02. April 2006 Japan kennt eine Krankheit, die fast nur Männer ab zwanzig befällt: Irgendwann bleiben sie in ihrem Zimmer, monate- und jahrelang. Sie verlassen es, wenn überhaupt, nur nachts, um sich mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen, und bezahlen mit Geld, das ihnen die Eltern unter der Tür durchschieben. Ihr Kontakt zur Außenwelt ist durch die Bildschirme von Fernseher und Computer gefiltert. Man nennt sie die Hikikomori - die Zurückgezogenen. Zwischen 100.000 und 320.000 Männer sollen betroffen sein. Psychiater können ein Bündel von Ursachen benennen, aber es bleibt eine rätselhafte und neuartige Krankheit.
In Deutschland ist diese Krankheit unbekannt. Als Metapher allerdings drängt sie sich auf, wenn man der Frage nachgeht, wo eigentlich hierzulande die gutausgebildeten weißen Männer zwischen dreißig und vierzig sind, die sogenannten Stützen der Gesellschaft. Man muß genau hinsehen, denn sie beherrschen die Kunst, in der Umgebung zu verschwinden. Es hilft, dieser Gruppe selbst anzugehören: dann erkennt man einander.
Die sogenannten Stützen der Gesellschaft
Einiges erfährt man durch Feldstudien: wenn man eine Gruppe von mittelalten Männern beobachtet, die es gerade in den öffentlichen Raum hinausgeweht hat, beispielsweise in einen ICE-Großraumwagen. Während Rentner umständlich ihr Gepäck sortieren, Kinder toben und Touristen forschen, ob es der richtige Zug sei, sitzen sie längst - denn sie sind Auskenner, haben immer einen reservierten Sitzplatz oder beherrschen virtuos die Kunst der stummen Suche nach dem letzten freien Platz - und tauchen, ohne einen Mucks, ein in ihre persönliche, digitale Welt. Der Sitz daneben bleibt oft leer, vor allem wenn man einen professionell wirkenden Rucksack daraufpackt. Die soziokulturell bedingte Hemmung, einen erwachsenen, unfreundlich und konzentriert vor sich hin werkelnden Mann zu unterbrechen, ist immer noch beträchtlich.
Das verhindert, daß man mal prüft, was da so wichtig eingetippt wird. In der ersten Klasse, kurz vor Frankfurt, saß einmal einer, der optisch in jede McKinsey-Abordnung gepaßt hätte. Um die Vierzig, dreiteiliger dunkler Anzug, randlose Brille. Mit höchster Konzentration kümmerte er sich um das Geschehen auf seinem Think Pad. Er ließ sich auch davon nicht beirren, daß der Zug gerade auf offener Strecke stehengeblieben war und alle übrigen Mitreisenden aufgeregt umherschnatterten. Unser Mann hatte zu tun: Die Dampflok seines PC-Spiels kämpfte sich gerade durch den Schwarzwald, er mußte Kohlenverbrauch und Kesseldruck überwachen.
Ein sozialpsychologisches Klischee
Wenn so ein Zug mal stehenbleibt, ist es für uns Männer eigentlich nie ein Problem: kurze Anrufe, Blick ins Netz nach Alternativverbindungen, irgendwie geht es immer weiter; und wenn nicht - die Rechen- und Unterhaltungsmaschine hat genügend Kapazität, um einen stundenlang mit Musik und Filmen zu versorgen. Einen allein. Es ist ein sozialpsychologisches Klischee, aber es ist noch nie widerlegt worden: Wenn es etwas zu besprechen gibt, Auskünfte einzuholen und weiterzugeben sind, etwas in eine andere Sprache zu übersetzen ist oder eine Reaktion auf eine ungewöhnliche mikrosoziale Situation erforderlich wird, die im weitesten Sinne damit zu tun hat, wie sich Personen im selben Raum zueinander verhalten, dann sind es Frauen, die den Job machen. Männer machen sich unsichtbar, im Großraumwagen wie im ganzen Land.
