Von Andreas Rosenfelder
11. August 2005 Im "Kernteamforum" des Weltjugendtags ist eine Diskussion über die eingeladenen Stars entbrannt. "Cliff Richard, Klaus Lage, Giora Feidman", geht ein Redakteur des "Domradios" dort die Reihe der erwartbaren Erbauungsmusikanten durch, um sich zu unterbrechen: "Moment mal? War da nicht die Rede von einem Jugendfestival?" Ein Koordinator aus Lindlar kommentiert ohne Gnade den Auftritt der "Kelly Family" vor der Vigil mit dem Papst: "Sorry, aber heutzutage kann man doch keine Jugendlichen mit der Kelly Family locken. Ich würde da eher weglaufen und überlege wirklich, ob ich nicht später zum Marienfeld fahren soll, nur damit ich die nicht hören muß." Eine gewisse Enttäuschung über das popkulturelle Rahmenprogramm ist unübersehbar: "Der WJT sollte doch das katholische ,Rock am Ring' werden!"
Aber obwohl konsensfähigere Bands wie "U2" oder die "Söhne Mannheims" vermißt werden, läßt sich vom leicht altbackenen Musikprogramm niemand die Vorfreude auf den Weltjugendtag verderben: "Das Programm ist genial. Warum ist es genial? Weil wir - die Jugendlichen - das eigentliche Programm sind." Und die katholischen Jugendlichen passen offenbar nicht mehr hundertprozentig ins Muster der vom Weltjugendtagsbüro protegierten Sakropopkultur. Auch der bedenkliche Klangkitsch des Mottolieds "Venimus adorare eum" wird ohne geschmackliche Rücksichten als "langweilig" kritisiert und von fast jedem zweiten User den Kategorien "Geht so" oder gar "Übelste Sorte" zugerechnet. Ein vierundzwanzigjähriger Bürokaufmann aus Ratingen-Ost gibt sogar dem geistlichen Lied aus dem achtzehnten Jahrhundert den Vorzug: "Da finde ich ,Großer Gott, wir loben Dich' besser!"
Wie Woodstock und die Loveparade?
Rund dreitausend Jugendliche aus dem Erzbistum Köln arbeiten in siebenhundert Kernteams, die aus jeweils fünf Köpfen bestehen, an der Vorbereitung des Weltjugendtags mit - und sie legen großen Wert darauf, die Definition ihrer Kultur selbst in die Hand zu nehmen. Kurz vor dem Weltjugendtag treffen sich rund vierzig Kernteamer, die im Internetforum unter Alias-Namen wie "DEGFanGregor" oder "MadDoc" schreiben, in einem Kölner Brauhaus an der Luxemburger Straße. Ein sechsundzwanzigjähriger Polizist, eigens aus Bayern angereist, ruft eine Vergleichsgröße zum Weltjugendtag auf: "Was gibt es außer der Loveparade in dieser Größenordnung?" Und ein zweiunddreißigjähriger "Kernteam-Senior" aus Düsseldorf führt noch die Matrix aller Veranstaltungen dieser Art an: "Der Weltjugendtag wird ja gerne mit Woodstock verglichen. Wenn es am Wochenende regnet, haben wir den gleichen Matsch auch auf dem Marienfeld."
Nicht nur der siebzehnjährige Schüler aus Lindlar, der auf seiner Profilseite Basketball und Journalismus als Hobbys angibt, glaubt, daß sich die kirchliche Jugendkultur gewandelt hat - und daß der Weltjugendtag ein Motor dieser Veränderung war. Früher sei das Milieu junger Katholiken als seltsames Paralleluniversum beäugt worden: "Was sind das für Freaks, die in Jesuslatschen herumlaufen und den ganzen Tag zu Hause sitzen?" Dieses Klischee aber verliere seit den neunziger Jahren an Boden. Als einschneidendes Erlebnis werden immer wieder die Sprechchöre auf dem letzten Weltjugendtag in Toronto zitiert, wo die Menge plötzlich skandierte: "John Paul Two / We Love You!" - woraufhin Johannes Paul II. wie ein echter Popstar aus dem Stegreif gereimt haben soll: "John Paul Two / Loves You Too!"
