07. März 2007 Der russische, am Karlsruher ZKM lehrende Kulturtheoretiker Boris Groys hat letztes Jahr ein turbulentes, abgründiges Buch geschrieben. Doch anders als seine abgründigen Bücher zuvor, über Stalin als Gesamtkunstwerk oder Über das Neue etwa, blieb Das kommunistische Postskriptum bisher fast ohne Echo. Es sah so aus, als sei die Lust am Originellen und Aphoristischen, die Groys' Leser von je spaltete, diesmal ganz richtungslos, eine bloße Spitzfindigkeit über ein ohnehin obsolet gewordenes - und außerdem genügend erforschtes - Phänomen. Groys glaubt in der stalinistischen Sowjetunion das platonische Ideal der Philosophenherrschaft verwirklicht; der Dialektische Materialismus entspreche nämlich mustergültig dem Kriterium, das Sokrates für den wahren Philosophen aufgestellt habe: ausdrücklich paradox zu sein (anstatt wie die Sophisten die Widersprüche bloß zu verbergen).
Den Inbegriff dieser Regierungsform erkennt Groys in der Generallinie Stalins, die aus Ideen sowohl der Linken wie der Rechten zusammengesetzt war. Das mit dem Tod geahndete Gedankenverbrechen habe also nicht darin bestanden, eine linke oder rechte Position einzunehmen, sondern zu glauben, dass deren jeweiliges Gegenteil nicht genauso richtig sei. Die sowjetische Paradoxie habe ihre Krönung dann dadurch erfahren, dass sie am Ende auch deren Kontext, also den Kapitalismus, einbezogen habe. Doch die Überzeugungskraft dieser letzten Pointe leidet erheblich darunter, dass ihr unbestreitbares, durch keine weitere Gedankendrehung aufhebbares Resultat die Selbstabschaffung der Sowjetunion war. Haben sich die wie auch immer hergeleiteten dialektischen Selbstsuggestionen da nicht schließlich doch an der nackten ökonomischen Wirklichkeit gebrochen? Hängen die ganze Virtuosität und die behauptete Aktualität des Themas damit nicht völlig in der Luft?
Die Meister der Paradoxie
Es gibt indessen einen Ort, der in dem kleinen Buch fast gar nicht vorkommt und an dem sich seine aberwitzige Logik doch auf frappierende Weise bestätigt findet: China. Hier, im Land der sozialistischen Marktwirtschaft und der demokratischen Diktatur des Volkes, herrschen die philosophischen Meister der Paradoxie weiter. Im Westen hat man die seit Ende der siebziger Jahre offensichtlichen chinesischen Widersprüche gern herunterzuspielen und zu banalisieren versucht. Man hat die marktwirtschaftlichen Reformen unter dem Dach einer kommunistischen Regierung etwa lange Zeit als Beginn einer umfassenden Liberalisierung gedeutet, an deren Ende zweifellos ein mehr oder weniger westlicher Zustand stehen werde. Oder man hat die Marktdiktatur als zynische Machtstrategie interpretiert, deren Erfolg es der herrschenden Klasse erlaubt, an der Macht zu bleiben, mit dem Kommunismus als bloß nominalistischer Façon de parler. Beides sind Versuche, das skandalöse Paradox in vertrauten Verhältnissen aufzulösen - seien es kapitalistische oder realsozialistische.
Doch beide Annahmen stellen sich spätestens seit dem Amtsantritt des jetzigen Staats- und Parteichefs Hu Jintao (aber eigentlich auch schon lange zuvor) als verfehlt heraus. Trotz der rapide fortschreitenden Pluralisierung der Wirtschaft und weiter Teile der Gesellschaft kann von einer Liberalisierung des Staates keine Rede sein, im Gegenteil: Das Monitoring, wie die Partei heute managementmäßig ihre Kontrollarbeit nennt, wird fortlaufend professionalisiert und perfektioniert; jeder Schritt zu mehr Bürgerbeteiligung - solche Schritte gibt es durchaus - wird durch mehr staatliche Einbindung zugleich eingehegt. Und der Marxismus, von dem man in den letzten Jahrzehnten glauben konnte, dass er auch den Regierungsmanagern selbst eine eher peinliche, völlig bedeutungsentleerte Erblast sei, erlebt in den Führungsetagen eine überraschende Renaissance. In allen Ämtern und Parteigliederungen fanden Schulungskurse über den fortdauernden Avantgardecharakter der Kommunistischen Partei statt, und Präsident Hu fordert die Wissenschaftler mit wachsender Dringlichkeit auf, die marxistische Theorie im Lichte der gewandelten Verhältnisse neu zu formulieren.
Das alte begriffliche Besteck
Man findet im gegenwärtigen China also keineswegs die Bemühung, das Paradox nach der einen oder anderen Seite hin aufzulösen. Im Gegenteil laufen alle Regierungsmaßnahmen darauf hinaus, es zu verschärfen. Die große Frage ist, weshalb dieser offenkundige Selbstwiderspruch zu keinem massiven Legitimationsproblem, ob innerhalb oder außerhalb der Partei, geführt hat. Wenn es Kritik gab, wie bei der Studentendemonstration von 1989, dann entzündete sie sich an sozialen Problemen oder an der Korruption von Kadern, nicht aber an der mangelnden Kohärenz der Lehre. Gewiss hat dies mit der umfassenden ideologischen Ernüchterung durch die Kulturrevolution zu tun, nach der man von Großtheorien ohnehin nicht mehr viel erwartete. Doch nach westlicher Logik hätte sich diese Desillusionierung dann doch auch gegen die Partei richten müssen, die weiterhin mit dem alten begrifflichen Besteck operiert.
