - Hitler - Stauffenberg' heißt, wartet noch darauf, geschrieben zu werden“, notierte Sebastian Haffner in seinen „Anmerkungen zu Hitler“.

Dieses letzte Kapitel liegt nun vor; geschrieben hat es Thomas Karlauf. Heute beginnt die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem auszugsweisen Vorabdruck seiner Biographie Stefan Georges. Es gibt bisher keine andere, die den Namen verdiente. Sieben Jahre lang hat Karlauf an dem Buch gearbeitet. Ihm kam zugute, dass das George-Archiv unter der beispielhaft kompetenten Ute Oelmann ihm auch die unveröffentlichten Quellen zugänglich machte. Anders als die Legende es will, stehen die Archive spätestens seit dem Tode von Michael Landmann nicht mehr unter Benutzungsbann.

Begegnung mit dem „Meister“

Karlauf ist Außenseiter, er arbeitet heute als Literaturagent in Berlin. Wir trafen ihn zum ersten Mal vor fünfundzwanzig Jahren in Amsterdam im Hause Wolfgang Frommels, dem, wie es seinerzeit hieß, letzten lebenden Georgianer. Frommel war ein weiterer Beweis für die ethische Kraft des Georgesches Lebenskreises: In Amsterdam hatte der Freund Max Beckmanns und Wilhelm Fraengers jüdische Kinder versteckt und mit der Zeitschrift „Castrum Peregrini“ einen geometrischen Ort für die George-Nachfolge begründet. Die Begegnung mit dem „Meister“, ein einziges Initiationsgespräch mit George hatte Frommel eigenem Bekenntnis zufolge zu dem gemacht, was er geworden war. Thomas Karlauf wurde in dieser Welt zum Verleger ausgebildet, traf noch die ältesten Georgianer, Ernst Morwitz zum Beispiel, und lauschte den Geschichten aus der Verfolgungszeit, die später unter dem Titel „Untergetaucht unter Freunden“ auch als Buch erschienen.

Karlaufs „Stefan George“ kam als achthunderseitiges Lesexemplar. Wir begannen zu blättern, wir begannen zu lesen, wir haben innerhalb von drei Tagen ausgelesen und dann wieder gelesen - und dann die Anrufe und Briefe der privilegierten Mitleser empfangen. Es war, als hätte diese Biographie eine Art elektrischen Kreislauf in Gang gesetzt, der die unterschiedlichsten Temperamente zum Austausch zwingt. Wer angesichts der Prägung seines Autors mit einem affirmativen Buch gerechnet hat, sieht sich enttäuscht. Anders noch: Angesichts der Prägung des Verfassers wiegt die Kritik, die dieses Buch an George und seinen Mystifikationen übt, noch schwerer. Diese Biographie lässt alles weit hinter sich, was in der letzten Zeit an literarischen Biographien erschienen ist. Karlaufs Buch ist so frisch und frei erzählt, so klug in seiner Argumentation und so bewusst in seinen Auslassungen, dass man dieses Stück Geistesgeschichte atemlos liest wie einen Thriller.

Päderastie als höchste geistige Daseinsform

Der radikalste Satz dieses an Radikalität nicht armen Buches steht auf Seite 394 und lautet: „Der ,Stern des Bundes' war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären.“ Das Urteil bezieht sich auf jenen Gedichtband Stefan Georges, der ihm selber der wichtigste war und mit dem seine Jünger und Gefolgsleute erzogen wurden. Und deshalb ist dieser Satz weit mehr als eine literaturgeschichtliche Provokation, die einem längst vergessenen Dichter gilt. Es geht um den Kern. Es geht um das „Geheimnis“, das keinen Exegeten, von Max Weber bis Theodor W. Adorno, ruhen ließ. Was war das Geheimnis? Was verschwieg der Kreis? „Wer heut nicht kam, bleib immer fern?“ - Etwas das wir anderen nur nicht verstanden? Und was geht uns das heute an? Das Buch, das wir in dieser Zeitung vorabdrucken, gibt die Antwort.

