Von Alex Westhoff
26. März 2008 Tarzan tat es, Zorro auch. Spiderman sowieso. Und eigentlich auch Robin Hood. Sie alle vollbrachten auf ihre Weise Großes, aber besonders die Art ihrer Fortbewegung machte sie berühmt. Sie alle kamen zügig von A nach B - auf dem direkten Wege, ohne sich unnötig lange mit Barrieren zu befassen. Ihre Nachfolger haben das Gleiche im Sinn, aber mit anderer Taktik: überwinden statt umgehen. Bänke, Bäume, Bauzäune, Blumenkübel, Geländer, Gerüste, Garagen - mit geschmeidigen Bewegungen bahnen sie sich ihren Weg. Was sie benötigen: nur eine Stadt. Umso verbauter, desto besser. Sie nennen sich Traceure - die den Weg ebnen -, ihr Tun nennt sich Parkour (siehe auch Ich möchte Pfeil einer Jugendbewegung sein)
Längst hat sich die werbende Wirtschaft von der Coolness der Traceure, die sie mit totaler Körperbeherrschung paaren, ihre Scheibe abgeschnitten. Auf Tempo geschnittene Werbespots oder Musikvideos werden inflationär mit den Künsten der Athleten aufgepeppt. Die Eröffnungsszene im jüngsten James-Bond-Film Casino Royale, die Agent 007 auf der Jagd nach einem vermeintlichen Bösewicht auf einer Großbaustelle bis hinauf in die Kräne hetzt, ist stark an Parkour angelehnt. Die besten deutschen Traceure betreiben ihr Fach derweil nicht auf einer Großbaustelle, sondern - noch besser - auf einer ewigen Baustelle: auf dem Gelände der Alten Messe in Leipzig. Es bietet ein riesiges betoniertes, zementiertes, gemörteltes, gefliestes und damit ideales Trainingsfeld für die Gruppe.
Er nimmt Anlauf und springt
Ihr Lauf beginnt am Ost-West-Kontaktzentrum, ein Relikt aus Zeiten, als dieser unwirtliche Ort die größten Handelsmessen der Welt beherbergte. Seit fast zwei Jahrzehnten zerrt der Wind an dem einstöckig-flachdachigen Bau, an einigen Stellen hat er den Blick auf das eiserne Grundgerüst freigelegt. Nun sieht es so aus, als müsste man es nur anpieksen und es fiele in sich zusammen. Sandra Hess, Weltmeisterin im Freestyle-Karate im Jahre 2001, und der Sportstudent Alex Lorenz führen die Leipziger Traceure an. Vier Athleten, zwischen fünfundzwanzig und einunddreißig Jahre alt, stehen auf dem Dach einer der riesenhaften Messehallen. Das Licht steht günstig, der Fotograf macht die irrsten Verrenkungen, um die rechts, links, oben, unten an ihm vorbeifliegenden Athleten einzufangen. Parkour lebt von Bildern.
Saut de précision nennt sich der weite Satz zu einem vorher definierten Landepunkt. Alex reibt sich kurz mit der Handfläche über den geschorenen Schädel und zupft seinen schwarzen Kapuzenpulli zurecht. Dann nimmt der kleine Mann Anlauf und springt. Wie ein Flummi. Über den Rand des Hallendachs hinaus auf das Nebengebäude. Mit einer Roullade, einer Rolle über Rücken und Schultern, um die Fallenergie abzufedern, landet er wieder auf beiden Beinen. Dann ist er aus dem Blickfeld verschwunden. Wo ist er? Da kommt er schon wieder zurück - Sprung, Roullade vor die Füße des Fotografen, Blick auf das Foto im Display. War ganz okay, oder?
Fließende Bewegungen und das gute Foto
Die Traceure zieht es wieder runter vom Dach, hin zum einstigen sowjetischen Pavillon, dem Achilleion, mit seiner markanten goldenen Spitze mit dem roten Stern. Ein massiges Überbleibsel des sozialistischen Geltungsdrangs. Hier liegt sie immer noch am Boden, die Sowjetmacht. U-D-S-S-R - die riesigen, goldgelben Buchstaben prangten mal über dem mächtigen Eingangsportal, nun gammeln und bröckeln sie hier im Gras vor sich hin. Sandra und Alex hechten auf das U, rollen sich auf seiner Oberfläche ab und springen weiter auf das D. Fließend soll der Bewegungsablauf bei Parkour sein, fließend und bruchlos ist er bei den Leipziger Athleten.
Die Buchstaben sind wie für uns hingelegt, sagt Marcus Hess, der Manager der Leipziger Gruppe. Einige der Leipziger Traceure kann man buchen: für Auftritte, Videoproduktionen oder auch als Stuntdouble. Bei der Eröffnungsfeier der Cebit legten sie gerade eine vielbeachtete Show hin. Gemeinsam mit seiner Schwester Sandra steht Marcus Hess der deutschen Parkour Association vor. Sie haben Parkour zu ihrem Beruf gemacht, organisieren Workshops, werben unermüdlich - und stemmen sich gegen den Begriff Trendsport.
Man braucht nur Arme, Beine und Kreativität
Ein Trend, sagt Sandra, geht vorüber. Wir wollen etwas Bleibendes schaffen. Mehr als zweitausend Traceure soll es in Deutschland schon geben. Genau aber weiß das niemand. Alex rutscht an der Kante des D herunter, nimmt Schwung, erwischt mit den Fingerkuppen das erste S, zieht sich hoch. Mit einem weiten saut de précision landet er weich auf dem zweiten S. Sein Bewegungsablauf erinnert an den eines Affen, manchmal an den einer Katze - auch Alex landet immer auf seinen Füßen.