Dass sie es nicht tat, liegt wohl daran, dass die jetzige Regierungslinie nicht unbedingt als Kontinuitätsbruch empfunden wird. Im Westen verbindet man den Kommunismus heute weithin bloß mit seiner Utopie, einem speziellen Gerechtigkeitsversprechen, weshalb man deren unzureichende Einlösung auch gern als Verrat am Kommunismus bezeichnet; den Dialektischen Materialismus nimmt man als bloß ideologisches Beiwerk dagegen nicht recht zum Nennwert. Bei Mao schien es sich umgekehrt zu verhalten, wenn er gegen die Dogmatiker in den eigenen Reihen wetterte. Unsere Dogmatiker, schrieb er in dem Aufsatz Über den Widerspruch von 1937, sind faule Kerle; sie betrachten die allgemeinen Wahrheiten als etwas vom Himmel Gefallenes. Sie könnten nicht verstehen, dass die verschiedenen Widersprüche mit Hilfe verschiedener Methoden gelöst werden müssen.
Auch Gegensätzliches denken
Die eigentliche Antriebskraft der Geschichte liege, meinte Mao ganz im Einklang mit Lenin, in der inneren Widersprüchlichkeit aller Dinge, die es in jedem einzelnen Fall zu analysieren gelte. Insofern war der Reformer Deng Xiaoping ganz auf Maos Linie; seine grundstürzende Formel Ein Land, zwei Systeme bezog sich zunächst auf Hongkong und die Sonderwirtschaftszonen, lässt sich aber letztlich auf die dialektische Relativierung der Utopie insgesamt anwenden. Für die Bevölkerung, die auch bis 1966 jede Menge Programmwechsel erlebt hatte, war dies nichts grundsätzlich Neues.
Worin besteht dann aber noch das unterscheidende Merkmal eines solchen Kommunismus? Ist er nicht nur eine semantische Verkleidung des Pragmatismus, eines puren Willens zur Macht? Dies anzunehmen würde das Besondere der Konstellation verharmlosen. Die aus der Erfahrung der Sowjetunion abgeleiteten Kategorien von Groys sind da schon eher ein Ansatz, sich zum Nichtzusammengehörenden in eine Beziehung zu setzen. Er leitet die paradoxe Natur dieser Art Philosophenherrschaft aus ihrem die ganze Gesellschaft umfassenden Anspruch ab: Sie wolle die Ökonomie der Politik unterstellen und damit die Zahlen der Sprache. Während in kapitalistischen Gesellschaften die Sprache zur Ware werde und alle Meinungen sich nur an ihrem Verkaufserfolg messen ließen, sei die totale Versprachlichung im Kommunismus darauf verpflichtet, jederzeit das Ganze, mithin auch Gegensätzliches zu denken.
Historisch einzigartiger Zustand
Insofern erzeugt die Einbeziehung des Marktes in die kommunistische Herrschaft, wie sie jetzt in China vollzogen wird, tatsächlich einen historisch einzigartigen Zustand: Geld und Sprache, Zahlen und Worte konkurrieren da auf der gleichen Ebene um die Gesamtdeutung der Gesellschaft. Der Monopolanspruch der Partei, die die Gesellschaft auf den Begriff bringen will, unterläuft durch den gleichzeitig installierten Markt ständig sich selbst. Solange die Partei ihre Macht behält, bleibt sie indessen definitionsgemäß philosophisch und kann der Widersprüchlichkeit der Dinge immer neue überraschende Volten abgewinnen. Hu Jintao, von seiner Ausbildung her Ingenieur, betont in letzter Zeit häufig den wissenschaftlichen Charakter seiner Regierung, und er meint damit wahrscheinlich das Gleiche.
Die Empfindlichkeit, mit der die internationalen Finanzmärkte vor einigen Tagen auf den Kurseinbruch in Schanghai reagierten, machte deutlich, daß die ganze Welt heutzutage in das chinesische Paradox einbezogen ist. Denn die Korrekturen reagierten ihrerseits auf die Erwartung, dass der derzeit tagende Volkskongress wachstumsbremsende Beschlüsse fassen werde, während Ministerpräsident Wen Jiabao noch einmal betonte, China werde hundert Jahre sozialistisch sein. Was politisch daraus folgt, ist noch eine ganz andere Frage. Wenn es der Weltgesellschaft mit ihren vielfältigen Verflechtungen gelingen würde, die potentiell totalen Wirkungen dieser sehr speziellen Philosophenherrschaft auf den Einzelnen zu relativieren, wäre das schon einiges.
Text: F.A.Z., 07.03.2007, Nr. 56 / Seite 33
Bildmaterial: REUTERS
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