24. Oktober 2007 Eine Szene der vergangenen Woche zeigte den amerikanischen Präsidenten, wie er vor der Gefahr eines Dritten Weltkriegs warnte. Die Technik, für man in den achtziger Jahren die Friedensbewegung kritisiert hatte, nämlich den ultimativen Schrecken durch Alltagsgebrauch zu entwerten, übernimmt nun der Mann, der über Weltkriege nicht nur reden, sondern sie auch redend auslösen kann. Solange nur Denker wie Carl Friedrich von Weizsäcker einen glücklicherweise nie eingetretenen Dritten Weltkrieg für möglich hielten (seinerzeit für die achtziger Jahre) blieb das Motiv in der Hand der Gesellschaftskritik.
Hätte damals ein Präsident so gesprochen, wie Bush es jetzt tat, hätte eine alarmierte Öffentlichkeit in dem rhetorisch schlechthin nicht mehr zu überbietenden Satz selbst eine Kriegsvorbereitung gesehen. Das betretene Schweigen heute, da Bush dem islamischen Staatsterrorismus die Genugtuung verschafft, über einen Weltkrieg zu entscheiden, gleicht dem Innehalten, mit dem man ein Kind mit einer Pistole spielen sieht.
Eine Szene in Robert Redfords Film Von Löwen und Lämmern zeigt den sympathischen republikanischen Senator, gespielt von Tom Cruise, wie er dem Finger auf einer Landkarte herumfährt und dabei beschreibt, was nun alles geschehen muss: Das muss geschehen (das war Afghanistan) und das (das war Irak), damit das nicht geschieht - und jetzt ist er in Iran. Er zählt die Bedrohungsliste auf, die Gefahr durch das Atom-Programm; und dann fällt das Wort Holocaust. Ihm gegenüber Meryl Streep, die typische linksliberale, von Watergate sozialisierte Enthüllungsjournalistin, die diese ebenfalls unüberbietbaren Sätze in ihren Notizblock schreibt.
Wirkung ohne Effekte
Wenn an diesem Mittwochabend Robert Redford zusammen mit Joschka Fischer und dem Geschichtsprofessor Heinrich August Winkler in Berlin über Von Löwen und Lämmern diskutiert, reproduziert sich gleichsam der Film selbst - anwesend ist dessen Personal als soziologischer Typus: der Politiker, der Professor und die Journalisten. Und sie werden über einen Film reden, der selbst über weite Strecken nichts weiter als ein freilich hochkonzentriertes, sich immer mehr steigerndes Wortgefecht ist. Dort reden: der Politiker (Tom Cruise), der der Journalistin (Meryl Streep) eine neue, und angeblich alle Probleme lösende militärische Geheimmission in Afghanistan verkaufen will, der linke kalifornische Soziologieprofessor (Robert Redford), der den apolitisch-antriebslosen Studenten (Andre Garfield) zum Dienst und Glauben an die Gemeinschaft überreden will.
Das klingt nach einem Kommuniquéfilm und wäre nicht der Rede wert, wären Redfords brillante Dialoge nicht so konstruiert, dass der Film die mediale Erwartung vollständig unterläuft. Sieht man genau hin, wird man feststellen, dass dieser Film, der fast vollständig auf Effekte verzichten kann, womöglich der Antikriegsfilm unserer Zeit ist. Das ist nicht mehr Apocalypse now oder Platoon; das sind immer wieder hart an der Tautologie und damit am Wahnsinn operierende Rechtfertigungen und Selbstrechtfertigungen. Die Welt dieser hier Handelnden ist frei von Zynismus, denn sie glauben an das, was sie tun.
