Universitäten

Der Maturantenschmäh

Von Erna Lackner, Wien

18. Juli 2005 „Flüchtlinge aus Deutschland“, „Her mit den Piefkes!“ - so kommentieren österreichische Zeitungen den Ansturm Hunderter deutscher Studenten, die tagelang vor der Medizinischen Universität in Wien campierten, um einen Studienplatz zu ergattern.

Die Aufgebrachtheiten im Land richten sich dabei weniger gegen „die zweite Garnitur deutscher Abiturienten“, die nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes den deutschen Numerus-clausus-Bestimmungen ausweichen und ihr Glück in Österreich versuchen - und heimischen Studenten Plätze wegnehmen. Die Vorwürfe im Land gehen vielmehr gegen die Regelungswut der EU, deren Luxemburger Richter festsetzten, daß für ausländische Studenten dieselben Zulassungsregeln zu gelten haben wie für inländische.

Erlahmte Hochschulpolitik

Bislang gewährte Österreich, als einziges EU-Land, seinen Maturanten (Abiturienten) den freien Hochschulzugang. Doch kritisiert wird auch die erlahmte Hochschulpolitik der Regierung, die hastig ein befristetes Notgesetz beschloß, das den Universitäten plötzlich völlig freie Hand gibt bei Zugangsbeschränkungen in acht überlaufenen Fächern: Human-, Zahn- und Veterinärmedizin, Psychologie, Biologie, Pharmazie, Betriebswirtschaft und Publizistik.

An den Universitäten des Landes herrschen Ausnahmezustände. Mit unterschiedlichen Abwehrtaktiken und zeitschindenden Tricks wird versucht, einheimischen Studierwilligen den Vorrang zu erhalten. An der Wiener „Meduni“, die 1560 Studienanfänger aufnimmt, doppelt so viele wie etwa in München, ging dies nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“: Als nach dem seit Monaten erwarteten EuGH-Urteil am 7. Juli innerhalb von zwei Tagen 1400 Voranmeldungen aus Deutschland eintrafen, hatte man schon vorgesorgt, indem der Einschreibebeginn für österreichische Maturanten kurzerhand auf den 4. Juli vorverlegt worden war. Für die Numerus-clausus-Flüchtlinge gab es im Endspurt dann halt nur noch dreihundert Studienplätze.

Auch andere Schikanen dieser „patriotischen Regelung“ sind ein offenes Geheimnis. Ohne zugesandten oder abgeholten Überweisungsschein für die Semesterstudiengebühr, ohne verbuchte Zahlung von 363 Euro keine Inskription. Und leider dauern Überweisungen aus Deutschland auch noch länger als nationale. Die Manipulationen bei den Anmeldefristen und diskriminierende Zufälle einer solch sportiven Selektion der Schnellsten ergeben für Juristen schon Stoff für nächste Gerichtshofrunden. In Deutschland gebe es vierzehntausend Klagen auf Studienplätze und darauf spezialisierte Kanzleien, die Bewerber nach Österreich „vermittelt“ hätten, heißt es hintergründig aus dem Bildungsministerium. Die „Meduni“ Wien weist nur kühl darauf hin, daß Einsprüche vor 2007 kaum entschieden werden würden.

Deutsche? Gar nicht ignorieren!

Feine europäische Sitten sind das nicht. Das kleine Österreich fühlt sich aber in einer Notwehrsituation, von „Notmaßnahmen“ ist auch offiziell die Rede. Der Vizekanzler malte die Zahl von 63.000 deutschen Numerus-clausus-Betroffenen an die Wand. Der Deutsche Clemens Sorg, bislang Institutsdirektor an der Universität Münster und soeben neu gewählter Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck, sprach einfühlsam von den „Landeskindern“, für die eine Universität in erster Linie offenbleiben müsse.

In Innsbruck, wo sich für 550 Erstsemester-Plätze ebenfalls mehr Deutsche als Österreicher bewarben, sollen subtilere Kriterien herangezogen werden: bisheriges Engagement im medizinischen oder sozialen Bereich und auch Schulnoten. Also doch ein Numerus clausus, schleichend eingeführt? Die Bildungsministerin, seit zehn Jahren im Amt, lehnte einen Numerus clausus wie in Deutschland stets strikt ab. Dieser Tage gab Elisabeth Gehrer aber klein bei und sagte, Noten dürften nur nicht das alleinige Kriterium sein. Wegen der höchst unterschiedlichen Beurteilungen in den Gymnasien des Landes fände die Uni-Aufnahme aufgrund des Notendurchschnitts kaum Akzeptanz.

Abschieben der Verantwortung

Numerus clausus ist ein Tabuwort in Österreich, wo schon der freie Hochschulzugang für sich als eine unantastbare Bildungserrungenschaft betrachtet wird. Daß die Regierungspolitiker die auf zwei Jahre befristete Ermächtigung zu Platzbeschränkungen in acht Fächern den einzelnen, nach dem Universitätsgesetz 2002 autonom wirtschaftenden Universitäten zuschoben, wird auch als ein Abschieben der Verantwortung gesehen. Sollen die Rektoren schauen, wie sie's den Landeskindern beibringen. Und die Politiker haben mit unangenehmen Einschränkungen nichts zu tun. Das Hin- und Herschieben des Schwarzen Peters ist nicht zu übersehen. „Jahrzehntelang hat sich die Politik vor einer Diskussion zur Frage nach Zugangsbeschränkungen an Universitäten gedrückt“, sagt Wolfgang Schütz, Rektor der elftausend Studenten großen Wiener „Meduni“.

