Von Kostas Petropulos
25. Januar 2005 Es muß wieder eine Selbstverständlichkeit sein, Kinder zu haben, fordert die hessische Familienministerin Silke Lautenschläger und wird dafür in der CDU als Vorreiterin einer neuen konservativen Familienpolitik gefeiert. Da keimt die Hoffnung, endlich den familienpolitischen Durchbruch zu schaffen: die staatliche Ganztagsbetreuung für Kleinkinder.
Dabei genügt bereits dieser eine Satz, um die mit der Ganztagsbetreuungsvision verbundenen Hoffnungen auf mehr Kinderfreundlichkeit als naive Illusion zu erkennen. Wer seiner Elternrolle gerecht werden will, weiß, daß es nicht genügt, einfach Kinder zu haben. Elternschaft bedeutet, mit Kindern zusammenzuleben. Zeit zu haben, um ihre Bedürfnisse, Fähigkeiten und Sorgen kennenzulernen. Sie auf ihrem langen Weg zu sich selbst und in die Gesellschaft mit Zuwendung und Wissen zu begleiten. Kurz: Eltern sein heißt, im Leben der Kinder eine Hauptrolle zu spielen.
Erwerbsarbeit als Mittelpunkt der Lebensplanung
Daß Silke Lautenschläger andere Vorstellungen hat, zeigt sich in ihrer Forderung nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Reihenfolge macht die Prioritäten klar: Die Erwerbsarbeit ist der Mittelpunkt der Lebensplanung, um den herum sich alles zu gruppieren hat - auch die Kinder. Das führt zur Forderung nach der Ganztagsbetreuung, um die Mütter zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen, die dem Arbeitsmarkt - von der Kinderlast befreit - nun umfassend wie bislang nur die Väter zur Verfügung stehen können.
Dieser Wertehorizont eint im Kern alle Protagonisten der gegenwärtigen Familiendebatte: angefangen bei Rot-Grün über die Opposition, die Wirtschaft, die Gewerkschaften bis zu den Kirchen und vielen anderen Verbänden. Allerdings unterscheiden sich die Motive. So stand der Bundeskanzler noch zu Beginn seiner Amtszeit für seinen Spruch vom Familienministerium als Ministerium für Frauen und Gedöns. Heute präsentiert er sich als Kinderfreund.
Harter ökonomischer Hintergrund
Der harte ökonomische Hintergrund seines Gesinnungswandels wird unverhüllt sichtbar: Das Land vergreist, weil die Menschen immer älter und zugleich die Kinder immer weniger werden. Damit ist nicht nur das Ende der Sozialversicherungssysteme programmiert, sondern auch der weltpolitische Abstieg der deutschen Volkswirtschaft. Genau das läßt den Kanzler und die Wirtschaft nach mehr Familienfreundlichkeit rufen, die sich zuvörderst im Ausbau der Ganztagsbetreuung dokumentiert.
Der erwünschte Wirkungsmechanismus lautet: Mehr Ganztagsbetreuung = mehr Kinder + mehr Mütter in Vollzeiterwerbsarbeit. Das dient der nach Fachkräften ringenden Wirtschaft und entlastet die Staatskasse, weil die Familien ihr Auskommen durch doppele Erwerbsarbeit absichern können und so auch kein höheres Kinder- oder Erziehungsgeld brauchen. Die Gewerkschaften, Amtskirchen und viele (Frauen-)Verbände unterstützen die Offensive aus einem anderen Motiv. Für sie findet der Mensch allein in der Erwerbsarbeit zu seiner wahren Bestimmung. Deshalb ist für sie die letzte Stufe der Gleichberechtigung erst erreicht, wenn Frauen die gleichen Karrieremöglichkeiten wie Männer haben.
Ganztagsfetischisten gegen Ganztagsmütter
Gern führen beide Lobbygruppen das Argument von der Volkswirtschaft an, die nicht länger auf die Leistungsbereitschaft gut ausgebildeter Frauen verzichten könne. Damit wollen sie freilich nicht der Kinderlosigkeit von Akademikerinnen das Wort reden. Es geht um die qualifizierten Mütter, die sich bislang dem Arbeitsmarkt verweigern und lieber ihre Kinder erziehen. Nach aktuellen Umfragen ist diese Haltung immer noch in der Mehrheit.