Karlauf beschreibt Georges Lebensweg als den Lebensweg eines Homosexuellen, der sich bei Androhung von Strafe und Gefängnis nicht bekennen konnte und nicht bekennen durfte. Und der dennoch Möglichkeiten der Praxis für sich eroberte, nicht nur im weltmännischen Berlin, dessen „fiebrige Regsamkeit“ er rühmte, und wo er zusammen mit Carl August Klein um 1895 in ausgedehnten Nachtstreifzügen nach Gleichgesinnten suchte. Stefan George ist Täter, aber sozusagen ein Täter seines eigenen Schicksals: Er gibt seine Homosexualität nicht zu, um bloß nicht in die Fänge der Justiz zu geraten. Aber er weigert sich, sie als gesellschaftlichen Makel zu begreifen. Man darf nicht vergessen, dass erst wenige Jahre zuvor Oscar Wilde in England wegen Homosexualität verurteilt wurde. „Den will ich sehen, der mich erpresst“, sagt er gesprächsweise zu Edith Landmann, als das Gespräch auf Douglas und Wilde kommt. Jahre später wird Friedrich Gundolf in seinem Namen formulieren, was „sich die teuerste Sabine unter Jünglingsliebe vorstelle, sei das Schreckbild, das Weibchen geschaffen haben, die nur sexual denken können und die Konkurrenz fürchten. Wenn Sie wirklich wissen oder wenigstens ahnen wollen, um was es sich hier handelt, rate ich ihnen, immer noch eher Plato zu lesen als die Harden-Prozesse.“

Sexuell entfesselt und rastlos

Karlauf beschreibt den sexuell entfesselten und sexuell rastlosen George ohne jeden falschen Ton, aber voller Witz und Ironie, wenn das Pathetische die eigentlich dahinterliegenden pragmatisch-sinnlichen Interessen zu sehr zu überdecken beginnt. Jungen Männern, die sich fürchten und nichts von ihm wissen wollen, rät er - die Hofmannsthal-Affäre hat es ihn gelehrt -, sich erst wieder vom dreiundzwanzigsten Lebensjahr an in seine Nähe zu begeben. Im Briefwechsel mit Gundolf, dessen dramatischste Stücke leider verbrannt wurden, taucht ein hochfahrendes, selbstbewusstes Einverständnis auf, das nur wegen der gefährlichen Außenwelt seine Intimität noch codiert. Dass „Bernhard ein rechter S. geworden ist“, und ein anderer ein rechter „s.S.“, markiert im Jargon des Kreises die Unterscheidung zwischen einem „Süßen“ und einem „sehr Süßen“. Die Vernichtung von Briefen und die Einsilbigkeit der meisterlichen Korrespondenz hat ihren Grund in der Verbrämung; Percy Gothein etwa wurde expressiv verbis verbannt, weil sein Verhalten Probleme mit dem Paragraphen 175 hätte bringen können.

Karlaufs Witz ist human, weil er aus der Perspektive einer Zeit kommt, der die sexuelle Orientierung gleichgültig geworden ist. Dennoch gefriert auch diesem Biographen zuweilen der Atem, etwa wenn der schon etwas betagte George zusammen mit Percy Gothein aus dem Gebüsch einen Jungen auf dem Kinderspielplatz beobachtet, sich dann bei dessen Eltern zum Abendessen einladen lässt, wo ihn abends der ohne Zweifel von solcher Nachstellung völlig verstörte Junge zu sehen bekommt. Der blonde Junge wird später die Kinderfigur im Gedicht „Der Tänzer“ sein. Karlauf entschlüsselt eine Reihe von Codes, die der Kreis sich gab und öffentlich, fast wie zum Spaß, unter die Leute brachte. „Zwei Jahre später wurde Rassenfosse ,der erste jüngere Freund des Dichters', heißt es bei Morwitz. In der verschlüsselten Sprache des späteren inner circle bedeutete dies nichts anderes, als dass die beiden intim miteinander waren. Daran lassen auch die erhaltenen Fragmente ihrer Korrespondenz keinen Zweifel.“

Über George hinausgewachsen

Der Eindruck wäre falsch, Karlauf halte sich mit solchen Ereignisse indiskret und sensationslüstern auf. Er tut gerade dies nicht; die nachträgliche spießbürgerliche Empörung über Vorgänge, die man erst einmal genüsslich nacherzählt, ist ihm ganz fremd. Er ist in diesem Punkt weit über George und seine Zeit hinausgewachsen. Aber er muss darlegen, was er für die Lebens- und Produktivitätsachse dieses Mannes hält, und da er der Erste ist, der wirklich in die Archive stieg, fördert er zum Teil sprachlos machendes Material zutage, das von der gewünschten Bettwäsche bis zum Aufweckritual des Dichters reicht.