Natürlich ist das nicht schlimm, dieses Vor-sich-hin-Spielen und bloß selektive und punktuelle Bemühen um Exzellenz. Es ist, wie man dann immer sagt, nichts dabei. Aber nichts dabei ist zuwenig. Zuwenig für das Land und zuwenig für die sozialhistorischen Ausgangsbedingungen.
Männer, die ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre in der Bundesrepublik geboren wurden, gehören zu einer der privilegiertesten sozialen Gruppen, die je auf diesem Planeten gelebt haben. Es sind in der überwiegenden Mehrheit Wunschkinder. An keinem einzigen Tag der fast vier Jahrzehnte ihres Lebens gab es weniger als drei Mahlzeiten. Die medizinische Versorgung war vom ersten Tag an die beste. Viele haben nicht einen einzigen Tag Uniform getragen. Bildung wurde ernst genommen, stets perfektioniert und reformiert. Aber was ist dabei herausgekommen?
Jede Menge Eigensinn
Erst einmal jede Menge Eigensinn. Unglaubliches Wissen und Spezialkompetenzen auf unterschiedlichsten Feldern, von den Lebensläufen der obskursten Mitglieder der abseitigsten Bands bis zur perfekten Beherrschung der Star-Trek-Kunstsprache Klingonisch. Karl May vorwärts und rückwärts, sämtliche Kursbücher der europäischen Staatsbahnen, die malayischen Börsenkurse - was sich nur messen, speichern, auflisten läßt, wird in den stets wachsenden Riesenspeicher passiven Wissens des deutschen mittelalten Mannes aufgenommen. Es ist ein Leben voll Studium und Muße, angefüllt mit der ewigen gralsritterhaften Suche nach der perfekten Beziehung, der ewigen Optimierung des Selbst, dem besseren Leben.
Hinter den Laptops sitzen keine Karrieristen. Bei fast jedem Gespräch mit meinen Alters- und Geschlechtsgenossen fallen früher oder später die Ausdrücke Sabbatical, kürzer treten, sich nicht verrückt machen lassen. Schon in der Schule sind wir, Jahre vor dem Abitur, immer wieder davor gewarnt worden, uns von Leistungsdruck krank machen zu lassen. Eine gelassenere soziale Gruppe hat es wohl selten geben.
Die Sorge um sich in neuer Blütezeit
Diese Gelassenheit wurde freilich nicht durch den mehr oder minder funktionierenden Sozialstaat verursacht. Keiner hatte große Lust, von der Sozialhilfe zu leben. Und das war ja auch keine realistische Gefahr: Westdeutsche Männer um die Vierzig mit guter Ausbildung haben ein deutlich geringeres Risiko, arbeitslos zu werden. Sie sorgen schon für sich, und mehr noch: Die von Foucault beschriebene Sorge um sich erfuhr eine neue Blütezeit. Aber darauf beschränkten sich die Ambitionen auch schon. Die Energie, die bestehenden Verhältnisse neu zu denken und zu transzendieren, fehlt gerade bei denen, die am besten dafür vorbereitet wurden, sie aufzubringen.
Ist es nicht merkwürdig, daß sich jeder Vierzigjährige an ein halbes Dutzend Technikfreaks in der Klasse erinnert, an den fiebrigen Eifer, mit dem sie die jeweils neuen Taschenrechner programmierten, neueste Computer ausprobierten und am Nachmittag selber schraubten und probierten? Das war vor über zwei Jahrzehnten. Zwei Jahrzehnte intensiver Beschäftigung mit Chips und Kisten, aber warum gibt es kein deutsches Ebay, kein Apple, kein Google, keinen einzigen deutschen PC-Hersteller mehr und nur noch eine einzige große Softwarefirma?
Fataler Hang zum schicksallosen Alltag
Der Sozialpsychologe Stephan Grünewald hat für das von ihm begründetete Rheingold-Institut mehr als 20. 000 Interviews geführt. In seinem eben erschienenen Buch Deutschland auf der Couch kommt er auch auf die deutschen Männer zu sprechen. Er stellt dort einen fatalen Hang zum schicksallosen Alltag fest, also die Weigerung davor, die mitunter schmerzvollen Konsequenzen großer Entscheidungen zu ertragen, Krisen-und Entwicklungsprozesse durchzustehen. Die charakteristischste Redewendung der Männer, die er nach ihrem Selbstverständnis befragt hat, sei: Ja, aber . . .