Diese gilt es, da sind sich die Ganztagsfetischisten einig, endlich aufzubrechen und skandinavisches oder französisches Bewußtseinsniveau zu erreichen. Ganztagsmütter werden deshalb als Vertreterinnen eines überholten Familienbilds verunglimpft. Was die moderne Mutter auszeichnet, hat die Bundesregierung im Herbst 2000 in einer Anzeige auf den Punkt gebracht: 3 K sind out - www. ist in. - Kinder, Küche, Kirche war gestern, heute ist die High-Tech-Arbeitswelt auch für Mütter angesagt.
Kinder sind Nebensache
Die Anzeige verweist auf das Grundproblem der Familienpolitik, ja unserer Gesellschaft überhaupt: Kinder sind in unserer hochindustrialisierten und global vernetzten Volkswirtschaft Nebensache. Die Beschäftigung mit ihnen ist eine Tätigkeit ohne emotionale und intellektuelle Herausforderung. Deshalb soll man den Nachwuchs ruhig den (häufig überforderten und schlecht bezahlten) Erzieherinnen in Krippen oder Kindermädchen und Tagesmüttern überlassen.
Die Haltung prägt auch das Meisterstück rot-grüner Familienpolitik: das Tagesbetreuungsausbaugesetz, mit dem bald Hunderttausende neuer Ganztagsbetreuungsplätze entstehen sollen. Im Vorfeld hatte Ministerin Renate Schmidt den Münchner Kleinkindforscher Wassilios Fthenakis ein Gutachten erarbeiten lassen. Darin räumt er dem Ausbau der Tagesbetreuung höchste Priorität ein. Allerdings plädiert er für eine Ausbildung der Erzieher auf Hochschulniveau. Im dann verabschiedeten Gesetz findet sich dazu nichts Verbindliches. Im Gegenteil: Tagesmütter werden den qualifizierten Erziehern gleichgestellt.
Kampf für den flexiblen Menschen
Hauptsache, irgendeine Betreuung. Der Kampf gegen den Fachkräftemangel und für den flexiblen Menschen hat Vorrang gegenüber einem statistisch weniger griffig zu erfassenden Phänomen namens Kindeswohl. Deshalb blocken die Regierung und ihre ökonomiegläubigen Berater wie Bert Rürup jede Debatte um ein Erziehungsgehalt für Eltern ab. Daher gibt es keine Initiative der Bundesregierung zur Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen in Führungspositionen. Darum gab es bei den unlängst durchgesetzen Arbeitszeitverlängerungen keinen Widerstand der Familienministerin.
Wenn Kinder und damit dieses Land eine Überlebenschance haben sollen, muß ein klarer Prioritätenwechsel erfolgen. Unsere Gesellschaft darf sich nicht länger nur als Dienstleistungsbetrieb für die Wirtschaft organisieren, sondern umgekehrt: Die Wirtschaft muß sich in einen gesamtgesellschaftlichen Rahmen einordnen. Für die Begründer der Sozialen Marktwirtschaft um den Vater des Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, war dies selbstverständlich. Sie wußten, die Wirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. So sei etwa ohne verbindliche ethische Grundwerte Markt nicht möglich. Diese Werte jedoch müsse die Wirtschaft aus den Bereichen jenseits des Markts beziehen: Familien, Kirche, echte Gemeinschaften und Überlieferung.
Die Keimzelle unseres Gemeinwesens
Tatsächlich belegt die letzte Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamts, daß mindestens 55 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung (etwa in Form von Ernährung, Pflege oder Betreuung) unbezahlt von Privathaushalten erbracht wird. Daß Familie tatsächlich die Keimzelle unseres Gemeinwesens und unserer Volkswirtschaft ist, bestätigt auch die Kleinkindpädagogik.
So hat der Leiter der ersten bundesweiten Kindergarten-Studie, Wolfgang Tietze, 1998 auf die unersetzliche Rolle der Eltern hingewiesen. Die erzieherische Qualität der Eltern, so sein Fazit, sei wichtiger für das Gedeihen der Schützlinge als die in Kindergärten oder Schulen. Um so erstaunlicher bleibt die Staatsgläubigkeit selbst bei angeblich Liberalen, die der Forderung nach mehr Ganztagsbetreuung zugrunde liegt.
