Zum Tod von Gregory Peck

Porträt des Helden als junger Mann

Von Andreas Kilb

Gregory Peck, 1916 - 2003

Gregory Peck, 1916 - 2003

13. Juni 2003 Der kleine Junge blickte zu den Männern auf, die er im Fernsehen sah. Der größte von allen war Captain Horatio Hornblower in Raoul Walshs Film "Des Königs Admiral", der in jenen Jahren gelegentlich an Sonntagnachmittagen lief. Hornblower war ein Held ohne Grausamkeit, ein Offizier ohne Furcht und Tadel. Mit seiner Fregatte "Lydia" bohrte er ein dreimal größeres Linienschiff in den Grund, dann zerstörte er eine französische Flotille in ihrem Hafen, ließ sich gefangennehmen, floh und kehrte auf einem gekaperten Boot zurück nach England. Dort wartete Lady Wellesley auf ihn, die lieblichste der Frauen.

Der Mann, der den Captain spielte, hieß Gregory Peck. Er hatte ein Gesicht, das nach griechischen Statuen modelliert schien, breites Kinn, volle, geschwungene Lippen, gerade Nase, starke Wangenknochen, hohe Stirn. Zugleich aber strahlte er etwas aus, das ihn dem kleinen Jungen ähnlich machte, eine gewisse Unsicherheit gegenüber anderen Menschen, die sich in einem Räuspern bemerkbar machte, welches Hornblower zumal dann hören ließ, wenn er schönen Frauen begegnete. "He-hmm." Es war, über all den Kanonendonner hinweg, das Geräusch dieses Films. Es war das Notsignal eines Jungen, der erkannt hat, daß die Kindheit zu Ende ist, und dies den anderen kleinen Jungen dieser Welt mitteilen möchte. "He-hmm." Man hat es nach Jahrzehnten noch im Ohr.

Dies muß das Glück sein

„Des Königs Admiral" (1951) ist nicht der wichtigste Film in Gregory Pecks Karriere und noch nicht einmal sein schönster. Aber auch in seinem schönsten Film, in William Wylers "Ein Herz und eine Krone" (1953), hält Peck als Nachrichtenreporter Joe Bradley diese Spannung zwischen Männlichkeit und Jungenhaftigkeit, die dadurch noch zauberischer zur Geltung kommt, daß auch Audrey Hepburn als Prinzessin Smitty nicht genau weiß, ob sie nun ein Mädchen sein will oder eine Frau. In der schönsten Szene des Films, die eigentlich eine Aneinanderreihung von Schnappschüssen ist, sieht man die beiden im Auto durch Rom fahren, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen, und man begreift, daß dies das Glück sein muß, dieses Vorbeiflattern an den Schönheiten des Lebens, ohne je irgendwo hängenzubleiben, ohne sich entscheiden zu müssen für dies oder das.

Etwas von dieser glückhaften Distanz, die man nicht mit Distanziertheit verwechseln darf, steckt auch in der Karriere des Schauspielers Peck, von dem es nicht zufällig heißt, er sei in allen seinen Rollen stets Gregory Peck geblieben und nie ganz mit einer Figur verschmolzen. So wie er sich als Ambrose Bierce am Ende von "Der alte Gringo" (1989), seinem letzten bedeutenden Film, ungerührt von seinem besten Freund erschießen läßt, um in seinen Büchern weiterzuleben, hat Peck immer ein wenig auf Abstand zu den Menschen gehalten, die er spielte; er hat mit ihnen gelitten, ohne mit ihnen zu sterben.

Diese Zurückgenommenheit, verbunden mit einem Zittern des Blicks, das er als Schauspielschüler bei Stanislawski eingeübt hatte, machte ihn in den vierziger und fünfziger Jahren zum Prototyp des verlorenen Sohnes. In immer neuen Variationen, als irrender Priester in "Schlüssel zum Himmel" (1944), als falscher Arzt in Hitchcocks "Spellbound" (1945), als schießwütiger Rebell in "Duell in der Sonne" (1946), als Dostojewskis "Spieler" (1949) und Hemingways alter ego ("Schnee am Kilimandscharo", 1952), als rasender Ahab in "Moby Dick" (1956) und trunksüchtiger F. Scott Fitzgerald in "Die Krone des Lebens" (1959), spielte er im Grunde denselben Charakter, den Mann, der sich selbst aus den Augen verloren hat und erst in äußerster Not zu sich zurückfindet, meistens dann, wenn es zu spät ist.

