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Albert Hofmann auf einer undatierten Aufnahme
Albert Hofmann
Rausch, Krieg, Religion
Von Lorenz Jäger

11. Januar 2006 Wie für jede wissenschaftliche Entdeckung, so läßt sich auch für die des LSD eine Prophetie namhaft machen, die auf sie vorausdeutete. Der Schriftsteller Leo Perutz hatte Anfang der dreißiger Jahre einen Roman verfaßt, „St.Petri-Schnee”, in dem die Entstehung der Religion, die sich ihm als wilde, irrationale Massenhysterie darstellte, auf eine Infektion durch den Getreidepilz Mutterkorn zurückgeführt wird. 1943 entdeckte Albert Hofmann bei Forschungen, die den Alkaloiden des Mutterkorns galten - er suchte nach einem Kreislaufmittel - die bewußtseinsverändernden Wirkungen des Stoffes Lysergsäurediäthylamid, kurz LSD.

Sie sind in der Folge oft beschrieben worden: von bedeutenden Schriftstellern wie Aldous Huxley, Henri Michaux und vor allem Ernst Jünger, der mit Hofmann befreundet war. Mit dem LSD verließ der Rausch den alten eurasischen Kulturraum: Was hier geschah, war anders als alles, was man von Wein oder Bier, von Haschisch oder Opium kannte. Jünger, der LSD gemeinsam mit Hofmann einnahm, sah die Grenze zum „Mexikanischen” überschritten. Die Lockerung des Ich ging unvergleichlich viel weiter, im Katastrophischen wie im Erleuchteten. Aldous Huxley etwa, der in seinem Roman „Brave New World” schon die Möglichkeiten einer Ruhigstellung ganzer Bevölkerungen mittels euphorisierender Tränke durchdacht hatte, glaubte, jetzt erst das wahre Wesen der Welt erfahren zu haben.

Eine neue Richtung

"LSD-Papst" Timothy Leary

Es ist stiller geworden um das LSD. Wer sich heute mit Drogen beschäftigt, fragt weniger nach individuellen Erfahrungen, so glanzvoll sie sich in den sechziger Jahren darstellen mochten, weniger nach den gegenkulturellen Erleuchtungen. Eher nach der Rolle der Drogen in der Kriegsführung, etwa nach der Förderung des Marihuana-Anbaus durch die Sowjetunion zur Zersetzung der amerikanischen Streitkräfte während des Vietnamkriegs. Die Huxley-Perspektive einer chemischen Steuerung der Massen stellt sich derzeit grauer und banaler dar als in der überschwenglichen Farbenwelt des LSD, dennoch möchte man ihr eine Zukunft nicht ganz absprechen. Die in den Vereinigten Staaten verbreitete Praxis der Ruhigstellung hyperaktiver männlicher Jugendlicher durch Ritalin, die komplementäre einer Behandlung von Frauen mit Antidepressiva weist in diese Richtung.

Erst in den letzten Jahren kamen andere Aspekte einer Sozialgeschichte des LSD an die Öffentlichkeit: Die CIA hatte in den fünfziger Jahren mit der Substanz experimentiert - und als Versuchsperson dieser Organisation hatte auch der trivialere LSD-Papst Timothy Leary, dessen Erlösungsphantasien nun tatsächlich an den Mutterkorn-Roman von Perutz erinnerten, mit der Droge Bekanntschaft geschlossen. Zu den weiteren inzwischen bekannten Teilnehmern an der CIA-Operation gehörten große Matadore der Subkultur: der Dichter Allen Ginsberg, der als „Una-Bomber” bekannt gewordene Theodor Kaczynski, auch der Schriftsteller Ken Kesey, dessen Gruppen-Versuchen Tom Wolfe in dem Buch „The Electric Cool Aid Acid Test” ein Denkmal gesetzt hat. Die Geschichte des LSD stellt für künftige Historiker die Aufgabe, Psychotechniken und Drogengebrauch in die größere Geschichte des Krieges einzutragen. An diesem Mittwoch feiert Albert Hofmann seinen hundertsten Geburtstag.


Text: F.A.Z., 11.01.2006, Nr. 9 / Seite 33
Bildmaterial: dpa, AP
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