Die Politik ist überfordert
Die Politik beweist jeden Tag aufs neue, daß sie mit ihrem Ziel, Kinderbetreuung auszulagern, überfordert ist. Bei der Umsetzung des Rechts auf einen Kindergartenplatz etwa haben sich viele Kommunen nicht gescheut, die Qualitätsstandards herabzusetzen - etwa durch größere Gruppen und weniger Personal. Der Berliner Senat ließ vor drei Jahren die Deutschkenntnisse der Abc-Schützen ermitteln. Das Ergebnis war katastrophal: Zwei von drei Kindern aus der Innenstadt konnten nicht richtig Deutsch sprechen. Fast die Hälfte der Kinder kamen aus deutschen Familien. Trotzdem beschloß der Senat, 1200 Erzieherstellen zu streichen.
Aber, so der bekannte Einwand, das fortschrittliche Ausland wie Frankreich oder Skandinavien praktiziere doch mit seiner Ganztagsinfrastruktur erfolgreich einen anderen Weg. Der dänische Soziologe Gösta Esping-Andersen etwa fordert die staatliche Tagesbetreuung, damit Kinder bei der Einschulung unabhängig von ihrer sozialen Herkunft weitgehend homogene Voraussetzungen mitbringen.
Eliminierung der Unterschiede
Doch ist die Eliminierung der Unterschiede in den Persönlichkeiten der Kinder als Ziel unserer auf Vielfalt und Eigenverantwortlichkeit angelegten Gesellschaft wirklich erstrebenswert? In Frankreich gilt der Staat traditionell als erste Instanz für die Erziehung der Kinder. Aber die Erziehung zur Anpassung und der hohe Leistungsdruck bereits in jungen Jahren, der das französische System auszeichnet, dürfte für Kinder wie Eltern hierzulande kaum nachahmenswert sein.
Wer tatsächlich will, daß junge Menschen ihre Kinderwünsche verwirklichen und mit ihrem Nachwuchs ihren Alltag selbstverantwortlich gestalten können, kommt um einen Mentalitätswechsel nicht herum. Es muß Schluß sein mit dem Ideal von Frauenerwerbsbiographien nach dem Vorbild der Männer, Schluß mit der weltfremden Parole: Kinder und Karriere sind kein Widerspruch. Beruf, Partnerschaft und Familie sind gleichzeitig nicht zu haben. Bei einer deutlich erhöhten Lebenserwartung - bei Männer liegt er derzeit bei fast 76 Jahren, bei Frauen bei 81 Jahren - und dem Trend zur Dienstleistungsgesellschaft ist der architektonische Umbau der Biographien möglich und notwendig.
Kinderrente oder Erziehungsgehalt
Erst Kinder, dann Karriere fordert deshalb die Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan. Männer wie Frauen sollten die Möglichkeit haben, in jungen Jahren Familie zu gründen, und gemeinsam ausreichend Zeit für ihre Kinder erhalten. Gekoppelt mit Teilzeitstudium und qualifizierter Teilzeitarbeit, könnten sie so die Basis für ihre spätere berufliche Karriere legen.
Unabdingbar ist dabei eine gesicherte wirtschaftliche Basis während der Familienphase, wie sie etwa durch eine Kinderrente oder ein Erziehungsgehalt angestrebt wird. Wer meint, mit Blick auf den weltweiten Wettbewerb der Wirtschaft und die demographischen Sachzwänge sich die Mühe ersparen zu können, verabschiedet sich von der Zukunftsfähigkeit unseres Gemeinwesens.
Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird derzeit politisch wie gesellschaftlich auf breiter Ebene diskutiert. Zu unserem Feuilleton-Beitrag FAZ.NET-Spezial: Wie geht es der Familie? vom 7. Januar hat Kostas Petropulos, Sprecher des partei- und verbandspolitisch unabhängigen Heidelberger Büros für Familienfragen und Soziale Sicherheit, eine Gegenschrift verfaßt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.01.2005, Nr. 21 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/dpaweb