Kriminalität in Russland

Sascha, erledige das mit der Deutschen

09. Juli 2008 Wildnisbewohner fürchten Stärke und beugen sich der Klugheit. Das Hotel im Zentrum der sibirischen Kulturhauptstadt Irkutsk wird um die Mittagszeit mit neuen Gästen beliefert, die die Maschine aus Moskau in einer durchflogenen Nacht fünf Zeitzonen weiter nach Osten verfrachtet hat. Bevor sie dieses Gipfelwerk des russischen Europäisierungsprojekts in Asien in Augenschein nimmt, gönnt sich die Gruppe ein Stündchen Schlaf, der augenblicklich eintritt. Als der Wecker klingelt, fehlt einer Reisenden die Geldbörse samt Kreditkarte, Führerschein, Presseausweis. Die Etagendame will keinen Passanten auf dem Flur gesehen haben. Der Blockieranruf bei der Kreditkartenfirma ermittelt aber schon Belastungsversuche mit vierstelligen Eurobeträgen bei einem Irkutsker Juwelier.

Der Hotelsicherheitschef, den die Düpierte aufsucht, ist ein silberhaariger Herr mit höflichen Manieren. Ob sie zu der schwedischen Delegation gehöre, fragt er mitfühlend. Denen hätten Taschendiebe soeben in der Lobby-Bar ein dickes Geldbündel entwendet, unter den Augen der Überwachungskamera. Der Flur der renovierten Zimmerfluchten sei jedoch kamerafrei, gibt der Wachmannschaftskapitän zu. Ob er ihr mit etwas Geld aushelfen dürfe, fragt der Oberaufseher dieser Hauptraststätte begüterter Wanderer. Zum Abschied hält der freundliche Mann noch eine aufmunternde Ansprache über die Schönheiten der Inseln im Baikalsee.

Im Rachen der Polizeistation

Doch bevor sie zum Naturwunder Baikal aufbricht, muss die Besucherin sich eine Polizeibescheinigung beschaffen - ohne die werden die Personaldokumente nicht neu ausgestellt. Vor drei Jahren war ihr auf einem Präsidentenempfang, den das eleganteste Hotel von Sankt Petersburg unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen abhielt, der Pass entwendet worden. Für den Fall war eine menschenleere Polizeistation zuständig, wo ein einsamer Beamter das Papier in dreißig Minuten fertig schrieb. Die Sibirienpilgerin begibt sich, in Erwartung einer Formalität, von einem ritterlichen Reisegruppenmitglied begleitet, am frühen Abend in Richtung Milizstation.

Verglichen mit Petersburg und seinen Passantenströmen, ist auf den Straßen von Irkutsk trotz Sommerwetter auffällig wenig los. Nur bei der Polizei an der Kirowstraße herrscht Hochbetrieb. Man betritt die Wache durch ein Empfangskomitee rauchender Milizionäre. Im Erdgeschoss sitzt, hinter einem dicken Glasfenster, der Diensthabende, dessen wache, leicht mongolische Gesichtszüge auf burjatische Vorfahren schließen lassen. Der Beamte hört sich die Geschichte der Ausländerin aufmerksam an. Den blonden jungen Mann, der, schmerzverkrümmt sein Knie haltend, von einem Blauuniformierten zur Tür herein und in den Keller getrieben wird, übersieht er. „Sie müssen eine Erklärung schreiben“, sagt er und schiebt ein Formular unter der Glasscheibe durch. Der Polizeikeller spuckt jetzt eine Kolonne Schwarzuniformierter aus, die, mit Schlagstöcken bewehrt, patrouillieren gehen. Ein burjatischer Buddha im Plastikhelm trägt ihnen Handschellen nach. Die Ausländerin wiederholt schriftlich ihren Bericht mitsamt der obligatorischen Versicherung, sie wisse, dass Falschanzeigen strafbar sind.

Sofort zum Dienst!

Der Schichtleiter schickt die Reisenden zu seinem Einsatzbevollmächtigten zum Verhör. Durch dessen Tür im ersten Stock dringt lautes Stimmengewirr. Als die Fremden klopfen, wird es still. Doch die Tür bleibt verriegelt.

Nach einer Weile stehen die Deutschen wieder vorm Empfangsfenster. Dort ist dem Polizeikeller ein blasses Mädchen in Seidenhemd und Goldballerinas entstiegen. Mit Gioconda-Lächeln mustert sie die Besucher. Der Diensttuende greift zum Haustelefon. „Sascha“, redet er seinen Kollegen im freundlichen Diminutiv an. „Erledige das mit der deutschen Staatsbürgerin.“ Als er hinzufügt, die Ausländerin spreche gut Russisch, klingt das fast wie eine Drohung. Doch der Einsatzbevollmächtigte hält sich verborgen. Die Deutschen suchen abermals beim Burjaten Rat. Der drückt auf die Sprechanlage. Die Durchsage „Wokin! Sofort zum Dienst!“ lässt die Wände erbeben. Die Elfe aus dem Keller strebt zum Ausgang und kehrt dem Dienstfenster ihre Rückentätowierung zu. „Du musst aber noch aussagen!“, tönt aus dem Untergeschoss eine rauhe Beamtenstimme. Sie lacht nur: „Schreib doch deine Aussage selbst!“