Es gibt eine junge Kirche, und sie lebt
Der bayerische Polizist, der hinter dem Alias "MadDoc" hervortritt, berichtet bei Tisch von einer augenöffnenden Fußwallfahrt nach Altötting: "Das ist ein Gemeinschaftsgefühl, das kann man nicht in Worte fassen." Zum archaischen Erlebnis der Wallfahrt - "auf den letzten Metern fällt alles Belastende ab" - sei in der Basilika eine Festival-Atmosphäre mit Iso-Matten und La-Ola-Wellen gekommen, die ihm klargemacht habe: "Es gibt eine junge Kirche, und sie lebt."
Im Jugendheim der Gemeinden St. Mechtern und St. Joseph im westlichen Stadtteil Ehrenfeld kann man den Alltag der jungen Kirche besichtigen. Im Keller gibt es einen Partyraum mit imposantem Anlageturm und Netz an der Decke, für die Rückwand des kahlen Raumes haben die Jugendlichen liebevoll einen schillernden CD-Vorhang aus alten AOL-Gratis-CD-Roms gebastelt. Im Aufenthaltsraum sitzen drei engagierte KJGler auf den Sofas, zwei Mädchen und ein Junge, alle siebzehn Jahre alt. Sie haben Erste-Hilfe-Kurse und Leiterscheine gemacht und organisieren Kinderdiscos, Jugendpartys und Freizeiten. Das Trio, das in den nächsten Tagen mit der Unterbringung der brasilianischen Partnergemeinde beschäftigt ist, steckt nicht so tief in der Organisation und kann den Weltjugendtag deshalb auch aus Konsumentenperspektive erleben. Man will sich zum Beispiel auf dem Feel-the-Spirit-Gelände unter der Mülheimer Brücke den Robbie-Williams-Imitator Michael Niess alias "Mr. Williams" anschauen und mit den Brasilianern durch die Altstadt ziehen.
Benedikt XVI. mit Hochspannung erwartet
Auch die Ehrenfelder Jugendlichen haben die Videos vom Weltjugendtag in Toronto gesehen: "Es war überwältigend, so viele Leute aus aller Welt an einem Ort zu sehen", sagt das eine Mädchen. "Auch wenn ich nicht ganz verstehen kann, warum einige in Ohnmacht fallen oder rumheulen." Für die drei Schüler ist Kirche vor allem ein Rahmen für soziale Erlebnisse. Das Sakrament der Beichte fiel früh weg, und auch das Beten spielt keine besondere Rolle - "jedenfalls nicht bewußt, nicht im kirchlichen Sinn", wie der Junge mit dem weißen T-Shirt und der Gelfrisur erklärt. Den Abschlußgottesdienst mit Benedikt XVI. erwarten die drei Jugendlichen trotzdem mit Hochspannung - und wandeln jenen geflügelten Spruch freundlich ab, mit dem der Kölner Fußballtrainers Erich Rutemöller 1991 Frank "Otze" Ordenewitz aufforderte, eine Rote Karte zu provozieren: "Mach et, Ratze!"
In der geräumigen Wohnung von Dominik Meiering, Kaplan der Pfarrgemeinde St. Agnes, versammelt sich eine ganze Gruppe junger Gemeindemitglieder. St. Agnes in der Nordstadt ist während des Weltjugendtags ein "Geistliches Zentrum" und wird in dieser Zeit von der Gemeinschaft der Brüder von Taize betreut. Außerdem dient das neugotische Gotteshaus als "Nationalkirche" für dreitausend Pilger aus Tschechien. Die französischen Brüder bringen Ikonen und Stille mit, die jungen Tschechen kommen mit Traversen und Strahlern, Rockband und Plasmabildschirmen. In Osteuropa suche die Kirche, berichtet der junge Kaplan, den Anschluß an die Lebenswelt der Jugendlichen mit Disco, Fernsehen und Kino - hier habe man diese Phase schon in den achtziger Jahren durchlebt und orientiere sich jetzt wieder auf "Einfachheit" hin.
