Von Joachim Hentschel
03. Januar 2005 Auch 2005 werden wieder viele CDs erscheinen, nur werden wir davon kaum etwas mitkriegen - denn das fusionierte Pop-Fernsehen spielt ja bekanntermaßen nur noch Doku-Soaps mit Sex, und die Radios hüten, trotz Quotenempfehlung des Bundes, mit Flammenschwertern altes Kulturerbe.
Kleine Plattenfirmen, die solche Ignoranz längst gewohnt sind, werden damit besser fertig werden als die großen. Im Januar schicken die Mini-Labels gleich starke Konkurrenz ins Rennen, dann erscheinen Platten von der Hamburger Aphorismen-Band Tocotronic, vom dackeläugigen Gitarren-Entertainer Adam Green und von den Folk-Existentialisten Bright Eyes.
Nostalgiker hoffen auf Oasis
Was sonst ansteht: die Rückkehr milchgesichtiger Gitarrenbands wie Coldplay und White Stripes, die dank der Hip-Hop- und Brüllochsen-Müdigkeit zu Stars werden konnten. Von Oasis, den früheren Generalsekretären britischer Coolness, erwarten viele aus reiner, fatalistischer Nostalgie wieder eine gute Platte - die Band sitzt angeblich seit Monaten über einem Haufen neuer Lieder und kann sich nicht entscheiden.
Ähnlich trostlos wird das Hip-Hop-Jahr, speziell in Deutschland, wo uns die Renaissance des Gangster-Rap einige verhaltensauffällige Angeber in Unterhemden bescheren könnte. Außerdem noch mehr deutsche T-Shirt-Bands mit gepiercten Sängerinnen, die versichern werden, sie hätten noch nie von der Gruppe Wir sind Helden gehört. Gegen die Solo-Karriere von Pur-Sänger Hartmut Engler hilft Auswandern ins Elsaß - fein, daß es wenigstens die französische Radioquote gibt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.01.2005, Nr. 53 / Seite 21
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb
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