In den Augen der EU-skeptischen Bevölkerung hat den Schwarzen Peter jetzt einmal mehr das ferne Brüssel. Die EU stülpe ungleichen Nationalstaaten „den Fetisch der europäischen Gleichheit“ über, schreibt der „Kurier“. Bei der Dienstleistungsrichtlinie für den Arbeitsmarkt habe man das Herkunftslandprinzip verwenden wollen, beim Uni-Urteil sei es genau umgekehrt: Für Studenten gelten nun nicht die Bedingungen im Heimatland, wie der Numerus clausus in Deutschland, sondern die Regelungen des Gastlandes.

Bis zum 7.Juli verfuhr Österreich nach dem Herkunftslandprinzip, wonach Ausländer, die zu Hause einen Studienplatz vorweisen konnten, auch in Österreich studieren durften. Aber seit zehn Jahren, seit dem EU-Beitritt, wußte man auch, daß diese Regelung rechtlich nicht halten würde. Bilaterale Verträge zwischen Deutschland und Österreich wurden seinerzeit erwogen; aber stärker war dann in Wien doch das Schlawinertum gegenüber dem Rechtsstaat, und man wartete wie so oft einfach ab. Jetzt kündigte das Ministerium für Ende August Gespräche mit Deutschland an.

Fremd- oder Gaststudenten?

Das europäische Freiheitsgefühl der Österreicher wurde durch das EuGH-Urteil nicht gestärkt. Die Ärztekammer tat mit einer prompten Warnung vor einem drohenden Ärztemangel das Ihre dazu, Zaunpfähle aufzurichten: „Wenn wir künftig überwiegend Deutsche ausbilden und diese nach dem Studium nach Deutschland gehen, haben wir in sechs Jahren zu wenige Ärzte.“ Da mag der Philosoph Jürgen Mittelstraß lange fragen: „Wenn intelligente Leute aus dem Ausland kommen, wer sagt denn, daß die wieder gehen?“

Und auch in Wien werden Plädoyers geschrieben: für mehr Piefkes an österreichischen Universitäten - und nicht nur als Gäste oder neuerdings Kellner in Touristengebieten! -, für weniger Provinzialismus, für einen europäischen Hochschulraum, für ein Europa junger Menschen. Und für ein endlich größeres Hochschulbudget! Denn so ist es ja nicht, daß das neuerdings reiche Österreich Universitäten wie im Schlaraffenland böte. Im Gegenteil: „Unis droht Notstand, es fehlen 170 Millionen Euro“, betitelte gerade der „Kurier“ auf Seite 1 die Klagen der Rektoren, die seit der Ausgliederung der Universitäten aus dem Bildungsministerium aufgefordert sind, sich nach Einnahmequellen in der freien Wirtschaft umzusehen.

Kindesweglegung

Die Autonomie setzte zwar unternehmerische Energien frei, andererseits wird sie vom Staatswissenschaftler Manfred Rotter als eine „Kindesweglegung“ charakterisiert. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, ist das Universitätsbudget in den letzten Jahren gesunken; immer wieder wird über unsanierte Gebäude berichtet oder über Personalnöte. Die Wiener Universität wollte vor einem Jahr für ihre Publizistikstudenten schon deutsche Prüfer ausleihen.

Aber lieber beschäftigt sich die Politik, die den Universitäten zu gern freie Hand läßt, auch hierzulande mit der plakativen Idee einer Eliteuniversität, die ablenkt vom Massenbetrieb - aber an der österreichischen Hochschulrealität komplett vorbeigehe, wie der Linzer Professor Friedrich Schneider sagt. Wohl nicht ganz zu Unrecht wird befürchtet, daß die vom Experimentalphysiker Anton Zeilinger als „Austrian Institute for Advanced Science and Technology“ geplante Exzellenz-Universität den unterdotierten Universitäten, die jetzt Unternehmen sind, Millionen abzwackt.

Zuspitzung bekannter Bilder

Es ist also wirklich nicht so lustig, sich als Ausländer zu den 193.000 Studenten Österreichs zu gesellen. Die Elternverbände treten mit scharfer Kritik an der Misere der Massenuniversitäten auf. Der Andrang zum Medizinstudium sei nur eine Zuspitzung bekannter Bilder von auf Stufen und Gängen sitzenden Studenten, denen man schon vor der Einführung der Studiengebühr Besserung der Zustände und sogar eine „Weltklasseuniversität“ versprochen hat. Grundsätzlich seien ausländische Studenten eine Bereicherung - als ein Kontingent. Denn es sei nicht zu verstehen, daß Eltern ein Bildungssystem finanzieren müssen, deren Kinder davon ausgeschlossen werden. Ein Argument, das auch die „Presse“ aufgriff: Österreich könne nicht die Bildungsprobleme des zehnmal größeren Nachbarn lösen.

Zumal es genug eigene hat, könnte mit Blick auf die extrem niedrige Akademikerquote ergänzt werden: In Österreich beginnt nur jeder dritte Jugendliche ein Studium - im OECD-Schnitt studiert jeder zweite, in Ländern wie Finnland, Australien, Ungarn, Polen oder den Vereinigten Staaten sind es sogar 60 Prozent. Und gar nur 18 Prozent der Österreicher erreichen einen Hochschulabschluß. Und diesem Schlußlicht auf der internationalen Akademikerskala sollen nun deutsche Flüchtlinge auch noch Studienplätze wegnehmen?



Text: F.A.Z., 19.07.2005, Nr. 165 / Seite 35
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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