Gleichzeitig aber, und das ist eine der größten Leistungen dieser Biographie, revidiert er auch die Rezeptionsgeschichte Georges. Er zeigt, dass der Dichter 1914, mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs, vor dem er als einer der wenigen warnte, den Höhepunkt seiner Wirkung erreichte. Er zeigt einen George, der Einfluss will, dem die Masse, die er so verachtet, gerade recht ist, insbesondere in den zwanziger Jahren, und dessen Verhältnis zu den Nationalsozialisten keineswegs ambivalent, sondern wohlwollend ist. Im berühmten Absagebrief an das Goebbels-Ministerium, der Ablehnung der Akademiemitgliedschaft, steht der Satz: „die ahnherrschaft der neuen nationalen bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige mitwirkung nicht beiseite“. Karlauf ist, soweit wir sehen, der Erste, der darauf hinweist, dass George seine Absage am Tage der Bücherverbrennung diktierte, ohne diese auch nur zu erwähnen - obwohl das Ergebnis seit Wochen annonciert war.

Der stärkste Zeuge

Es ist unmöglich den Reichtum dieses Buches nachzuerzählen. Immer wieder wundert sich der Leser, wie ein so unsympathisch-verachtungsvoller Mann solche Verse schreiben konnte. Es gibt darauf auch hier keine Antwort. Man wird Karlauf vorwerfen, dass er die Lyrik zu biographisch deute - und mit Blick auf die Liebesreise mit Gundolf sind es erotische Gedichte, wie sie die Literatur nach Platen nicht kennt; aber er tut es mit großer Überzeugungskraft und mit dem stärksten Zeugen, den man haben kann: George selber, der bekannte, alle seine Gedichte handelten von den Dingen, wie sie wirklich gewesen seien.

Wer Karlaufs Buch liest, weiß: Es gab kein Geheimnis. Das Geheimnis war der als Geheimnis behandelte Eros. Er konnte tatsächlich rein pädagogisch sein und wurde es gegen Ende offenbar auch. Aber immer noch sprechen die Erwählten, etwa die beiden Stauffenbergs, von „Zeugung“ und „Wiedergeburt“. Das Geheimnis war offenkundig oder leer - und mit dieser Beweisführung wird Karlauf künftig die Rezeption nicht nur Georges, sondern auch Stauffenbergs bestimmen. Es gibt kein „geheimes“ Mandat, kein Schlüsselwort, vielleicht noch nicht einmal eine Kontinuität. Wer auf George sich berief, berief sich auf eine Fiktion, nicht auf uraltes Wissen. Und dennoch: Diese Fiktion war die Ursache von Taten, und in gewisser Weise steckt darin eine der glänzendsten Rehabilitationen von Kunst im zwanzigsten Jahrhundert. Eine Geschichte, ein Gedicht, heißt das, kann die Welt verändern.

Der 20. Juli hat nicht die Welt verändert, aber unser Menschenbild. Dabei gilt: Die Stauffenbergs waren nicht nur im ideellen, auch im juristischen Sinne die Erben Stefan Georges, als sie umgebracht wurden; Berthold war der Haupterbe, Claus, für den Fall des Todes des Bruders, der Nacherbe - dass der Nacherbe vor dem Haupterben starb und beide wegen des Attentats auf Adolf Hitler getötet wurden, ist das Symbol totaler Auslöschung. Das „geheime Deutschland“, dem Stauffenbergs letzter Satz galt, wurde unterdessen in Amsterdam gelebt. Aber auch Wolfgang Frommel lebte eine Fiktion. Er ist, wie Karlauf fast erschütternd zeigt, George in Wahrheit nie begegnet, weil dieser eine Begegnung mit dem Freund des verstoßenen Percy Gothein ablehnte. Und doch hat die Fiktion, der Glaube an Dichtung, die Tat dieses Gerechten unter den Völkern ermöglicht.

Im „Buch der hängenden Gärten“ steht folgendes Gedicht:

Sprich nicht immer
Von dem laub
Windes raub
Vom zerschellen
Reifer quitten
Von den tritten
Der vernichter
Spät im jahr
Von dem zittern
Der libellen
In gewittern
Und der lichter
Deren flimmer
wandelbar



Text: F.A.Z., 03.08.2007, Nr. 178 / Seite 33
Bildmaterial: F.A.Z./Christian Thiel, Stefan George-Archiv Stuttgart

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