Der Weltjugendtag mobilisiert auf persönliche Weise
Eine siebzehnjährige Schülerin, sie trägt einen Rosenkranz um den Hals und ein Tommy-Hilfiger-Sweatshirt mit breitem Markennamen auf der Brust, trauert den Zeiten einer anbiedernden Kuscheltheologie nicht nach: "Dieses Motto aus dem Reli-Unterricht: Wir sind alle glücklich, und es ist alles toll - das war auch so naiv." Auf der letzten Jugendfreizeit in Rom habe sie mit ihren Freunden vor dem Essen gebetet und von den Mitfahrenden währenddessen Ruhe erbeten - und sich dafür die ganze Freizeit lang den Spruch "Amen, Alter!" anhören müssen. Generell hänge es sehr von der Schule ab, ob kirchliches Engagement noch als "öko" gelte oder seinen selbstverständlichen Platz zwischen den unterschiedlichen Szenen besitze. Der Weltjugendtag sei auch eine Gelegenheit, den Glauben nach außen zu tragen - und damit nicht zuletzt Respekt bei den muslimischen Bewohnern der Kölner Nordstadt zu finden, die den Westen als Reich der "Ungläubigen" betrachteten.
Jedenfalls scheint der Weltjugendtag die Jugendlichen auf eine ganz andere und weitaus persönlichere Weise zu mobilisieren als der Katholikentag oder gar der Evangelische Kirchentag, beides eher Zusammenkünfte der Innerlichkeit und des Ausdiskutierens. "Kirchentag und Katholikentag waren mal Bestandteile der Jugendkultur", sagt der Kaplan, der mittags oft in seiner Küche mit der Gruppe kocht. "Aber sie haben sich total davon entfernt." Heute seien diese nationalen Großereignisse stark von den Vermittlungsangeboten der Eltern und Lehrer aus der Achtundsechziger-Generation geprägt und böten ein "postmodernes Potpourri", ohne "einen Weg" zu zeigen. Beim Weltjugendtag dagegen lade ganz unmittelbar der Papst die Weltjugend ein. Nach einer Phase, die stark vom mitunter zweifelhaften "Neuen Geistlichen Liedgut" geprägt gewesen sein, kehre man jetzt wieder zu scheinbar überkommenen Formen zurück - und hole, um nicht die schnöden Kerzenleuchter aus dem Baumarkt zu verwenden, mit den begeisterten Meßdienern wieder die edlen alten Gerätschaften aus den hintersten Winkeln der Sakristei hervor.
Kirche als Gegenpol der Alltagswelt
Ein einundzwanzigjähriger Architekturstudent, von Kind an in St. Agnes aktiv, bekundet, Kirche sei für ihn gerade als Gegenpol zur Alltagswelt bedeutsam. Eine Heilige Messe, das bedeute "anderthalb Stunden abschalten" und "Selbstreflexion" - während das Leben sonst fast nur aus "Rumfahren" bestehe. Das kulturelle Rahmenprogramm des Weltjugendtages sei für ihn gar nicht so wichtig: "Ich brauche das nicht." Der Student trägt einen Pullover der kalifornischen Hiphopper "Ugly Duckling". Auf der Rückseite steht eine nostalgische Aufschrift, die auf ihre Weise auch eine Sehnsucht nach klaren Zeichen artikuliert: "Als die Schnürsenkel noch breit waren und Michael Jackson noch schwarz war."
Text: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 40
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb
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