Zum Tod von Luigi Malerba

Ein Spontangewächs verreist am liebsten im eigenen Kopf

Von Dirk Schümer, Venedig

08. Mai 2008 Was ist die Gesellschaft anderes als ein Hühnerhof? Wohl jeder, nicht nur jeder Verhaltensforscher, denkt zuweilen so über seine gackernden, aufgeplusterten, rastlos scharrenden und pickenden Mitmenschen. Luigi Malerba ist der Einzige, der aus dieser Beobachtung Literatur gemacht hat. In seiner Anekdotensammlung „Die nachdenklichen Hühner“ kommt die Menschheit gar nicht mal schlecht weg: Malerbas Hühner sind hemmungslos versponnen wie das psychoanalytische Huhn, das seinen Mutterkomplex am Ei abarbeitet; sie sind produktiv, wie das Huhn, das goldene, aber leider kontaminierte Eier legt. Sie sind fromm, wie das Huhn, das so gerne wie die heilige Johanna auf dem Scheiterhaufen enden will, es aber nur zum Broiler bringt. Und natürlich sind sie geschwätzig und anarchistisch, denn sie sind allesamt - Italiener.

Malerba, vor einundachtzig Jahren im bäuerlichen Berceto bei Parma geboren, hat sein Leben lang das Wesen der Gesellschaft in Geschichten gekleidet. Weil er mit allen Menschen plaudern wollte, hatte er auch niemals Berührungsängste mit volkstümlichen, ordinären oder gar kommerziellen Medien. In den sechziger Jahren war er Chef einer Werbeagentur und ließ einige seiner Bücher mit Reklameseiten erscheinen. Er arbeitete als Drehbuchautor für den neorealistischen Kinoregisseur Alberto Lattuada, schrieb für die Rai eine Soapopera aus dem Mittelalter, machte erfolglose Theaterstücke und verfasste zahlreiche Kinderbücher, denn die kleinen Hühnchen, deren Mist durchaus viel einbringt, sind die literarischen Gockel von morgen.

Im verlotterten Herz der Macht

Dieses bewundernswert vielfältige und zur Welt sperrangelweit offene Œuvre hat aber seit dem Erstling „Die Entdeckung des Alphabets“ (1963) auch seine dunklen Seiten. Im historischen Roman „Das griechische Feuer“ denkt sich der Autor mit der Klaustrophilie eines Piranesi in Geheimgänge, Folterkammern, Alkoven des byzantinischen Kaiserpalastes hinein. Hier wie auch im prall verlotterten Rom giftmordender Kardinäle („Die nackten Masken“) drang Malerba ins Herz der Macht vor: Sie schafft Futter und Obdach, wird aber allzeit eklig bis gewalttätig, und man muss schon ein aufmüpfiges und listiges Huhn sein, um nicht im Suppentopf der Regierenden zu landen. Solcher schlauen Überlebensstrategie verdankt sich auch Malerbas Einsatz fürs scheinbar Marginale, wenn er für aussterbende Tiere oder darbende Dialekte stritt.

„Malerba“ - standesamtlicher Name: Luigi Bonardi - bedeutet nicht zufällig „Unkraut“, und mit der wuchernden Vitalität eines stachligen Spontangewächses meldete sich dieser Autor als Literaturkritiker, Reiseschriftsteller, Psychoanalytiker bis zuletzt zu Wort. Dieser Schreibprofi, der in Rom Karriere gemacht hatte, zeitlebens vom Käse- und Schinkenparadies Parma träumte, sich aber am liebsten in sein umbrisches Landhaus bei Orvieto zum Schreiben zurückzog, gehört zu jener unausrottbaren Spezies italienischer Kommunikationstalente, die endlos mit der Sprache und deren Tradition spielen, um die Wirklichkeit, wenigstens etwas, aus den Angeln zu heben.

In Deutschland endet solches ästhetische Unterfangen meist in Aufruhr oder in schwarz vergrübelter Romantik. Im mediterranen Licht hingegen gedeihen milde Spinner, die gerne im eigenen Kopf verreisen und mit antiken Querköpfen wie mit Romanrittern ironische Dialoge anzetteln. Neben Italo Calvino, Antonio Tabucchi, Umberto Eco, Daniele del Giudice bevölkert diesen lateinisch gackernden Hühnerhof der Literatur auch der große Luigi Malerba, der in der Nacht zum Donnerstag in Rom gestorben ist. Das köstliche Omelette seiner Werke wird ihn lange überdauern.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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