Parkour ist kostenlos, und man braucht nicht viel dazu: Arme, Beine, Kreativität. Dazu noch ein Paar wache Augen; Hindernisse, reale oder konstruierte, gibt es ohnehin überall. Man muss sie nur erspähen. Seitdem ich mit Parkour begonnen habe, erzählt Alex, sehe ich die Welt mit anderen Augen.
Jede Balustrade ist eine neue Herausforderung
Auch der Betrachter der Traceure schärft unfreiwillig seinen Blick für neue potentielle Herausforderungen. Was ist mit dieser Balustrade? Könnte man diesen eisernen Mülleimer nicht irgendwie einbauen? Wo ist Alex eigentlich? Hier oben! Mit gestreckten Armen und gespreizten Beinen hat er sich zwischen zwei Betonsäulen emporgedrückt. Das Dauergrinsen weicht auch im Gewirr der Gliedmaßen fünf Meter über dem Boden nicht aus seinem Gesicht. Solange es hält, müssen wir es nutzen, sagt Susanne und schwingt sich über ein wackeliges Geländer an einem Treppenaufgang. Am Pavillon der Hoffnung steht ein nagelneuer VW unter einem breiten Fenster. Alex läuft die Wand hoch wie Jackie Chan in einem beliebigen Kung-Fu-Film, langt nach dem Fenstersims, erwischt es mit einer Hand. Gerade noch bekommt er die Kante zu fassen, umklammert sie, seine Füße suchen Halt an der Plattenfassade, aus den Sprunggelenken federnd, zieht er sich hoch. Wie eine Raubkatze kauert er auf dem Fensterbrett und lugt vorsichtig in das Gebäude hinein. Keiner da! Mit einem gewaltigen Satz schnellt er über das Auto, steht wieder mit beiden Füßen auf dem rissigen Betongrund - und grinst. Allein wie er schon geht. Es würde nicht verwundern, wenn er in das Kinderspiel verfiele: Niemand darf auf die Fugen im Pflaster treten.
Die reine Parkour-Lehre fordert Schnelligkeit und Effektivität. Salti, Radschläge und andere Showelemente sind eigentlich nicht vorgesehen. Doch längst haben sich die Stilformen der Bewegung vermischt, vermengt, verästelt. Auch die Leipziger bewegen sich längst außerhalb des puristischen Parkour, zelebrieren den Schnörkel, tun das Unerwartete. Sandra Hess war bis zur Wende Akrobatin in dem berühmten DDR-Ensemble Sportschau. Und zwar war sie die, die immer durch die Luft geschmissen wurde, weil ich die Kleinste war. Mit drei Jahren begann Sandra Hess mit Turnen, mit sechs war der Weg in den Leistungssport programmiert. Ihre Muskeln zeugen von mehr als zwanzig Jahren Wettkampf.
Gerade keine lebensmüde Stuntkultur
Das Internet begründet, stützt und befeuert die gesamte Parkour-Bewegung. Es scheint, als ob fast jeder Lauf überall auf der Welt mit der Kamera festgehalten würde. In den einschlägigen Foren verabreden sich die Traceure zu ihren Läufen und tauschen sich über angesagte Routen in ihrer Stadt aus. Das Internet ist Fluch und Segen für uns zugleich, sagt Marcus Hess. Eine sich selbst wild fortpflanzende Bewegung, die kaum Regeln kennt, keine Verbandsstrukturen und Vereinsmeierei toleriert und die Kreativität ihrer Mitglieder nach Kräften animiert, ist nicht kontrollierbar. Dabei will Parkour keine lebensmüde Stuntkultur verkörpern, keine Heimstatt für Mutprobenanfällige sein. Der Hechtsprung über den gedeckten Biergartentisch oder die wilde Hatz durch fremde Vorgärten entspricht nicht der Parkour-Lehre. Parkour heißt, seine Umwelt zu nutzen, nicht zu verändern, geschweige denn zu zerstören.
Doch die Gefahren lägen ja auf der Hand, sagt Marcus Hess. Angestachelt von den spektakulären, mit rabiater Musik unterlegten Clips, würden nämlich auch vermehrt untrainierte Jugendliche, für die Skateboard & Co schon längst Mainstream sind, den professionellen Athleten nacheifern. Doch allein die Einübung der ein Dutzend Grundbewegungen erfordere viel Training und Disziplin, sagt Hess. So kommen viele nicht auf dem schnellsten Weg von A nach B, sondern auf dem direkten Weg von A in die Notaufnahme.
Die Profis handeln uncool aber sicher
Erfahrene Traceure wie Susanne Hess und Alex Lorenz rennen und springen nie mit Vollgas ins Ungewisse. Jedes Hindernis wird vor Gebrauch genau inspiziert. Uncool, aber sicherer. Die Leipziger sehen ihr Aufbauwerk gefährdet, wenn Parkour häufig mit Unfällen und Verletzungen in Verbindung gebracht wird. Gerade jetzt wo es schon den Zeiten vorzubeugen gilt, wenn sich die Werbeindustrie an Parkour abgearbeitet haben wird und nach anderen Waghalsigen dürstet.
Auf zur Leipziger WM-Arena. Wo ist Alex? Im Halbdunkel des von Laternen spärlich ausgeleuchteten Plateaus vor dem Haupteingang ist er wieder entwischt. Da oben ist er! Alex turnt über uns auf dem Dach des Versorgungshäuschens herum.
Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 40
Bildmaterial: Karsten Uhlmann, Karsten Uhlmann