Trauer statt Identifikation
Dieser Film tut etwas, was zur Klärung unserer gedanklichen Verhältnisse überaus wichtig ist: Er schafft einen Moment der vollständigen Offenheit. Der Senator ist kein Unhold und die Journalistin keine Heldin - all das, was die politische Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre erzwungen hat, wird hier ausgestrichen. Zwar lässt Redfords Film keinen Zweifel an seiner politischen Position, die lautet, dass der Irak-Krieg falsch und fatal war. Aber er erlaubt es dem Zuschauer nicht, dieses Urteil über Identifikation mit Helden zu finden - dass ausgerechnet der ewige Held Tom Cruise den Gegenhelden spielt, verstärkt die Verunsicherung, die dieser Film im Zuschauer auslöst. Zwei junge Studenten, die sich freiwillig meldeten, weil sie an die Rhetorik des Staates glaubten, sie sind die Löwen, die von Lämmern in den Tod geführt werden, und ihr Schicksal steht gleichsam im Action-Kern des Films. Aber Identifikation erlauben sie nicht, allenfalls Trauer.
Journalisten sollten besonders gut zusehen. Viele von ihnen leben immer noch in einem Film, dieser Film zeigt eine Wirklichkeit: Meryl Streep verlässt den Senator mit einem Scoop, aber ihr Sender wurde verkauft und der neue Eigentümer mag solche Scoops nicht; seine breaking news kommen aus Hollywood. Der Film der siebziger und achtziger Jahre hätte die Journalistin im Kampf um die Wahrheit gezeigt; in einer unglaublichen Ruhe und in einer sonderbaren Traurigkeit lässt Redfords Film offen, ob sie kämpfen wird.
Drei Generationen
Tolstoi beschreibt in Krieg und Frieden die Schlacht bei Borodino aus fünf unterschiedlichen Perspektiven. Der Blick vom Feldherrnhügel, der Blick, der eben einmal den Dritten Weltkrieg vorbereiten sieht, ist nicht nur der Blick des George W. Bush; es ist auch sehr oft der Blick der Medien. Redfords Film, der kunstvoll mit Rückblenden arbeitet, zeigt eine Perspektive der Zeit: Der Professor, die Journalistin und der Senator repräsentieren nicht nur drei Lebensalter. Sie zeigen, dass heute in der westlichen Welt, Stand 2007, drei Kriegsgenerationen nebeneinander leben: die Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebte, und für die die Atombombe der Beginn, nicht das Ende eines weiteren, kalten Kriegs bedeutete; die Generation, die durch den Vietnam-Krieg geprägt wurde (und die beispielsweise einen neuen Journalismus hervorbrachte), schließlich die Generation des Senators, die durch den Irakkrieg sozialisiert wurde. Jede dieser Generationen versagt in diesem Film und zwar genau dort, wo einst ihr Triumph lag: Robert Redford als Erzieher, Meryl Streep als Aufklärerin und Tom Cruise als Politiker, der mit chirurgischer Präzision gewinnen will, was die Generäle mit der puren Macht der militärischen Masse verloren.
Die Regierung, so erklärte Robert Redford unlängst, hat nach dem 11.September unser Vertrauen verlangt, und wir gaben es ihr. Ich hasse, was daraus geworden ist. Vielleicht ist es dies, was Redfords Film so ungewöhnlich macht. Er zeigt Bushs Welt nicht als Welt des Bösen, aber ein Chaos, in dem die Menschen fast täglich auf Neue versuchen, ihren Verstand gegen den öffentlichen Unverstand zu behaupten. Das ist in Europa, das sich allzu selbstgewiss auf der Seite der moralischen Sieger wähnt, leichter als in Amerika. Und gerade das macht diesen Film zu einem genuin amerikanischen Film. Einmal reden Tom Cruise und Meryl Streep über die Länge des Irakkrieges. Man müsse bereit sein, das Böse zu bekämpfen, auch wenn es dauert, so Cruise. Darauf entgegnet Meryl Streep: Der Zweite Weltkrieg hat weniger als fünf Jahre gedauert.
Text: F.A.Z., 24.10.2007, Nr. 247 / Seite 41
Bildmaterial: Fox
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