Was von Bedeutung ist

Die Uhr im Treppenhaus steht permanent auf elf. Es ist neun, als der Einsatzbevollmächtigte erscheint. Der Fachmann für Verhöre ist ein Zweimeterhüne mit Bürstenschnitt und hellblauen Schlitzaugen. „Mach es wie mit Iwanow!“, gibt ihm sein Schichtleiter einen Tipp. Mit klopfendem Herzen folgen die Fremden dem Ordnungshüter in einen dunklen Flur. Schweigend öffnet Wokin die Tür zu einer Schreibstube, wo es, passend zu der auf ein Sofa geworfene Plüschdecke mit Tigerdekor, wie im Raubtierkäfig riecht. Ein Autorad und ein über der Tür aufgehängtes Fahrrad mögen dem Beamten gehören oder Beweisstücke sein. Über drei Tischen hängen ein Porträt von Putin und zwei von Geheimdienstgründer Dserschinski. Ein Dserschinski blickt in ein Aquarium mit tintengrünem Wasser. Von ihm beschirmt, lässt der Muskelmann, dessen Augenschlitze schräg an der Beraubten vorbeiblinzeln, sich Bericht erstatten.

Die kauernde Haltung des Beamten verrät, dass vieles an ihm hängt. Ein Kollege bringt ein Mädchen herein und setzt sie neben ihn auf einen Stuhl. Während Wokin verhört und schreibt, taxieren ihre Augen, die grün und undurchdringlich glänzen wie das Aquarium, die späten Gäste. Sie wirkt unglücklich und reibt die Finger, als wollte sie eine Zigarette drehen. Plötzlich springt im Aquarium ein Frosch aus dem fast schwarzen Wasser. „Ist für Sie der Verlust bedeutend?“, fragt Wokin die Geschädigte. Ihr Begleiter dreht aus einem Rubelschein ein Röllchen. Sie antwortet, die Sache sei unangenehm, aber es gebe natürlich Schlimmeres. „Sie müssen sich entscheiden: Ist der Verlust bedeutend?“, insistiert der Beamte. Der Deutsche wirft dem Mädchen sein Röllchen zu, das sie unbemerkt aufhebt. „Bedeutend“, erklärt die Verhörte, die nicht hochmütig klingen will. Der Frosch rutscht in die Tinte zurück. Der Hoteldiebstahl wird jetzt die Irkutsker Kriminalstatistik verunzieren.

Die üblichen Verdächtigen

Der Verhörführer expediert das Paar zum verschlossenen Büro des Chefs für Strafsachen. Der soll die Bescheinigung schreiben. Das kann dauern, sagt der sibirische Recke zum Abschied und zieht mit seiner Nymphe von dannen. Zu den Verbrechensopfern, die den Kriminalchef erwarten, gehört auch ein athletischer Geschäftsmann, der die Fremden begrüßt wie Bekannte. Er wisse von ihrem Fall, sagt der Russe, der sich als schwedischer Staatsbürger zu erkennen gibt. Ihm habe die Hotelmannschaft einige tausend Euro abgenommen. Wegen der Videoaufzeichnung kenne die Polizei die Diebe. Doch die Schuldigen würden gedeckt. „Die Korruption ist unglaublich hier!“, ereifert sich der russische Schwede. „In Moskau oder Petersburg wäre so was undenkbar.“ Tatsächlich sind die Nobelhotels der Hauptstädte, wo Präsidentengarden nur ausnahmsweise gastieren, heute ziemlich sauber.

Um elf ziehen die Belagerer des Kriminalaufsehers ab, auch der Schwede. Den Deutschen bleibt nur ihr Burjate. Der telefoniert und meldet: „Ihnen hilft Inspektor Bragina“, wobei er die letzten zwei Silben wie eine Melodie intoniert. Die Inspektorin vom Schichtdienst sitzt im winzigen, stockdunklen Nebenraum des Kriminalchefs, bei geöffneter Tür. Sie vernimmt gerade eine Irkutskerin, der eine Firma die Wohnung wegnehmen will. Das Caravaggio-Schlaglicht einer Schreibtischleuchte fällt auf zarte Gesichtszüge, die schön mit der Polizeibluse kontrastieren. Nach Mitternacht beginnt das Verhör der Deutschen. Die Polizistin lauscht mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck. Dann bearbeiten ihre gepflegten Finger den Computer. Der Anruf eines Kollegen unterbricht das Interview. Die sanften Worte der Polizistin, ihr beinahe liebevoller Spott scheinen ihn zu beruhigen. Inspektor Bragina ruft die abtrünnige Mutter eines Untersuchungshäftlings an und redet ihr ins Gewissen. Um eins kommt noch eine bunt geschminkte Kollegin, die einen Strafrechtsparagraphen nicht versteht. Inspektor Bragina erklärt ihn.

Gestempelt und gedruckt

Um zwei Uhr nachts ist die Bescheinigung gestempelt und gedruckt. Mit dem klugen Lächeln einer Königin bestellt die Polizistin den Fremden noch ein Taxi, bevor sie sich des nächsten Opfers annimmt. Die Reisenden brechen am Morgen endlich zum Baikal auf. Am Hotelausgang tritt ihnen der Sicherheitschef entgegen. Das fand heute früh die Garderobenfrau, sagt er und präsentiert ein zeitungsumwickeltes Päckchen. Es enthält die Geldbörse ohne Geld, aber mit sämtlichen Karten und Ausweisen. Sibiriens Jäger und Sammler ernten mit Augenmaß.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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