Der Treuhänder Amerikas

Zur gleichen Zeit jedoch, und mit den Jahren immer öfter, verkörperte Peck auch den Antitypus zu all den Verlorenen. Man könnte ihn den Treuhänder nennen. Die Grundwerte des liberalen Amerika, Brüderlichkeit, Mut, Toleranz, sind bei ihm gut aufgehoben - dem Journalisten, der sich als Jude ausgibt, um den Rassismus seiner Landsleute aufzudecken ("Gentlemen's Agreement", 1947), dem Fliegeroffizier über Europa ("Der Kommandeur", 1949) und Asien ("Flammen über Fernost", 1954), dem Kriegsheimkehrer ("Der Mann im grauen Flanell, 1956) oder Westerner ("Weites Land", 1958). Die Summe all dieser Figuren hat Peck 1962 in der Rolle des verwitweten Anwalts in Robert Mulligans "Wer die Nachtigall stört" gezogen, für die er seinen einzigen Oscar gewann. Schon sein Name, Atticus Finch, ist Programm. Mit derselben noblen Strenge, mit der Atticus seine Kinder erzieht, verteidigt er einen zu Unrecht angeklagten Schwarzen; als aber ein tollwütiger Hund durch die Kleinstadt läuft, setzt er seine Brille ab und tötet ihn mit einem einzigen Schuß. Vor kurzem erst wurde Atticus Finch in einer Umfrage des American Film Institute zum beliebtesten Kinohelden aller Zeiten gewählt. Wie man sieht, haben die kleinen Jungen von einst ihre Vorbilder nicht vergessen.

Gregory Peck, 1916 als Sohn eines Apothekers im kalifornischen La Jolla bei San Diego geboren, sah nicht nur blendend aus, er hat auch unerhörtes Glück gehabt. Eine Sportverletzung am Rücken, die für die Steifheit mancher seiner Auftritte verantwortlich sein mag, machte ihn für den Militärdienst untauglich. Als er 1943 nach Hollywood kam, hungerten die Studios nach männlichen Stars. Binnen weniger Monate hatte Peck Verträge für sechzehn Filmproduktionen unterschrieben. In den frühen fünfziger Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit, galt er als der positive Held schlechthin.

In Schönheit gefangen

"Kein Flynn oder Peck darf auf der Leinwand sterben", lautete ein Hollywoodgesetz. Als Peck sich für die Rolle des Killers Jimmie Ringo in "Der Scharfschütze" (1950) einen Bart stehen ließ, protestierte Darryl Zanuck, der Chef der Fox, gegen die Verschandelung seines Stars: "Man nimmt nicht den bestaussehenden Mann der Welt und klebt ihm einen Schnauzer an." Wie alle schönen Menschen war auch Peck in seiner Schönheit gefangen. Manchen seiner Figuren sieht man die Mühe an, die es kostet, eine Ikone zu sein. Wenn man an Robert Mitchum, den frühen Marlon Brando oder James Dean denkt, merkt man, woran es Gregory Peck gefehlt hat. Sein Spiel reicht immer nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dahinter liegt das Reich der Ekstase und des Wahnsinns, das Arkanum der Schauspielerei.

Pecks Star-Appeal war dagegen das Resultat ehrlicher Arbeit. Er sei keine Primadonna, hat er stets betont, sondern ein fanatischer Handwerker. In seinen besten Rollen verband sich dieser Perfektionismus mit einem jungenhaften Charme, gegen den man einfach machtlos war. Man wäre mit diesem Mann überall hingesegelt, nach England, Frankreich oder bis ans Ende der Welt. Einen Captain wie ihn wird es so bald nicht mehr geben.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2003
Bildmaterial: AP, dpa, obs

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