Das muß, so könnte man diesen Befund kommentieren, nicht schlecht sein. Ein Zeugnis entwickelten Problembewußtseins, das dazu einlädt, alle möglichen Konsequenzen jedweder Entscheidung immer wieder zu durchdenken. Denn nicht nur Gesundheit, Ausbildung und Wohlstand sind auf einem welthistorischen Höchststand, auch die moralische Ausstattung ist tipptopp. Nie waren Männer so wenig militant, kriegslüstern, rassistisch oder sexistisch eingestellt. Keiner würde auf die Idee kommen, Polen oder Frankreich anzugreifen oder Gewalt für ein Mittel der Auseinandersetzung zu halten.
Frauen stärker im analogen Lebensvollzug
Auf der Ebene der abstrakten Kompetenzen - moralische Urteilskraft, schieres Wissen, Planungs- und Organisationskapazität -, hier gibt es Bestnoten. Aber die Fähigkeit zur Übersetzung des passiven Wissens in aktiven Gebrauch ist verkümmert.
Frauen, die nicht weniger denken, schreibt Grünewald, stehen stärker im analogen Lebensvollzug - ein euphemisierender Begriff für Kloputzen, Kochen und Familientaxispielen. Aber es trifft den Kern. Deutsche Männer entwickeln sich zu Hikikomori im Zwischenraum der Überlegungen.
Vernünftiger Common sense
Es wäre schön, wenn es andere Felder gäbe, auf denen die Leidenschaft, die Besessenheit, der Fleiß sich Bahn brechen würden. Aber bei Gesprächen über die Liebe - es nennt sich natürlich Beziehung - fallen die gleichen relativierenden und zaghaften Sätze wie zum Thema Beruf und Karriere. Die Regel ist das Abwarten. Man muß nicht Demographie studieren, um zu ahnen, daß solche Männer die sofortige Gründung einer Großfamilie nicht als ihr erstes Lebensziel nennen werden. So ist es auch bei Diskussionen über die politische Lage. Es herrscht ein vernünftiger Common sense, eine hohe Informiertheit auch über Detailaspekte. Aber eben auch dieselbe Gelassenheit.
Vertreter dieser sozialen Gruppe in der Bundespolitik reizen ja auch nicht eben zu Leidenschaftssausbrüchen: Wer würde für den vierzigjährigen Hans Martin Bury demonstrieren, wer ihn als Gefahr für unser Land verteufeln? Es ist ja eh egal. Der einstige Shooting Star der SPD ist längst wieder geworden, wonach er immer aussah: ein Banker. Motto: Mal was anderes machen.
Aufgelöst wie Aspirin in Wasser
Warum ist das alles so? Fragte man die Gemeinten, würden sie schnell mit plausiblen Argumenten kommen: die überbeschützenden Mütter. Die Lehren aus Faschismus und Kaltem Krieg, also die Abscheu vor den zackigen und markigen Männerbildern von einst. Das negative Vorbild von Männern, die von ihrer Karriere aufgefressen wurden. Die Emanzipation, Zuwanderung, der Fall der Mauer haben in den letzten Jahrzehnten die Dramatik der historischen Entwicklung bestimmt, Männer wurden an die Wand gespielt. Jetzt fühlen sie sich dort wohl - solange eine Steckdose in der Nähe ist.
Vielleicht waren die Zustände auch einfach so optimal, daß an ihre Veränderung nicht im Traum gedacht wurde. Das war allerdings leichtsinnig, denn damit es so bleibt, muß es sich ändern. Frei nach Willy Brandts letzter Rede: Wer auf der Höhe der Zeit sein will, muß sich neue Antworten einfallen lassen. Das waghalsige Denken, das nötig ist, um die Gegebenheiten von Gesellschaft, Wissenschaft und Politik zu transzendieren, ist eindeutig zu kurz gekommen. Die soziale Gruppe, die die Gesellschaft eigentlich tragen und befördern soll, hat sich in ihr aufgelöst wie Aspirin in Leitungswasser.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.04.2006, Nr. 13 / Seite 25
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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